Kloster Isenhagen eröffnet Museum für mittelalterliche Textilkunst

Nachricht 03. April 2009

Isenhagen/Kr. Gifhorn (epd). Moderne Technik ist in den ältesten Teil des Klosters Isenhagen bei Gifhorn eingezogen. Im ersten Stock des von 1350 stammenden Traktes eröffnet an diesem Sonnabend ein Museum für mittelalterliche Textilkunst. Wandfüllende Glasvitrinen, Kunstlicht und eine computergesteuerte Lüftung sorgen dort für Bedingungen, die vor allem den Schätzen aus Leinen, Wolle und Seide gut bekommen. "Die Luftfeuchtigkeit soll möglichst konstant gehalten werden", sagt Corinna Lohse, Restauratorin der Klosterkammer Hannover. Isenhagen ist ebenso wie die Klöster in Lüneburg und Wienhausen bei Celle berühmt für seine Bildstickereien aus dem 14. bis 16. Jahrhundert, die jetzt angemessen präsentiert werden.

"Hier gibt es einen Textilbestand von weltweitem Rang", sagt die Textilrestauratorin der Klosterkammer, Wiebke Haase. Zu den älteren Ausstellungsstücken gehört ein Ehrenbehang, der einst den Stuhl einer Äbtissin schmückte. Das mit Seidengarn bestickte Leinentuch stammt aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Es illustriert biblische Geschichten wie die von der Taufe Jesu und ergänzt sie durch Motive wie den Pelikan, der Leiden und Opfertod Jesu symbolisiert. Der Vogel reißt sich für seine Küken Fleisch aus der eigenen Brust. Fein ausgeführt zeigt die Stickerei drei kleine Pelikane, die mit gereckten Hälsen um Futter betteln.

Wiebke Haase und ihre Kollegin Tanja Weißgraf haben die kostbaren Textilien mit einem Polyester-Fleece unterlegt. Auf dessen rauher Oberfläche haften die Stoffe, ohne durch Nähte oder eine andere Befestigung strapaziert zu werden. Schon früher wurden Teile der Schätze in dem evangelischen Damenstift Isenhagen öffentlich gezeigt. "Der Raum war aber zu klein, die Textilien hingen nicht sachgemäß, und auf manchen gab es leichten Schimmelbefall", erläutert Äbtissin Barbara Möhring.

Das Kloster und die Klosterkammer beschlossen deshalb, es nicht beim Reinigen und Desinfizieren zu belassen, sondern sanierten und erweiterten für 315.000 Euro das Museum. Aus rund 40 Quadratmetern Ausstellungsfläche wurden 110. Neben den Textilien sind weitere Zeugnisse der Geschichte des 1243 von Zisterzienser-Mönchen gegründeten Klosters zu sehen. Isenhagen wurde 1265 zum Nonnenkloster und 1540 zu einem evangelischen Damenstift. Gezeigt werden unter anderem Bibeln, Abendmahlsgeräte und Urkunden wie ein Ablassbrief mit 41 Wachssiegeln.

Auch die Hälfte einer mittelalterlichen Nietbrille ist noch erhalten. Sie wurde 1961 bei Restaurierungen des Nonnenchors entdeckt. Ob das Vergrößerungsglas mit 2,9 Dioptrien benutzt wurde, um auf den kostbaren Textilien feine Nadelstiche auszuführen, ist unbekannt. Zwar stammen alle gezeigten Stickereien aus dem Kloster. "Ob die Klosterdamen sie selbst gefertigt haben, weiß man nicht eindeutig", erläutert Restauratorin Tanja Weißgraf: "Sicher ist nur: Es waren Könner am Werk. Rhythmus und Gleichmäßigkeit sprechen für geübte Hände."

Eines der eindruckvollsten Stücke hat Weißgraf näher untersucht: Der Altarbehang wurde aus dem dunkelgrünen und purpurnen Samt zweier ehemaliger Priestergewänder genäht, die nach der Reformation nicht mehr gebraucht wurden. In seinem Mittelpunkt steht eine Christusfigur, die sich wie eine Skulptur erhebt. Der helle Stoff wurde für den plastischen Effekt mit Leinenschnüren, Gewebe und Seide unterfüttert, erläutert die Expertin: "Man sieht sogar einzelne Adern." Flussperlen aus Muscheln der Heideflüsse wurden in die Kreuzigungsszene mit eingestickt.

Besucher können bei Führungen auch weitere Räume des historischen Klosters besichtigen. Jeweils einmal im Frühjahr, Sommer und Herbst öffnet das Kloster auch seinen Garten für die Öffentlichkeit. Das Gemüse aus den nach historischen Vorbildern angelegten Beeten wird noch immer geerntet. Ein kleiner Konvent evangelischer Frauen wohnt bis heute in den mittelalterlichen Mauern, erzählt Barbara Möhring: "Das Kloster ist mehr als ein Museum."

Geöffnet dienstags, donnerstags und sonnabends um 10 Uhr, mittwochs und freitags um 15 Uhr sowie im Anschluss an eine Klosterführung.

Internet: www.kloster-isenhagen.de


Karen Miether (epd) / 3.3.2009 / epd-lnb mir mig
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