Katholikentag Osnabrück mit Messe unter freiem Himmel beendet / Predigt von Landesbischöfin Käßmann im Wortlaut / Kirchentagspräsident Nagel lobt Katholikentag

Nachricht 24. Mai 2008

Katholikentag mit Messe unter freiem Himmel beendet

Osnabrück (epd). Mit einem festlichen Gottesdienst unter freiem Himmel ist am Sonntag in Osnabrück der 97. Deutsche Katholikentag zu Ende gegangen. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, rief in seiner Predigt vor rund 20.000 Gläubigen zum Engagement für Gerechtigkeit und zu Solidarität mit den Schwachen auf.

"Christen schauen nicht weg, wenn Unrecht und Gewalt ihr menschenverachtendes Gesicht zeigen, wenn Liebe, Hoffnungen und Lebenspläne zerbrechen", sagte Zollitsch. Vor Gott könne ein Leben auf Kosten anderer nicht bestehen. Unter dem Motto "Du führst uns hinaus ins Weite" waren rund 60.000 Christen zum Katholikentag nach Osnabrück gekommen. Am Sonnabend war Bundespräsident Horst Köhler zu Gast. Die Veranstalter zogen eine positive Bilanz.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Joachim Meyer, rief beim Schlussgottesdienst die Christen auf, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken: "Lasst uns den Mut zur Weite haben", sagte er. "Die Geschichte strömt immer voran, sie strömt niemals zurück - weder in der Welt noch in der Kirche."

Der Bremer leitende Theologe, Pastor Renke Brahms, lud die Katholiken zum Deutschen Evangelischen Kirchentag 2009 in die Hansestadt ein. Der Münchner katholische Erzbischof Reinhard Marx und der bayerische evangelische Landesbischof Johannes Friedrich sprachen Einladungen zum Zweiten Ökumenischen Kirchentag 2010 nach München aus.

Der Besuch von Bundespräsident Köhler am Sonnabend war der Höhepunkt des Katholikentags. Köhler rief dabei zu mehr Engagement für die Demokratie auf. "Die Demokratie in Deutschland sei gefestigt", sagte er. Sie sei aber keine Selbstverständlichkeit, sondern müsse immer wieder neu erkämpft und lebendig gemacht werden. Er dankte den Katholiken für ihren Beitrag zu einem lebendigen Gemeinwesen.

Auf einem Podium zur Zukunft der Demokratie verteidigte Köhler China gegen überzogene Kritik an der dortigen Menschenrechtssituation. China habe Millionen Menschen aus bitterster Armut geführt. "Essen ist ein Menschenrecht, das sollten wir nicht gering schätzen", sagte Köhler. Er wolle "nichts beschönigen", aber es seien durchaus Fortschritte bei den Menschenrechten festzustellen.

Zuvor hatte Köhler eine stärkere Regulierung der internationalen Finanzmärkte gefordert. "Wir brauchen strengere Regeln, und ihre Anwendung muss von Moral, Tugend und Verantwortlichkeit getragen sein", sagte er unter großem Beifall. Köhler hatte die Finanzbranche vor kurzem als "Monster" gebrandmarkt. Damit habe er den Vorrang der Politik sicherstellen wollen, erklärte er.

Im Verhältnis zwischen Protestanten und Katholiken mahnte der ehemalige Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, zu Geduld. "Ökumene braucht einen langen Atem", sagte der Mainzer Bischof. Das Gebot der Stunde sei, den Austausch ernsthaft fortzusetzen. Der Kardinal äußerte die Hoffnung, dass das 2017 bevorstehende Jubiläum der Reformation vor 500 Jahren die Ökumene voranbringen könne: "Vielleicht können wir Katholiken dabei eine wichtige Rolle übernehmen."

Auch der evangelische Präsident des Ökumenischen Kirchentags 2010 in München, Eckhard Nagel, erwartet eine konkrete Annäherung der beiden großen Kirchen im Blick auf das Jubiläum 2017. "Dafür wird die Kraft des Faktischen sorgen", sagte er dem epd: "Die Menschen sind der Diskrepanzen und des Auseinanderdividierens müde geworden."

Die Veranstalter des Katholikentags zogen am Ende eine positive Bilanz. Es sei ein "fröhliches Glaubensfest" gewesen, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. Vom Katholikentag würden Impulse für die katholische Kirche und die Gesellschaft ausgehen. Auch habe er ermutigende Zeichen für die Ökumene und das Verhältnis von Juden und Christen gesetzt. Der nächste Katholikentag findet 2012 in Mannheim statt.


(epd Niedersachsen-Bremen/b1457/25.05.08)


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Osnabrück (epd). Bischöfin Margot Käßmann hat die Katholiken aufgerufen, die Vielfalt in der weltweiten Christenheit zu akzeptieren. Diese sei ein Grund zur Freude und mache das Christentum erst richtig interessant, sagte die hannoversche Landesbischöfin in ihrer Predigt im Zentralen Ökumenischen Gottesdienst des Katholikentages am Freitag im Osnabrücker Dom.

Jede Kirche sei nur eine Provinz in der Weltchristenheit: "Wer sich der eigenen Provinzialität bewusst ist, der begreift: Ich bin nicht der Nabel der Welt, ich bin nicht alles, ich bin nicht ganz allein im Besitz der Wahrheit", erklärte Käßmann nach einem vorab verbreiteten Redetext.

Käßmann verglich die christliche Ökumene mit einem Haus mit vielen Wohnungen: "Wenn in einem Haus viele Verschiedene zusammen wohnen, ist es spannend zu sehen, wie jeder und jede den eigenen Bereich individuell gestaltet." Gefragt seien geschwisterliches Interesse aneinander, Aufmerksamkeit für den anderen und Achtsamkeit für die jeweils verschiedene Tradition.

Verbunden seien alle Konfessionen durch die Taufe, die von allen anerkannt werde, bekräftigte Käßmann. Durch sie werde ein Mensch zum Christen: "Das ist sozusagen unser Familienname auf dem ganzen bewohnten Erdkreis." Über kulturelle, nationale und konfessionelle Differenzen hinweg gebe es ein Bewusstsein, zu der einen Familie der Christen zu gehören, sagte die Bischöfin.

Gleichwohl müsse auch über die Differenzen geredet werden: "Wir haben zu ringen über die Versöhnung unserer Verschiedenheit." Besonders schmerzlich sei, dass Katholiken und Protestanten nicht gemeinsam das Abendmahl feiern könnten. Für Differenzen zwischen den Konfessionen hatte in jüngster Zeit der Vatikan gesorgt, der Protestanten nicht als Kirche im vollen Sinn anerkennt.


(epd Niedersachsen-Bremen/b1421/23.05.08)
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Ökumene-Experte Weber für "gestuftes Einigungsmodell"

Osnabrück (epd). Der evangelische Landesbischof Friedrich Weber hat auf dem Katholikentag in Osnabrück die Zusammenarbeit von Katholiken und Protestanten als "ein enorm kostbares Gut" bezeichnet. Die Ökumene bereichere die Kirchen, sagte Weber am Freitag in einer Podiumsdiskussion, an der er als Catholica-Beauftragter der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) teilnahm.

Die weitere Annäherung sollte nach dem Grundsatz der "versöhnten Verschiedenheit" in einem gestuften Einigungsmodell erfolgen, meinte Weber. Er schlage vor, das jeweils Erreichte zu sichten und zu sichern. Die Kirchen sollten darüber Erklärungen abgeben, die einen hohen Grad an Verbindlichkeit haben. Eine "Ökumene der Profile", die der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, unterstützt hat, lehnte Weber ab. Das Betonen der Eigenheiten könne leicht im Sinne einer bleibenden Abgrenzung verstanden werden, warnte der braunschweigische Landesbischof.

Weber riet zur Bescheidenheit und zur Rücksichtnahme auf das Tempo des Dialogpartners. Ökumene ist nach den Worten Webers "gegenseitige Achtung statt Misstrauen und Feindschaft". Sie sei praktische Zusammenarbeit und Rücknahme von Verurteilungen.


(epd Niedersachsen-Bremen/b1434/23.05.08)
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Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann
Predigt im ökumenischen Gottesdienst
Osnabrück, 23.5.08 (Joh 14, 1-14)

Liebe Gemeinde,

manchmal ist es zum Fürchten. Wir erleben eine Zeit, in der uns viele Fragen umtreiben. Arm und Reich in Deutschland. Klimawandel. Gewalt mitten in unserem Land. Gesteigerte Rüstungsexporte in Zeiten des Friedens. Entsetzliches Erdbeben in China. Dramatisches Elend in Birma. Menschenrechtsverletzungen in aller Welt. Wem wird da nicht manchmal bange?

Fürchte dich nicht, sagt der Prophet Jesaja. Euer Herz erschrecke nicht, sagt Jesus in seiner Abschiedsrede den Jüngerinnen und Jüngern, die zurück bleiben. Lasst euch nicht bedrängen, ruft der Evangelist Matthäus der bedrängten jungen Gemeinde zu.

Für mich ist das eine Art cantus firmus der Bibel, des Evangeliums: Fürchtet euch nicht! Dieser Ruf klingt schon durch die Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas. Und immer wieder tönt die Grundmelodie: Vertraut euch Gott an! Habt keine Angst! Ihr gehört doch längst zu der Familie der Kinder Gottes.

Ich denke, der Predigttext, der für den heutigen ökumenischen Gottesdienst ausgesucht wurde, gibt uns drei Schneisen, an denen wir uns orientieren können.

1. Der Weg

Jesus sagt in dieser ersten Abschiedsrede im Johannesevangelium: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Das ist eine sehr deutliche Aussage, da gibt es nichts zu interpretieren. Sie ist ein klares Bekenntnis, eines, das richtungsweisend ist, uns aber auch von anderen trennt.

Als ich in einem Interview gesagt habe, für mich sei Jesus nun einmal der Weg, die Wahrheit und das Leben, rief mich ein Freund an und fragte, ob ich nun nicht ein bisschen sehr evangelikal geworden sei, das klinge ja geradezu fundamentalistisch. Wenn fundamentalistisch bedeutet: andere degradieren, sich auf dem einzig richtigen, allen anderen überlegenen Weg dünken, auf andere herabsehen oder sie auf den eigenen Weg geradezu mit Gewalt ziehen wollen, weil ich vermeintlich „besser“ glaube, halte ich das für problematisch. Heißt fundamentalistisch aber: wissen, auf welchem Fundament ich stehe, dann deute ich das positiv. Auch für den Dialog der Religionen müssen wir doch wissen, wo wir stehen!

Vergangene Woche war ich in Greifswald zu zwei Veranstaltungen eingeladen. Ein Team des NDR begleitete mich nach dem Motto: Was ist eigentlich eine Bischöfin? Interessanterweise sprach mich nach der letzten Veranstaltung der Tontechniker an. Er sei Moslem, aber das sei doch nun wirklich interessant gewesen für ihn. Wo Christen denn sonst so über den Glauben sprechen würden? Gäbe es da Gesprächsrunden, weil das ihn wirklich interessieren würde. Was glaubt ihr eigentlich? An einen Gott oder an drei? Wie könnt ihr an einen glauben, der gestorben ist? Soll das wirklich Gott selber gewesen sein?

Gern hätte ich mit dem jungen Mann weiter diskutiert, aber ich musste weiter und die Journalistin und der Kameramann drängten zum Aufbruch. Mir wurde noch einmal klar: Wenn wir einen Dialog mit Muslimen führen wollen, müssen wir Christus in den Vordergrund stellen. Er ist unser Zugang zu Gott, durch ihn können wir verstehen, wie Gott ist. Jesus hat uns die Möglichkeit eröffnet, einen Weg zu Gott zu finden, zum Gott, den er selbst Abba nannte.

Das sollte auch unser Verhältnis zum Judentum prägen. Wenn Jesus sagt: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“, dann meint er den Gott, zu dem Jüdinnen und Juden sich bekennen. Ich bin überzeugt, es ist gut, wenn wir im Gespräch mit Menschen jüdischen Glaubens von unserem Glauben an Jesus Christus sprechen. Aber dass sie diesen Vater bereits kennen, daran lässt Jesus als Jude keinen Zweifel. Wir sind vielmehr Geschwister im Glauben, das gilt es, in den Vordergrund zu stellen.

Der Weg, von dem Jesus spricht, ist kein Spaziergang mal fröhlich durch die Welt. Es ist ein Weg, der ans Kreuz führt. O ja, ich bin sehr dafür, dass Christinnen und Christen eine fröhliche Ausstrahlung haben. Miesepetrige Christen sind ein Widerspruch in sich selbst, denn wir glauben an den Auferstandenen und nicht an einen Toten!

Aber wir sollen uns auch keinen Illusionen hingeben: in dieser Welt gibt es Leid und Tod. Wer angesichts von Leid und Tod fragt: Wie kann Gott das zulassen?, akzeptiert nicht, dass diese Welt unerlöst ist. Hier gibt es Schmerz und Leid. Erst in Gottes Zukunft werden alle Tränen abgewischt sein. Das ist aber keine Anfrage an die Existenz Gottes. Es ist eine Frage an das Gottvertrauen. Gott will uns begleiten, gerade dann, wenn wir erschrecken, wenn wir Angst haben, Schmerzen erleiden, mit dem Tod konfrontiert sind. Dieser Weg wird kein leichter sein…. Aber es wird ein Weg sein mit Gott an unserer Seite.


2. Die Wohnungen

In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Das könnte uns natürlich nett beruhigen nach dem Motto: viele Wohnungen heißt viele Konfessionen. Also regt euch nicht auf, ihr lieben Christen, ist schon genug Platz für alle! Soll doch jeder nach seiner Facon selig werden…

Bei den Wohnungen handelt es sich aber nun gerade nicht um eine Vertröstung auf das Jenseits! Gott ist schon gegenwärtig! In der rabbinischen Tradition wird erzählt, dass ein Präfekt die Torarolle verbrennen ließ, aus der Rabbi Chanina ben Teradjon gelehrt hatte. Daraufhin sagt der Rabbi: „Mein Herr, bilde dir nicht ein, dass du die Tora verbrannt hast. Denn an den Ort, von dem sie ausging, ist sie zurückgekehrt: zum Haus ihres Vaters.“ (Wengst. S. 118)

Das „Haus des Vaters“ ist also eine Art Zufluchtsort für alles, was zu Gott gehört. Es ist ein Ort, an dem die Diktatoren der Erde ob in Simbabwe oder in China kein Gastrecht haben. Gottes Haus ist ein Ort, an dem die Kleinen der Erde, die Leidenden, die Verletzten, die misshandelten Kinder Zuflucht finden. Und das bitte nicht erst in der kommenden Welt. Das muss uns doch Auftrag sein mitten in dieser Welt! Hier haben wir zu handeln, hier wollen wir eintreten für die Rechte der Menschen, hier gilt es, Kummer zu trösten und Elend zu bekämpfen. Gottes zukünftige Wohnungen sind immer eine Herausforderung an allzu satte diesseitige Einnistungen. Der Himmel gibt uns Baupläne vor für das Leben auf der Erde.

Viele Wohnungen, ja, das bedeutet wohlauch, dass wir verschieden bleiben werden. Aber ich denke nicht an ein Mietshaus, in dem die kleine Lea-Sopie verhungern kann, ohne dass es jemand merkt, nicht an einen Keller in dem eine Frau 24 Jahre gequält wird, ohne das jemand aufmerksam wird, nicht an eine Wohnung, in der ein alter Mann stirbt, ohne dass jemand merkt: er fehlt. Ich denke an ein Haus der lebendigen Beziehungen, in dem es fröhlich durcheinander geht, einer die andere sieht, wir aufeinander achtgeben. Wohnungen, die offen und durchlässig sind, in denen wir miteinander beten, Lieder singen, unsere christlichen Rituale feiern.

Ökumene gedacht als ein Haus mit vielen Wohnungen heißt für mich: geschwisterliches Interesse aneinander, Aufmerksamkeit für den anderen, Achtsamkeit für die so verschiedene Tradition. Einander besuchen, voneinander lernen, miteinander feiern. Wie sagte Ernst Lange: Jede Kirche ist nur eine Provinz der Weltchristenheit. Wer sich der eigenen Provinzialität bewusst ist, begreift: ich bin nicht der Nabel Welt, ich bin nicht alles, ich bin nicht ganz allein im Besitz der Wahrheit. Interessant wird es doch erst durch Vielfalt. Wenn in einem Haus viele Verschiedene zusammen wohnen, ist es spannend zu sehen, wie jeder und jede den eigenen Bereich individuell gestalten. Und doch bleibt es eine Gemeinschaft, eine Familie.

3. Die Taufe

Teil dieser Familie werden wir durch die Taufe. Erst im vergangenen Jahr (am 29.4.07) haben wir in Magdeburg gefeiert, dass die Kirchen in Deutschland die Taufe gegenseitig anerkennen. Wir sind getauft auf seinen Namen und damit heißen wir alle nach ihm: Christ bzw. Christin. Das sozusagen ist unser Familienname auf dem ganzen bewohnten Erdkreis, der Ökumene. Das wollen wir auch beim Ökumenischen Kirchentag 2010 in München miteinander feiern.

Erfahren Menschen bei uns noch, was diese Taufe bedeutet? Martin Luther hat, wenn er in größten zweifeln und Ängsten war, sich immer daran festgehalten: Baptizatus sum! Ganz individuell wusste er sich durch die Taufe in eine Beziehung zu Gott hinein genommen. Ganz gemäß der Aussage des Jesaja: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Gott kennt uns je persönlich, sagt das. Ich bin im Blick, ganz unabhängig von dem, was ich leiste und tue. Ich bin von Gott gemeint, Gott sieht mich und mein Leben.

Deshalb ist mir die Taufe so wichtig. Sie nimmt uns hinein in die weltweite Familie der Kinder Gottes. Vergangenes Jahr gab es ein besonders schönes Tauffest in unserem Kloster Loccum.1163 wurde es von Zisterziensern gegründet, in sich also ein ökumenisch geprägter Ort. Unser Kirchenkreis hat 438 Familien angeschrieben, die evangelisch sind, aber ihre Kinder von 1 bis 12 Jahren nicht hatten taufen lassen. 47 Familien haben geantwortet. 62 Kinder aus diesen Familien wurden zur Taufe angemeldet. Am 16. Juni fand ein Tauffest statt, bei dem acht Pastorinnen und Pastoren 60 Kinder tauften. Anschließend gab es ein Kaffeetrinken im Kloster, an dem fast 800 Personen, Eltern, Täuflinge, Paten, Großeltern, Geschwister teilgenommen haben. Das ist für mich eine schönes Beispiel dafür, dass Taufe ein Gemeinschaftsgeschehen ist. Ein Mensch, der getauft wird, wird Teil einer Gemeinschaft.

Diese Gemeinschaft lebt in einer positiven Vielfalt der Farben des Lebens im Glauben. Vor zwei Jahren wurde mir das besonders deutlich. Ich war eingeladen zum 300. Jubiläum der Ankunft der ersten lutherischen Missionare in Tranquebar. Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau mit Namen. Das war ein großes Fest. Da kamen viele Kirchenvertreter mit Mitra und großartigen Gewändern, ich nur im schwarzen Talar mit Beffchen und Kreuz. Aber die indischen Christinnen und Christen kamen fröhlich auf mich zu, weil sie genau diese Kleidung von den überall plakatierten historischen Bildern kannten: „You are from Ziegenbalg country!“, sagten sie. „O yes!“, habe ich gesagt. Und ich war tatsächlich gekleidet wie der erste deutsche Missionar namens Ziegenbalg. So wurde eine kleine Bischöfin in Indien gleich als lutherisch erkannt, einfach durch den schwarzen Talar.

Es gibt also ökumenisch-konfessionelle Verbundenheit über Kontinente hinweg, das Bewusstsein, über kulturelle, nationale und auch konfessionelle Differenzen hinweg in aller Welt zur einen Familie der Christen zu gehören. Ja, wir müssen über unsere Differenzen sprechen, wir haben zu ringen um eine Versöhnung unserer Verschiedenheit. Da gibt es auch schwierige und manchmal schmerzhafte Auseinandersetzungen. Vor allem trifft uns dieser Schmerz, wenn wir das zentrale Zeichen unserer Gemeinschaft, das Abendmahl nicht miteinander feiern können. Zuallererst aber kann doch auch die Freude stehen über die Vielfalt in der wir als Geschwister unseren Glauben an Jesus Christus rund um die Welt leben und feiern.

Liebe Gemeinde,

erschrecken wir nicht! Vertrauen wir uns mitten in den Wirren dieser Zeit Jesus Christus an, der für uns der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Wissen wir in allen Ängsten und Auseinandersetzungen, dass es letzen Endes Gottes Haus, das uns beheimatet. Zu Gott gehören wir, davon wollen wir auch reden. Wir sind getauft auf seinen Namen – das verortet uns, gibt uns Lebenskraft und Orientierung mitten in allen Wirrnissen der Zeit. Das lässt uns wahrnehmen: wir sind Geschwister in der Familie der Kinder Gottes, getauft auf den gemeinsamen Familiennamen: Christus. Das sollte uns ökumenischer Ansporn sein, zu erkennen, dass uns mehr verbindet, als uns trennt, dass wir mehr miteinander gestalten können an Gottesdiensten und Handeln in der Welt, als wir dachten und dass unser Miteinander uns bereichern wird. Gebe Gott der Heilige Geist, dass wir daraus Kraft schöpfen für unseren persönlichen Glauben und zum gemeinsamen Zeugnis in der Welt. Amen.


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Kirchentagspräsident Nagel lobt Katholikentag

Osnabrück (epd). Der evangelische Präsident des Ökumenischen Kirchentages 2010 in München, Eckhard Nagel, hat die Offenheit des Katholikentages für Protestanten gelobt. "Es hat sich eine ökumenische Vertrauensgemeinschaft gebildet, das ist deutlich spürbar", sagte der Bayreuther Mediziner am Sonntag in Osnabrück in einem epd-Gepräch. Evangelische Christen wirkten heute ganz selbstverständlich an dem Katholikentreffen mit. Seit dem ersten Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin hätten sich beide Seiten verstärkt zu ihren bundesweiten Treffen eingeladen.

In der kirchlichen Hierarchie würden die Unterschiede zwischen den Konfessionen stärker empfunden als an der Basis, sagte Nagel, der auch dem Deutschen Ethikrat angehört. Er bedauerte, dass der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, nicht am Katholikentag teilnahm: "Das finde ich schade, denn eine solche herausragende Persönlichkeit wird hier schon vermisst." Huber war zu einer Diskussion über den Religionsunterricht eingeladen, sagte aber aus Termingründen ab.

Eine konkrete Annäherung der beiden großen Kirchen erwartet Nagel vom Reformationsjubiläum 2017. "Dafür wird die Kraft des Faktischen sorgen", sagte er: "Die Menschen sind der Diskrepanzen und des Auseinanderdividierens müde geworden." Viele der heute noch bestehenden Probleme könnten sich dann lösen. Eine organisatorische Einheit der beiden Kirchen mit gemeinsamen Strukturen wäre dabei nicht unbedingt ein Vorteil, sagte Nagel: "Aber vielleicht ergibt sich ja eine sinnvoll vorstellbare christliche Holding."

So hätten die evangelische und die katholische Kirche in Baden schon heute einen gemeinsamen Internet-Auftritt. Auch könnten Diakonie und Caritas nicht auf Dauer gegeneinander arbeiten. Ein drängendes Problem sei, dass konfessionsverschiedene Ehepaare nach wie vor nicht gemeinsam zur katholischen Eucharistie (Abendmahl) gehen könnten. Der evangelische Kirchentag prüfe derzeit, ob das Protestantentreffen 2017 in der Luther-Region Eisenach/Wittenberg/Leipzig stattfinden könne, sagte Nagel, der dem Kirchentagspräsidium angehört.

2017 jährt sich der Protest Martin Luthers gegen den Ablass im Jahr 1517 zum 500. Mal. Der Anschlag seiner 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg gilt als Geburtsstunde der Reformation und der evangelischen Kirche.


(epd Niedersachsen-Bremen/b1454/25.05.08)
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