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Bild: Steffen Schellhorn/epd-bild

Ohne Angst - Allein durch den Glauben

Tagesthema 31. Oktober 2017

Andacht zum Reformationstag 2017

Ein festliches Jahr geht heute zu Ende. Große Feste und kleine Feiern, Diskussionen, Konzerte und Events reihten sich in diesem Jahr im ganzen Land aneinander. So viel Einsatz zum Reformationsjubiläum an so vielen Orten in unserer Landeskirche – da muss einem das protestantische Herz aufgehen. Es war großartig, wie viele Menschen sich engagiert haben – Dank von Herzen dafür.

"Die Pointe der Reformation"

Unsere Feiern, unsere dankbare Rückschau und auch der hoffentlich getroste Blick in die Zukunft ruhen auf einem Vers aus dem Römerbrief: „So halten wir es nun, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Röm 3,28). Mit diesen Worten wurden Theologie- und Kirchengeschichte geschrieben. In der revidierten Lutherbibel, die in diesem Jahr veröffentlicht wurde, ist er erhalten geblieben, der berühmteste und zugleich von Luther beabsichtigte Übersetzungsfehler: „…allein durch den Glauben“. Die lateinische Vulgata und der griechische Text lagen Martin Luther auf der Wartburg vor, als er die Bibel übersetzte. In beiden kein Hinweis auf ein „allein“.

Das ist und bleibt eine Pointe der Reformation. Dieses eine Wort, das Luther eingefügt hat, meinte für ihn vor allem ein „weniger“. Denn was hatte man an den Glauben nicht alles angehängt? Wie hatte man ihn umzäunt und in die Gewalt der Kirche gezwungen. Was war zur Schrift alles hinzugekommen, damit man der Verdammnis vor Gott und der Höllenfahrt entkomme: Wallfahrten und Ablassbriefe, Pilgerreisen und asketische Übungen, Messen und Bußübungen, Lehrautorität der Kirche, Almosen und vieles andere. Es ist Martin Luther, der auffordert, auf diese Angst vor dem Zorn Gottes mit Tapferkeit und Teufelsverachtung zu reagieren. Denn: Es kommt auf den Glauben an, allein auf den Glauben und nichts sonst.

"... wenn eine Mehr in unserer Gesellschaft überhaupt nicht mehr nach Gott fragt?"

Da sitzen wir nun ohne Spickzettel und müssen durchs Leben kommen. Luthers Theologie war immer anspruchsvoll und niemals leicht zugänglich. Und durch den historischen Abstand ist sie noch schwerer zu begreifen. Wie kann man dieses Ringen Luthers, das sein ganzes Leben umfasste, noch verstehen, wenn eine Mehrheit in unserer Gesellschaft überhaupt nicht mehr nach Gott fragt? Prognosen wagt heute keiner mehr. Niemand weiß, wie die Welt morgen aussehen wird. Was wird aus Amerika und Nord-Korea? Wie wird es werden mit einer neuen Bundesregierung, einer neuen Landesregierung? Doch anders als zu Zeiten Martin Luthers käme kaum noch jemand darauf, die Angst vor der Zukunft, die Angst vor Terror, die Angst vor Armut und sozialem Abgehängtsein direkt mit Gott in Verbindung zu bringen oder sie mit der Endzeit zu verknüpfen.

Reformation heißt die Welt zu hinterfragen

Was kann unser Glaube in dieser Spannung zwischen Licht und Finsternis trotzdem heute die Welt verwandeln? „Reformation heißt, die Welt zu hinterfragen“, das war der Slogan für die Feierlichkeiten in Reformationssommer in Wittenberg. Ist es heute noch möglich, so zu glauben, dass der christliche Glaube die Welt verändern kann? Dass Menschen gesund werden, dass Kriege ein Ende finden, dass die Verwundungen, die uns das Leben täglich zufügt, geheilt werden? Natürlich ist es möglich! Aber ... es geschieht so selten.

Wer geht denn von uns hin und glaubt? Glaubt daran, dass dieses Leben besser wird? Wer glaubt, gegen allen Anschein, im privaten wie im öffentlichen, dass diese Welt sich verändert? Wer geht hin und glaubt, dass man selbst seinem Feinde verzeihen kann und so die Spirale von Gewalt durchbricht? Wer geht hin und hinterfragt seine eigene Welt - in aller Freiheit?

"Christus allein - das bleibt unser Auftrag!"

Es ist unsere Aufgabe, diese Ängste ernst zu nehmen und Antworten aus dem christlichen Glauben heraus zu finden. Sprecht von der Freiheit des Glaubens. Sagt es den Kindern, den Konfirmanden und Konfirmandinnen und den Jugendlichen. Sagt es den Familien beim Familiengottesdienst, den Männern beim Männerfrühstück, den Besucherinnen auf dem Mittelaltermarkt, diskutiert es bei Podiumdiskussionen zur Zukunft der Ökumene, singt es in euren Gospels und feiert es wieder in euren Gottesdiensten: Es geht um die Freiheit allein aus Glauben. Nicht um Martin Luther, nicht um die anderen Reformatoren. Christus allein - das bleibt unser Auftrag über 2017 hinaus!

Landesbischof Ralf Meister

Der Bibeltext

„So halten wir es nun, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“

Römer 3,28

Der Autor

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Landesbischof Ralf Meister. Bild: Neite