Advent im Zeichen des Castors

Nachricht 26. November 2011

Von Karen Miether (epd)

Die Kerzen brennen und alle singen "Macht hoch die Tür". Doch im niedersächsischen Wendland kommt vielerorts keine Adventsstimmung auf. Die erwartete Ankunft des Castor-Transportes überschattet das Fest.

Gorleben/Quickborn (epd). Gisela Webs hat für acht Kilometer Autofahrt zum Sonntagsgottesdienst mehr als eine halbe Stunde eingeplant. Die Bäuerin aus Quickborn nahe Gorleben kreuzt Straßen, die der Castor-Transport auf seinem Weg in das niedersächsische Zwischenlager nehmen muss. Sie ist hier früher schon oft angehalten worden. "Der Kofferraum wird durchsucht und neuerdings muss man die Motorhaube öffnen", sagt sie. "Hier gilt jeder als Täter."

An den Kreuzungen stehen Polizisten, um zu verhindern, dass jemand die Straßen blockiert oder beschädigt. Aber diesmal kommt die 49-Jährige ohne Kontrolle durch. Die elf Spezialbehälter mit Atommüll stehen noch auf der Schiene. Sie müssen erst auf Straßentransporter umgeladen werden, bevor sie hier vorbeifahren. Das dauert.

Wie die Kirchenvorsteherin Webs kommen viele Besucher früh zum Adventsgottesdienst, den drei Gemeinden traditionell in einem Landgasthaus im Örtchen Siemen feiern. Der Gospelchor singt, und der Saal füllt sich mit rund 150 Menschen - weit mehr, als Pastor Jörg Prahler erwartet hat.

"Es ärgert mich, was in diesen Tagen uns wieder aufgezwungen wird", spricht der Pastor aus, was die Besucher bewegt. Das Vertrauen in die Politik sei verloren gegangen. "In diesem Jahr ist das erste Adventswochenende ein Demonstrationswochenende." Dabei gebe es sowohl bei der Polizei als auch bei den Demonstranten viele, die besonnen handelten, und manche, die das Maß überschritten.

In den Adventsgottesdiensten im Wendland ist diesmal viel von Umkehr die Rede. "Jesus Christus ist in eine Welt hineingeboren, die nicht heil ist", sagt Pastor Klaus-Markus Kühnel in Dannenberg. In der evangelischen Kirche gibt es bundesweit deutliche Kritik an dem Castor-Transport am ersten Advent und der Endlagerpolitik der Bundesregierung. "Wir sind in dieser Zeit zu Demut vor der Schöpfung aufgerufen", mahnt auch der Lüneburger Regionalbischof Dieter Rathing. "Wir dürfen nicht den Hochmut haben, zu glauben, diese Technik auf viele Tausende von Jahren verwalten zu können."

Rathing, Kühnel und Prahler gehören zum Team von 50 Seelsorgern, die bei Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten vermitteln wollen. In diesem Jahr haben weniger diese Sonderrolle übernommen als sonst, denn in der Adventszeit steht viel im Kalender der Pastoren und Pastorinnen. Wer trotzdem in der weißen Signalweste mit der Aufschrift "Seelsorge" im Wendland unterwegs ist, hat Besonderes im Gepäck. Passend zum Kirchenfest verteilen die Vermittler Kerzen, Schokolade und Textzettel mit Adventsliedern. "Das ist sehr gut angekommen", sagt Rainer Künne-Rosien vom Team der Seelsorger am Morgen nach einer Blockade mit Tausenden Demonstranten in Harlingen.

Für Gisela Webs fällt die adventliche Besinnung flach. "Man macht seine Arbeit im Stall, melkt oder geht demonstrieren und denkt nur Castor, Castor, Castor", sagt sie. "Das begleitet uns Wochen vorher und nachher." Seit mehr als 200 Jahren ist ihr Hof rund 18 Kilometer Luftlinie von Gorleben entfernt im Familienbesitz. Vier Generationen leben hier unter einem Dach. "Es geht auch um unsere Existenz", sagt die 49-Jährige. Mehr als 30 Jahre lang habe sie immer wieder an Politiker geschrieben und etwa gefragt, wer für eine Rufschädigung durch das nahe Lager aufkomme. "Wir sind nie für voll genommen worden."

Bei Erbsensuppe und Kuchen bleibt nach dem Gottesdienst in Siemen der Castor-Transport das bestimmende Thema - wie immer, wenn die Atomfracht in der Region kommt. "Wir sprechen von der fünften Jahreszeit. Die Uhren laufen dann anders", sagte die 58-jährige Ortrud Spörck. Erlebt hat sie das viele Jahre: "Aber man gewöhnt sich nicht daran."

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Tausende Menschen demonstrieren gegen Castor-Transport

Von Karen Miether (epd)

Fahnen mit der roten Anti-Atom-Sonne flattern im Wind. In Dannenberg demonstrieren Tausende friedlich gegen den Castor-Transport nach Gorleben. Die Wende in der Atompolitik überzeugt sie nicht.

Dannenberg (epd). Mehrere Tausend Menschen haben am Sonnabend im niedersächsischen Dannenberg gegen den Castor-Transport nach Gorleben demonstriert. Die Polizei sprach von 8.000 Teilnehmern, die Veranstalter zählten 23.000. Auf einem abgeernteten Maisfeld schwenkten Menschen aller Generationen gelbe Fahnen mit der roten Anti-Atom-Sonne und stellten sich zu einem X auf, dem Symbol der Protestbewegung. Mehr als 400 Traktoren parkten am Rand des Feldes. Sie waren mit Transparenten wie "Das Leben schützen und nicht den Castor" geschmückt.

"Wir lassen ihn nicht rein. Es wird der letzte sein", spielte eine Band auf der Bühne. Ältere Menschen stützen sich auf Rollatoren oder hatten sogar Stühle mitgebracht. Die Demonstration mit Volksfestcharakter zeigte ein anderes Bild von den Protesten, als das was zum Teil vorher von Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei in den Medien zu sehen war.

Während der Zug mit elf Behältern voll hochradioaktivem Abfall durch Niedersachsen rollte, forderten Redner aus Anti-Atom-Initiativen, Umweltgruppen und Gewerkschaften, alle Kernkraftwerke in Deutschland abzuschalten. Auch nach den politischen Beschlüssen zu einem Atomausstieg bis 2022 bleibe der Protest kraftvoll, rief Kerstin Rudek von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. "Die Anti-Atom-Bewegung ist quicklebendig." Noch liefen neun Atomkraftwerke weiter: "Jetzt ist es umso wichtiger, den Druck von der Straße und Schiene zu verstärken."

Der Politik schenkten die Menschen rund um Gorleben schon lange keinen Glauben mehr, unterstrich Jochen Stay von der Initiative "ausgestrahlt". So sei die Ankündigung von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), die Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Müll neu zu starten, eine Lüge. Dies belege der Etat des Ministers, in dem für das kommende Jahr 73 Millionen Euro für den weiteren Ausbau des Salzstocks Gorleben veranschlagt sei. Für die Suche nach Alternativen stünden lediglich drei Millionen Euro bereit. "Röttgen trägt schon den geheimen Kampfnamen Pinocchio".

Der Bundesvorsitzende des Umweltverbandes BUND, Hubert Weiger, erinnerte an das Reaktorunglück im japanischen Fukushima im März, das auch in Deutschland die Wende in der Atompolitik auslöste. Wie Fukushima stehe auch Gorleben für die Risiken der Atomkraft. Mit jedem weiteren Castor-Transport in das oberirdische Zwischenlager wachse dort die Menge des radioaktiven Strahlenabfalls, von dem über Jahrtausende Gefahren ausgingen. "In Japan ist es die plötzlich eingetretene Katastrophe, im Wendland ist es die schleichende."

Aus Japan waren Betroffene gekommen, die über ihr Leben nach der Katastrophe berichteten. Die alleinerziehende Mutter Kanako Nishikata erzählte unter Tränen, dass sie ihre Heimat verlassen musste. "Das Flussufer, an dem ich mit meinen Kinder spielte, ist jetzt verstrahlt. Unseren früheren Alltag gibt es nicht mehr." Unter großem Applaus fügte sie an: "Jetzt kämpfe ich für die Zukunft meiner Kinder in einer Welt ohne Atomkraft."

Unterstützung erhielten die Atomkraftgegner auch von den Gewerkschaften und von der französischen Anti-Atom-Initiative "Sortir du nucléaire". Nach Fukushima habe auch in Frankreich der Widerstand gegen die Kernenergie deutlich zugenommen, sagte deren Vertreterin Charlotte Mijeon. "Wir erklären uns völlig solidarisch mit den Menschen in Deutschland, die hier kämpfen."

Der Transport mit elf Spezialbehältern voll radioaktiven Müll aus deutschen Atomkraftwerken war am Mittwoch im Frankreich gestartet. Er wird seitdem von Protesten und Blockadeaktionen begleitet. Noch während der Kundgebung in Dannenberg starteten nach Angaben der Initiativen mehr als 1.000 Menschen weitere Schienenblockaden zwischen Lüneburg und Dannenberg.
 

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Dieter Rathing kommentiert dies in der "Evangelischen Zeitung"

Zum Castortransport schreibt der Lüneburger Landessuperintendent in der "Evangelischen Zeitung" unter der Rubrik "Meine Meinung":

Castor statt Adventskranz

An diesem ersten Adventswochenende rollt ein weiterer Castortransport auf Gorleben zu. Viele Proteste hat es gegen diese Terminwahl der niedersächsischen Landesregierung gegeben. Für die Bewohner der Orte, die an den Gleisen liegen, gibt es in diesen Tagen keine besinnlichen Stunden. Die vielen eingesetzten Polizisten und ihre Familien müssen auf die gemeinsame weihnachtliche Vorfreude am Adventskranz verzichten.
Kirchengemeinden im Wendland können den Beginn des neuen Kirchenjahres nicht wie gewohnt festlich feiern. Stattdessen müssen sie sich der gefährlichen Ankunft des hochradioaktiven Atommülls aussetzen. Die Adventsstimmung ist dahin. Das ist ärgerlich und macht wütend. Mich auch.
In der Kirche verbinden wir den Advent aber nicht nur mit „schöner Vorweihnachtszeit“. Christliches Zugehen auf die Geburt Jesu hat auch sein herbes Gesicht. Einige unserer Adventslieder geben darüber Aufschluss, manchmal auch in ihrer Melodie. „Mit Ernst, o Menschenkinder“ (EG Nr. 10) zum Beispiel. Da klingt nichts fröhlich oder süßlich. Eher sperrig und mahnend ruft das Lied zu Umkehr und Einsicht auf. „Ein Herz, das Demut liebet, bei Gott am höchsten steht; ein Herz, das Hochmut übet, mit Angst zugrunde geht; ein Herz, das richtig ist und folget Gottes Leiten, das kann sich recht bereiten …“
Vielleicht werden nur wenige Widersprecher zum Castortransport Zeit finden, das Lied an diesem Adventswochenende zu singen. Töne des Advents bringen die friedlichen Demonstranten dennoch zur Geltung, so herb sie auch klingen mögen. Herzen, die in Demut mahnen, menschliche Gesundheit und Sicherheit nicht vor wirtschaftliche und politische Interessen zu stellen. Herzen, die Hochmut wähnen, wenn ohne die Beteiligung der betroffenen Menschen die Sicherheit des Atommülls für eine Million Jahre in Gorleben verantwortet werden soll. Herzen, die Gottes Leiten zur tiefen Sorge um seine Schöpfung führt. Das ist adventlich, so herb es auch klingt.
Dieter Rathing
Landessuperintendent
in Lüneburg