Kürzere Gottesdienste und schärferes Profil - Evangelische Kirche berät über Reformen

Nachricht 14. November 2017

Bonn/Hannover. Die evangelische Kirche will sich nach dem Ende des 500. Reformationsjubiläums mit Reformen zukunftsfähig machen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beriet am Montag in Bonn darüber, wie der Schwung des Feierjahres genutzt werden kann, um mehr Menschen mit der Glaubensbotschaft zu erreichen. Wissenschaftler empfahlen bessere Gottesdienste, ein kantigeres Profil sowie Dialog und Zusammenarbeit mit der säkularen Gesellschaft.

Gottesdienste müssten einladender, professioneller und kürzer werden, sagte der Religionssoziologe Detlef Pollack vor der Synode. Viele hätten am Sonntagvormittag anderes zu tun, das ihnen wichtiger sei, daher sollte ein Gottesdienst nicht länger als 50 oder 60 Minuten dauern. Das wichtigste kirchliche Format werde zunehmend zu einer Insider-Veranstaltung, berge aber großes Mobilisierungspotenzial: 60 Prozent der Menschen, die mindestens einmal im Monat in die Kirche gehen, engagierten sich dort ehrenamtlich.

Pollack konstatiert insgesamt eine "schwache religiöse Nachfrage" in der säkularen westlichen Gesellschaft. Das größte Problem der Kirche bestehe heute darin, dass Glaube und Kirche den Menschen nicht so wichtig seien: "Sie haben andere Prioritäten", sagte der Wissenschaftler der Universität Münster. Die Kirche müsse daher den Sinn für Religion und "das Unendliche" in der Gesellschaft präsent halten und versuchen, den Menschen die Frage nach Gott dringlich zu machen.

Mutiger sollte die evangelische Kirche nach Pollacks Worten manchmal sein, indem sie "vom Mainstream des allgemeinen Gutmenschentums" abweicht. "Zum Beispiel, indem sie sich für die Wähler der AfD interessiert und versucht, ihre Anliegen ernst zu nehmen und zu verstehen statt sie zu verurteilen", schlug der Forscher vor. Einen weiteren Ansatzpunkte sieht Pollack darin, Eltern stärker zu einer christlichen Erziehung ihrer Kinder zu motivieren. Zwar würden über 90 Prozent der Kinder mit einem evangelischen Elternteil getauft, nur die Hälfte erhalte aber eine christliche Erziehung.

Der Bochumer Historiker Lucian Hölscher riet der Kirche, die säkulare Gesellschaft weder als Gegner des Christentums noch als passives Handlungsfeld für Mission zu sehen, sondern als Gegenüber, das den Kirchen etwas zu geben habe. Viele säkulare Menschen und Institutionen unterstützten die Kirchen, weil es zahlreiche gemeinsame Anliegen gebe. Die Kirchen sollten ihrerseits bereit sein, sich auf Debatten über Werte und Grundlagen des Zusammenlebens einzulassen. "Religion und Säkularität widersprechen einander nicht, sondern beziehen sich wechselseitig aufeinander", sagte der Emeritus der Ruhr-Universität Bochum.

Die katholische Politikwissenschaftlerin und Journalistin Christiane Florin rief zu einem wachen Blick auf die Gesellschaft und zu einer "belangvollen" Ökumene auf. In beiden großen Kirchen gebe es wenige Orte, an denen über die viel beschworene Botschaft gesprochen werde: "Was ich wirklich glaube, ist selten ein Thema." Die Menschen interessiere nicht die Frage "katholisch oder evangelisch", sondern sie stellten sich Fragen wie: "Interessiert mich das, oder interessiert es mich nicht? Geht es mich etwas an, oder geht mich nichts an? Kann ich es für mein Leben brauchen, oder das ist bloß etwas für die anderen?"

Die 120 Mitglieder des Kirchenparlaments sollen bei ihrer bis Mittwoch dauernden Jahrestagung ein Papier erarbeiten, das Anstöße für mögliche Veränderungen gibt. Impulse gaben in Bonn nicht nur Wissenschaftler, sondern auch sogenannte Scouts, die über ihre Eindrücke und Erlebnisse im Reformationsjubiläumsjahr berichteten.

Ein Papier des Synodenpräsidiums zum Schwerpunktthema "Zukunft auf gutem Grund" enthält Thesen und Fragen zur Kommunikation und Beteiligungsmöglichkeiten in der evangelischen Kirche. Konkret wird etwa gefragt, ob das Kirchenmitgliedschaftsrecht vielfältiger gestaltet werden kann.

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen