Akademie Loccum diskutiert Zukunft der Protestbewegung in Syrien

Nachricht 26. Juni 2012

Nahost-Experte: Assad hat noch Rückhalt bei Wohlhabenden

Hannover (epd). Der syrische Präsident Assad hat nach Ansicht des Nahost-Experten Martin Beck trotz der Proteste im Land weiterhin innenpolitischen Rückhalt bei den wohlhabenden Kreisen. "Das könnte sich aber ändern, wenn es wirtschaftliche Sanktionen gibt", sagte Beck am Montagabend bei einer Podiumsdiskussion der Evangelischen Akademie Loccum in Hannover. Die gehobene Mittelschicht und die Oberschicht in Städten wie Damaskus und Aleppo machten es vor allem von ihrem Wohlstand abhängig, ob sie das Regime unterstützten.

Anders als in den nordafrikanischen Ländern werde die Protestbewegung in Syrien nicht von Akademikern in den Städten, sondern von der ärmeren Bevölkerung vor allem auf dem Land getragen. "Sie kommen aus der unteren Mittelschicht, es sind die Verlierer der ökonomischen Liberalisierungspolitik", sagte Beck. Assad sei angesichts der Proteste keinesfalls schon am Ende. "Er wird bis zu bitteren Ende kämpfen."

Beck rechnet damit, dass sich die Lage noch zuspitzt. "Entweder Assad setzt sich durch, oder die Opposition wird militanter werden", sagte der Wissenschaftler. Beck bezeichnete die Regierung Assad als eines der autoritärsten Regime überhaupt - gleich nach Nordkorea und Saudi-Arabien.

"Der Grad der politischen Unfreiheit ist sehr viel höher als in anderen Ländern vor Beginn des Arabischen Frühlings", sagte der Experte bei der Diskussion zum Thema "Arabischer Frühling - Syrischer Herbst: Ist der Bürgerkrieg noch zu verhindern?" Beck leitet derzeit das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jordanien und tritt im August eine Professur für Nahoststudien an der Universität von Süd-Dänemark an.

Layla Al-Zubaidi vom Beiruter Büro der Heinrich-Böll-Stiftung glaubt dagegen, dass die diplomatischen Möglichkeiten im Syrien-Konflikt noch nicht ausgeschöpft sind. Eine Schlüsselrolle spiele dabei Russland als Syriens Verbündeter. Die in Berlin lehrende Wirtschaftswissenschaftlerin und syrische Friedensaktivistin Salam Said sagte, Russland und Iran nutzten Syrien als "Handlungskarte", um sich in globalen Verhandlungen etwa um Waffensysteme eine bessere Position zu verschaffen.

Der syrische Friedensaktivist Hozan Ibrahim sagte, die Opposition habe auch auf Plätzen in Damaskus oder Aleppo demonstrieren wollen. Dort gebe es jedoch ein zu dichtes Netz an Sicherheitsbeamten, die jeden Protest niederschlügen. Neben Hunderttausenden von Demonstranten bestehe die Protestbewegung aus verschiedenen politischen Oppositionsgruppen und etwa 15.000 Soldaten, meist Deserteuren.

Seit März 2011 seien rund 13.500 Todesopfer dokumentiert, insgesamt 17.000 Opfer würden vermutet. Rund 200.000 Menschen seien auf der Flucht, davon 40.000 im Ausland. 120.000 Menschen seien verhaftet worden, 20.000 säßen weiterhin im Gefängnis. Ibrahim lebt seit 2011 als Flüchtling in Deutschland.

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