Mit dem Schlafsack in der Kapelle - Beim Castor-Transport übernachten Demonstranten auch in Kirchen

Nachricht 08. November 2010

Von Karen Miether (epd)

Dannenberg (epd). Sieben Stunden hat Atomkraftgegnerin Jutta-Marie auf den Gleisen verbracht. Bei Harlingen zwischen Lüneburg und Dannenberg blockierte die 59-Jährige aus Bremen mit Tausenden anderen die Strecke, über die der Castor-Transport in Richtung Gorleben seine Fahrt fortgesetzt hat. "Danach habe ich das erste Mal in meinem Leben in einer Kirche geschlafen, und es war wunderschön", sagt sie am Morgen bei einer heißen Tasse Kaffee im Dannenberger Gemeindehaus.

Wie viele Privatpersonen öffnen auch Kirchengemeinden im Wendland ihre Türen für Demonstranten, wenn wieder hochradioaktive Fracht in die Region gebracht wird. "Bei diesen Minusgraden sind die Leute dafür richtig dankbar", sagt der Dannenberger evangelische Kirchenvorsteher Wolfgang Schröder. Er hat bis in die Nacht die Gäste im Gemeindehaus und in der historischen St.-Johannis-Kirche betreut. "Es ist ein einstimmiger Kirchenvorstandsbeschluss, dass das möglich ist", betont der 59-Jährige. Andere Kirchengemeinden in der ländlich-konservativ geprägten Region wie Hitzacker und Gorleben haben ähnliche Beschlüsse.

Rund 100 Gäste im Gemeindehaus und 40 in der Kirche hat Schröder vor Mitternacht gezählt, und es dürften noch mehr geworden sein. Der Kirchenvorsteher bezeichnet sich selbst als "Urwendländer". Nur für seine Ausbildung hat er die Heimat einige Jahre verlassen. Er freut sich über die Unterstützung der Demonstranten von außerhalb. "Wir sehen doch, dass hier in Gorleben die Schöpfung mit Füßen getreten wird."

Unter der Aufschrift "Unseren Toten" zum Gedenken an die Opfer der Weltkriege liegen in einer Seitenkapelle der Dannenberger Kirche am Morgen eine Isomatte und ein säuberlich zusammengelegter Schlafsack. In dem Bau, der bis ins 12. Jahrhundert zurückgeht, packen zwei Familien aus Bremen ihre Sachen. "Hier klingt sogar das Schnarchen besonders", sagt eine 14-Jährige.

Im Gemeindehaus nebenan liegen noch überall die Schlafsäcke. Der 67-jährige Demonstrant Hartwig Berger wäscht in der Küche das Frühstücksgeschirr ab. Er gehört zu einer Gruppe der Grünen aus Berlin. Ebenso Werner Graf, der im Büro der Bundesvorsitzenden Claudia Roth arbeitet. "Ich hab in der Kirche geschlafen", erzählt er. "Claudia aber nicht." Der 29-Jährige, der aus der katholischen Kirche ausgetreten ist, lobt die Gastfreundschaft. "Es ist wichtig, dass viele sich einbringen, und dass eine Wertegemeinschaft wie die Kirche das unterstützt."

Die Gemeinde hat klare Regeln aufgestellt, an die sich alle halten müssen. Alkohol und Zigaretten sind ebenso verpönt wie Gewalt. Küsterin Lidia Werwein ist ganz zufrieden mit den Besuchern. "Sie versuchen es hier sauber zu halten. Aber das ist unmöglich", sagt sie mit einem Achselzucken. Die schweren Schuhe mit denen die Demonstranten durch Matsch gewandert sind, haben sie zwar im Flur ausgezogen. Dennoch wird die Küsterin viel putzen müssen.

Ein warmer Schlafplatz zu Zeiten des Castor-Transports sei trotzdem eine gute Sache, findet die 63-Jährige. Und denkt dabei ganz pragmatisch: "Das ist sowieso alles schon teuer. Was würde es noch kosten, wenn nachher alle krank werden?"

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen
8.11.2010