Erstmals wird evangelische Kirche zu einer Synagoge

Nachricht 03. Mai 2007

Hannover (epd). Die evangelische Gustav-Adolf-Kirche in Hannover ist nach Angaben der hannoverschen Landeskirche die erste Kirche in Deutschland, die zu einer Synagoge umgebaut wird. Die Kirche werde an diesem Sonntag in einem feierlichen Gottesdienst mit einem Ritual als christliche Kirche entwidmet, sagte die hannoversche Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann am Donnerstag vor Journalisten. Die Liberale Jüdische Gemeinde werde die Kirche für 350.000 Euro kaufen. Die Vorverträge seien bereits geschlossen, sagte Spieckermann.

"Es ist ein Geschenk des Himmels, dass die jüdische Gemeinde gerade Räume suchte", sagte die leitende evangelische Theologin. Dies sei auch ein positives Signal in einer Zeit, in der sich der Antisemitismus in der Gesellschaft wieder deutlich zeige: "Wir geben etwas an diejenigen zurück, deren Gotteshäuser vor 70 Jahren zerstört worden sind", betonte Spieckermann.

In Hannover gebe es anders als in Bielefeld keine Probleme mit dem Verkauf. In Bielefeld haben Kirchenmitglieder ihre Kirche besetzt, um gegen den Verkauf an die Jüdische Kultusgemeinde zu protestieren. Die Gustav-Adolf-Gemeinde habe sich bewusst dafür entschieden, ihre Kirche an die jüdische Gemeinde zu verkaufen. "Damit bleibt die Kirche ein gottesdienstlicher Raum und wird weder abgerissen noch als Kino genutzt", sagte Spieckermann.

Die Diskussion um einen Verkauf habe bereits Ende der 90er Jahre begonnen, sagte Gemeindepastorin Sigrid Lampe-Demsky. Die Gemeinde sei 1967 aus der Herrenhäuser Gemeinde hervorgegangen und habe im Mai 1971 ihre Kirche eingeweiht. Damals habe sie etwa 3.400 Mitglieder gehabt. Heute seien es noch 1.300. Die Gründe dafür seien nicht Kirchenaustritte. In dem ursprünglichen Eisenbahner-Viertel Leinhausen lebten inzwischen viele Ausländer, die nicht der evangelischen Kirche angehörten.

Erstmals werde nun am Sonntag eine Kirche der hannoverschen Landeskirche in einer feierlichen Zeremonie entwidmet, sagte Ingrid Spieckermann weiter. Alle christlichen Symbole wie Bibel, Taufschale, Abendmahlsgeräte und Kerzen würden unter Gebeten und Segen aus der Kirche getragen. Die alte Orgel werde genauso ein letztes Mal erklingen wie die Glocken, dann werde die Kirchentür abgeschlossen.

In der Herrenhäuser Kirche, in die die Gemeinde nun nach 36 Jahren zurückkehre, werde der Gottesdienst mit einem Abendmahl fortgesetzt, sagte Pastorin Lampe-Demsky. Hier erhielten die sakralen Gegenstände auch ihren neuen Platz. Die beiden Kirchengemeinden hatten sich bereits Anfang 2006 zur Gemeinde "Herrenhausen-Leinhausen" zusammengeschlossen.

(epd Niedersachsen-Bremen/b1185/03.05.07)
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Hintergrund: Umnutzung von Kirchen

Hannover (epd). Mit einem feierlichen Gottesdienst endet an diesem Sonntag die Nutzung der Gustav-Adolf-Kirche in Hannover-Leinhausen als christliche Kirche. Sie wird an die Liberale Jüdische Gemeinde verkauft, die das Gebäude zu einer Synagoge umbauen will. "Auch in der Vergangenheit sind vereinzelt schon Kirchengebäude aufgegeben worden", sagte die Pressesprecherin der hannoverschen Landeskirche, Gabriele Arndt-Sandrock, auf epd-Anfrage.

Die Martini-Kirche in Moringen bei Göttingen sei zum Beispiel bereits seit 1850 nicht mehr als Kirche genutzt worden, sagte Arndt-Sandrock. Sie gehört heute einer Töpferei. In den vergangenen Jahrzehnten sind nach einer Statistik des Landeskirchenamtes acht Kirchen und drei Kapellen der heute insgesamt 1.371 Kirchen- und 176 Kapellengemeinden der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers verkauft worden. Sie werden als Museen, Konzertsäle, Bibliotheken oder wie die ehemalige hannoversche Ansgarkirche als Archiv und Orgelmagazin genutzt.

Nach Angaben der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) sind im Lauf der Geschichte immer wieder kleine oder schadhafte Kirchen durch einen Neubau ersetzt worden. Heute führen unter anderem demografische Veränderungen dazu, dass eine Kirchengemeinde ihre Kirche finanziell nicht länger halten kann und sich mit einer anderen Gemeinde zusammenschließt, wie dies jetzt bei der Gustav-Adolf-Gemeinde geschieht. Sie geht mit der Herrenhäuser Gemeinde zusammen.

Für den Abschied von einem Kirchengebäude hat die VELKD vor einem Jahr ein Ritual entwickelt, das ursprünglich aus den Niederlanden stammt. Dort sind bereits zahlreiche Kirchen entwidmet und in Wohn- oder Geschäftshäusern umgewandelt worden. In Deutschland hatte sich der 23. Evangelische Kirchbautag 1999 für den Erhalt der Kirchen ausgesprochen. Bevor es zum Verkauf oder Abriss komme, müssten alle Möglichkeiten der Mit- oder Fremdnutzung durch kulturelle oder kommunale Träger erschöpft sein.

Das Abschiedsritual sieht vor, dass die christlichen Symbole wie Abendmahlskelche, Leuchter, Kerzen oder Taufschale aus der Kirche hinaus getragen und an ihren neuen Bestimmungsort gebracht werden. In einer Prozession zieht die Gemeinde am Schluss unter Orgelklang aus. Danach läuten die Glocken. Die Kirche wird abgeschlossen, der Schlüssel einer verantwortlichen Person übergeben. Mit einer Urkunde kann die Entwidmung besiegelt werden.

(epd Niedersachsen-Bremen/b1174/03.05.07)
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