"Wie vielfältig wollen wir sein?"

Nachricht 13. November 2017

Hannover. Kirchengemeinden sollten sich nach Ansicht der evangelischen Pastorin Inga Göbert mehr darauf einstellen, dass zunehmend auch Menschen aus anderen Kulturkreisen in ihren Reihen leben. "Wenn wir nicht wollen, dass wir eine traditionalisierte Nationalkirche werden, brauchen wir mehr Offenheit", sagte die Leiterin des Projektes "Interkulturelle Kompetenz in Gemeinden" der hannoverschen Landeskirche.

Die evangelische Landeskirche veranstaltet am Dienstag erstmals einen interkulturellen Fachtag. Dabei wollen haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter in Hannover diskutieren, wie in den Kindertagesstätten, der Jugendarbeit oder in den Gottesdiensten aufgenommen wird, dass in Deutschland mittlerweile jeder fünfte Mensch einen Migrationshintergrund hat.

"Die Kirchengemeinden haben sich längst verändert, auch durch Migration", sagte Göbert. "Aber kaum eine Gemeinde nimmt das bewusst wahr und bezieht die Menschen aus anderen Kulturkreisen gezielt mit ein." Wichtig sei es aber, Begegnungen zu schaffen.

In Dortmund habe die "Lydia"-Gemeinde zum Beispiel ihre Mitgliedsdatei durchforstet. "Sie haben dabei Mitglieder aus 60 Nationen gezählt", berichtete Göbert. "Aber im Gottesdienst oder im Seniorenkreis sah man das nicht." Die Gemeinde habe daraufhin zu Kirchencafés auf Straßen und Plätzen eingeladen und ungeahnt viele neue Kontakte geknüpft.

"Zugleich müssen wir aufpassen, dass traditionelle Angebote der Kirche nicht leiden", fügte die Pastorin an. Die Gemeinden stünden bereits vielfach unter Druck, etwa durch Einsparungen und Zusammenschlüsse. Es gehe vielmehr um Sensibilität bei den bereits bestehenden Angeboten. So könnten Pastorinnen, Pastoren oder Teamer im Konfirmandenunterricht noch mehr darauf achten, was es für Heranwachsende mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen bedeute, ihre Rolle in der Welt zu finden.

"Vielleicht macht es auch Sinn, im Gottesdienst Texte in mehreren Sprachen auszulegen", sagte die Pastorin. Wichtig sei es, Neuankommenden das Gefühl zu geben, dass sie willkommen sind und auch einfach mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Durch den Zuzug vieler Flüchtlinge sei das Thema präsenter geworden. "Aber die Debatte ist viel älter." So sei es in den 1990er Jahren auf unterschiedliche Weise gelungen, Russlanddeutsche in den Kirchengemeinden aufzunehmen. "Es geht generell um die Frage, wie vielfältig wir sein wollen."

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen