Turnschuhe unterm Klostergewand - Vier junge Frauen bilden den ersten Jugendkonvent im Frauenstift Börstel

Nachricht 11. Mai 2011

Osnabrück -  Von Charlotte Morgenthal (epd). Vier junge Frauen laufen über den Klosterhof zur Stiftskirche. Ihre bodenlangen weißen Gewänder haben sie gerafft, darunter tragen sie Turnschuhe. Die 16- bis 20-jährigen gehören zum ersten und einzigen Jugendkonvent in einem niedersächsischen Frauenkloster. Innerhalb eines Freiwilligen Ökologischen Jahres wohnen und arbeiten sie noch bis September in dem mehr als 750 Jahre alten Stift Börstel bei Osnabrück. "Die Lebensweise in einem Kloster außerhalb der Stadt war für mich etwas ganz Neues", sagt Ann Kathrin Schmidt.

Für die 20-Jährige aus Hannover und die drei weiteren Jugendkonventualinnen heißt das zunächst mal, früh aufzustehen. Gleich nach dem Acht-Uhr-Läuten der Kloster-Glocken verteilt Äbtissin Britta Rook in der Abtei die Aufgaben. Mit dem örtlichen Imker wagen sich die jungen Frauen an diesem Tag zu den Bienenstöcken. Sie wollen Schautafeln gestalten, um Besucher über die Honig-Gewinnung zu informieren. Regelmäßig pflegen sie zudem die Gemüse- und Blumenbeete im Garten des Klosters, zu dem rund 800 Hektar Land gehören.

Auch die tägliche Mittagsandacht in der Kirche gehört bei der ungewöhnlichen Praktikumsstelle zur regulären Arbeitszeit. Die Gebete, Psalmlesungen und Gesänge seien für die Jugendkonventualinnen zunächst ungewohnt gewesen, erzählt Äbtissin Rook. Einige sind nicht Mitglied einer christlichen Kirche. "Wir sehen das jetzt missionarisch und hoffen, dass sie in diesem Jahr positive Erfahrungen mit der Kirche sammeln", ergänzt die 50-Jährige.

Mittlerweile gehen die jungen Frauen ganz gern auch zu den Gottesdiensten am Sonntag. "Wir haben dadurch sogar eine neue Fangemeinde", berichtet die Äbtissin lachend. Die neuen Bewohnerinnen hätten junge Männer aus dem nahe gelegenen Dorf neugierig gemacht, die sonst nicht in die Kirche kämen. Männerbesuch ist im Gegensatz zu früheren Zeiten im Stift ab der Volljährigkeit erlaubt.

Seit dem 13. Jahrhundert leben Frauengemeinschaften in dem 1244 gegründeten ehemaligen Zisterzienserinnenkloster, das mit der Reformation ein evangelisches Stift wurde. Heute wohnt mit der Äbtissin eine weitere Kapitularin in den historischen Mauern in jeweils eigenen Wohnungen. Erst ab dem 35. Lebensjahr werden Frauen in die Gemeinschaft aufgenommen.

"Die Jugendlichen leben hier nicht das Leben einer Nonne", sagt Äbtissin Rook. Das ökologische Jahr solle vielmehr Zeit für Orientierung und die Stärkung des Selbstbewusstseins schaffen. Im Winter, wenn die Arbeit draußen schwierig wird, absolviert jede dafür ein Berufspraktikum.

Die Jugendkonventualinnen haben ein kleines Fachwerkgebäude, die ehemalige Stiftsschule, ganz für sich. Jede bewohnt ihr eigenes Zimmer. "Meine Eltern hätten mir nicht zugetraut, dass ich hier alleine und selbstständig leben kann", sagt die 17-jährige Franziska Kremer stolz, während sie sich in der Gemeinschaftsküche ihr Mittagessen kocht. Ihr Klostergewand hat sie an den Haken vor ihrer Zimmertür aufgehängt. Die helle "Kutte" tragen die Mädchen nur zum Gottesdienst. In der Freizeit geht es leger zu.

Nach Feierabend um 16.30 Uhr spielt die 20-jährige Johanna Gramüsch manchmal auf ihrer Harfe. Ober sie chattet und mailt per Handy und Computer mit Freunden und Familie. "Ein bisschen einsam ist es hier schon", gibt sie zu. Der nächste Ort Berge ist etwa sieben Kilometer entfernt. Da bleibt viel Zeit, um über Zukunftspläne nachzudenken und miteinander zu reden.

Für den zweiten Jugendkonvent läuft die Bewerbungsfrist bereits. Noch bis zum 31. Mai können sich junge Frauen aus ganz Deutschland für das Jahr im Kloster bewerben. Die ersten Jugendkonventualinnen sind sich einig, dass das Leben im Stift eine Bereicherung ist. Sie haben schon Pläne für die Zeit nach dem ökologischen Jahr gefasst. Ann Kathrin Schmidt hat mit dem Förster ausgearbeitet, wie ein Waldstück in der Moorlandschaft erhalten werden kann. Die 20-Jährige will später Landschaftsökologie studieren.

Internet: www.jugendkonvent-boerstel.de

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11.5.2011