Mehr Seelsorger bei Protesten gegen Castor-Transport als je zuvor

Nachricht 04. November 2010

Gorleben (epd). Die evangelische Kirche im niedersächsischen Wendland stellt sich auf ihren bisher größten Seelsorger-Einsatz bei einem Castor-Transport nach Gorleben ein. Mehr als 70 Pastorinnen, Pastoren, Diakoninnen und Diakone wollen bei den Protesten gegen den Transport an diesem Wochenende zwischen Demonstranten und Polizei vermitteln, sagte Propst Stephan Wichert-von Holten aus Lüchow am Donnerstag. "Wir rechnen aber mit friedlichen Protesten und starker Beteiligung aus der bürgerlichen Mitte."

Am Sonnabend ist in Dannenberg eine Großdemonstration geplant. Die Atomkraftgegner erwarten mehr als 30.000 Teilnehmer. Der Zug mit den elf Atommüll-Behältern aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague startet nach ihren Informationen am Freitagnachmittag im französischen Valognes. Die Proteste im Wendland sollen andauern , bis der Transport das Zwischenlager Gorleben erreicht hat. Nach Polizeiangaben sind allein entlang der 20 Kilometer Straßenstrecke zwischen Dannenberg und Gorleben mehr als 60 Camps, Kundgebungen und Mahnwachen angemeldet.

Unter den Rednern wird dabei am Sonntag auch der stellvertretende hannoversche Landesbischof Hans-Hermann Jantzen sein. "Ich will deutlich machen, dass die Kirche ihren Auftrag, die Schöpfung zu bewahren, ernst nimmt", sagte er dem epd. Der Lüneburger Landessuperintendent vertritt derzeit als Bischofsvikar das vakante Bischofsamt in der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland. Er hatte bereits im Frühjahr bei einer Menschenkette gegen Atomkraft vor rund 120.000 Menschen gesprochen.

Die Seelsorger aus dem Kirchenkreis Lüchow-Dannenberg werden Propst Wichert-von Holten zufolge von weiteren Kollegen aus Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern unterstützt. Sie seien an weißen Signalwesten zu erkennen und hätten sich mit Rollenspielen sowie mit intensiven Gesprächen mit den Initiativen und den Einsatzleitern der Polizei vorbereitet. Es gehe darum, Gewalt zu verhindern und auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu dringen. "Hier treffen nicht Meinungen aufeinander, hier stehen Menschen."

Auch die Laienvertretung der Katholiken in Niedersachsen begrüßte das kirchliche Engagement. "Der Landeskatholikenausschuss steht an der Seite der Menschen im Wendland", sagte die Vorsitzende Elisabeth Eicke am Donnerstag in Hannover. Das von den Laienräten der Bistümer gewählte Gremium sprach sich gegen Gewalt aus, sowohl auf der Seite der Polizei wie der Demonstranten.

Hintergrund: Die evangelische Kirche im Gorleben-Konflikt

Hannover/Gorleben (epd). An diesem Wochenende rollt der zwölfte Castor-Transport aus Frankreich in das niedersächsische Zwischenlager Gorleben. Atomkraftgegner erwarten dabei im Landkreis Lüchow-Dannenberg die größten Proteste, die es in der Region je gegeben hat. In den seit mehr als drei Jahrzehnten schwelenden Konflikt um die Gorlebener Atomanlagen hat sich auch die evangelische Kirche von den Ortsgemeinden bis in höchste Gremien eingeschaltet.

Seelsorger vermitteln bei Konflikten:

Während der Proteste gegen den Transport mit hochradioaktivem Atommüll wollen Seelsorger erneut bei Konflikten zwischen Demonstranten und der Polizei vermitteln, um Gewalt zu verhindern. Dabei werden rund 70 Frauen und Männer im Einsatz sein, mehr als je zuvor. Die Seelsorger sind an weißen Signalwesten zu erkennen. Regelmäßig dokumentieren sie auch, was sie beobachten, und veröffentlichen dazu Berichte. Die Hundertschaften der Polizei werden von Polizeiseelsorgern aus den einzelnen Bundesländern bei ihrem Einsatz begleitet.

Stellungnahmen der Kirche:

Die evangelische Kirche hat sich bis in ihre höchsten Gremien zur deutschen Atompolitik geäußert. Alle Stellungnahmen fordern einen schnellen Ausstieg aus der Atomenergie. Die Atomtechnologie verlange eine Perfektion, die von Menschen nicht zu leisten sei, hieß es aus der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Viele hochrangige Kirchenvertreter lehnen die Castor-Transporte in das oberirdische Zwischenlager Gorleben ab. Sie fürchten, dass mit jedem Transport auch der nahe gelegene Salzstock als Endlager wahrscheinlicher wird, noch bevor überhaupt feststeht, ob er dafür geeignet ist.

Die Kirche fordert, dass außer Gorleben mindestens ein weiterer Standort und ein anderes Wirtsgestein als Salz auf die Eignung als Endlager für hochradioaktiven Atommüll untersucht wird. Dabei lehnt die hannoversche Landeskirche Gorleben nicht generell ab, sollte sich der Standort im Vergleich als bester herausstellen. Die Kirche hat aber große Zweifel am bisherigen Verfahren. Sie fordert mehr Transparenz, überprüfbare Kriterien für ein Endlager und eine bessere Beteiligung der Öffentlichkeit.

Kirchengemeinden als Grundeigentümer:

Vier evangelische Gemeinden haben Grundstücke über dem Salzstock in Gorleben. Die hannoversche Landeskirche hat angekündigt, sich gegen eine mögliche Enteignung zu wehren. Anfang der 1990er Jahre war die Möglichkeit einer solchen Enteignung bereits ins Atomgesetz aufgenommen worden. Der Passus wurde später von der rot-grünen Bundesregierung zunächst gestrichen. Schwarz-gelb will eine Enteignung wieder möglich machen.

Die Kirchengemeinde Gartow, die zu den Grundeigentümern gehört, hat unabhängig davon Ende Oktober bereits Klage gegen die weitere Erkundung des Salzstocks eingereicht. Sie wird dabei von der Landeskirche unterstützt. Die Gemeinde hält unter anderem die Verlängerung des Rahmenbetriebsplanes von 1982 bis in das Jahr 2020 hinein für rechtswidrig, weil sich nach ihrer Auffassung die Verhältnisse und technischen Anforderungen grundsätzlich verändert haben.

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen
4.11.2010