Eine Vision für 33 Tage - Im Juni 1980 wurde bei Gorleben die "Freie Republik Wendland" geräumt

Nachricht 18. Mai 2010

Von Karen Miether (epd)



Gorleben (epd). Den grünen Pass mit der Sonne hat Heike Mahlke aufbewahrt. Er weist sie als Bürgerin der "Freien Republik Wendland" aus. Dieses Hüttendorf in einem abgebrannten Waldstück zwischen Gorleben und Trebel sei etwas "Visionäres" gewesen, sagt die 68-jährige Theologin: "Es war ein modellhaftes Zusammenleben. Häuser entstanden mit Fantasie aus dem Nichts." 33 Tage währte die Vision. Am 4. Juni 1980 räumten Polizei und Bundesgrenzschutz mit einem Großaufgebot und schweren Fahrzeugen das niedersächsische Protestlerdorf.



Mit mehr als 100 Hütten hatten Atomkraftgegner den Bohrplatz 1004 besetzt, um die Erkundung des Salzstocks Gorleben als Endlager für hochradioaktiven Müll zu verhindern. Zum Jahrestag der Räumung wollen sie am 4. und 5. Juni deutlich machen, dass ihr Protest aktuell bleibt. "30 Jahre nach 1004 sind wir mittendrin in der Gorleben-Auseinandersetzung", sagt Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg.



Das Pastorenpaar Mahlke aus dem nahen Gartow gehörte 1980 nicht zu den Besetzern. Aber sie passierten fast täglich mit den eigens eingeführten "Wendenpässen" den Schlagbaum. "Wir sind mit den Menschen dort verwachsen", erinnert sich Gottfried Mahlke. Im Dorf standen ein Freundschaftshaus und eine Sauna ebenso wie Gewächshäuser und ein hölzerner Kirchturm. Mit dem "Radio freies Wendland" gab es sogar einen eigenen Sender. "Im Haus der Frauen waren in die Wände Wasserflaschen eingebaut. Die speicherten tagsüber die Wärme und gaben sie nachts ab", erinnert sich Heike Mahlke.



Gartow war für den jungen Pastor Mahlke die erste Pfarrstelle. Zu den Plänen für die Atomanlagen in der Region hatte das Ehepaar von Beginn an eine klare Position. Als Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) am 22. Februar 1977 Gorleben als Standort für ein "Nukleares Entsorgungszentrum" benannte, war für sie klar: "Das darf nicht sein. Die Schöpfung darf man nicht kaputt machen."



Mit ihrer Haltung fühlten sie sich damals in der evangelischen Kirche weitgehend allein. Unterstützt wurden sie unter anderem von der Hamburger Theologin Dorothee Sölle und ihrem Mann Fulbert Steffensky. Überwiegend wollte man sich nicht in die Politik einmischen, sagt der Pastor. Erst später setzten sich Forderungen nach Alternativen zu einer Erkundung in Gorleben und dem Ausstieg aus der Atomkraft bis in die höchsten Gremien der Kirche durch.



Gottfried Mahlke sprach bei Demonstrationen wie dem Treck der Bauern aus dem Wendland 1979 nach Hannover. In der "Freien Republik Wendland" allerdings durfte er Pfingsten 1980 nicht reden. Die Bewohner verstießen mit ihrem Dorf gegen zahlreiche Gesetze, unter anderem das Bau- und das Meldegesetz. Der damalige Landessuperintendent nannte ihre Aktion "Hochverrat" und erteilte Mahlke ein Predigtverbot. "Es war genau die Geografie des Waldstücks beschrieben, in dem es galt", erinnert sich der 63-jährige Pastor.



An seiner Stelle predigten im Hüttendorf schließlich seine Frau und zwei weitere Pastorinnen aus Hamburg und Dortmund. "Wo einer schweigen musste, sprachen drei", sagt Heike Mahlke. Das Predigtverbot fand sogar in eine Strophe von "Das Wendland ist frei" Eingang. Es war eines der Lieder, das die rund 2.000 Menschen auf dem Dorfplatz sangen, als am frühen Morgen des 4. Juni die Polizei anrückte.



Wie die Mahlkes war auch der damals 23-jährige Wolfgang Stelljes aus der Nähe von Bremen noch am Vorabend in das Dorf gekommen, um den Protest zu unterstützen. Mehrfach wiederholte die Polizei ihre Aufforderung zur Räumung, doch die Demonstranten rührten sich nicht. "Zwölf bis 15 Hubschrauber im Tiefflug sollten uns einschüchtern", erinnert sich der heutige Hörfunk-Journalist.



Gottfried Mahlke und andere Pastoren begleiteten diejenigen, die aus Angst vor Repressalien vor der letzten Aufforderung freiwillig gingen. So war es verabredet. Heike Mahlke harrte aus, bis sie weggetragen werden sollte. "Es herrschte unheimlich viel Mut auf dem Platz", sagt sie. Am Abend existierte die "Freie Republik Wendland" nicht mehr.



Doch auch die Mahlkes wollen dabei sein, wenn im Juni erneut am Gorlebener Bergwerk demonstriert wird. Obwohl Gottfried Mahlke in den vergangenen 22 Jahren in Hannover tätig war, sind sie im Wendland geblieben. Bei den Protestaktionen träfen sie regelmäßig auch alte Bekannte, sagt er: "Die Babys vom Hüttendorf, das sind heute die Widerstandsleute."



epd lnb mir mil / 18. Mai 2010

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