Foto: Jens Schulze

Familie Beutler und die Tschernobyl-Kids

Tagesthema 17. Juli 2017

21 Kinder aus Weißrussland verbringen ihre Ferien in diesem Jahr im Kirchenkreis Hildesheimer Land-Alfeld

Kniffel mag Dima eigentlich nicht so gern spielen. Denn dabei verliert er meistens. Andererseits lassen sich beim Würfeln die deutschen Zahlen gut lernen. Was liegt diesmal unter dem Becher? „Tri – drei, piat – fünf ...“, übt der Zehnjährige laut. Lisa hat mehr Glück – die Elfjährige hat schon wieder einen Viererpasch gewürfelt. Ihren Jubel muss sie niemandem übersetzen …

31 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sind in diesem Sommer erneut Kinder mit Betreuern aus Weißrussland nach Niedersachsen gekommen – zu einem Erholungsaufenthalt, den die hannoversche Landeskirche organisiert hat. Dima und Lisa gehören zu den rund 550 Gästen, die in diesem Jahr bei Familien in 18 Kirchenkreisen einquartiert wurden. Die Ferienaktion mit guter Tradition: Es gibt sie mittlerweile zum 27. Mal.

Drei Wochen bei der Gastfamilie und eine Woche im niedersächsischen Sassenburg am Bensteinsee – so sieht das Programm für Dima, Lisa und die 14 anderen weißrussischen Kinder aus, die der Kirchenkreis Hildesheimer Land-Alfeld eingeladen hat.

Baden, spielen – Urlaub machen

Am Bernsteinsee wohnen die Neun- bis 14-Jährigen, die Dolmetscherinnen und Betreuer auf dem Freizeitgelände des Fördervereins der Peter-Pan-Schule. Für diese Woche hat Bernd Beutler den Hut auf. Der 60jährige, der in Alfeld als Schulhausmeister arbeitet, engagiert sich seit acht Jahren bei der Ferienaktion der hannoverschen Landeskirche. Er organisiert das abendliche Grillen, den Besuch im Wolfsburger Phaeno, die Stippvisite beim Alfelder Bürgermeister, den Tobetag im Badeland … und er ist glücklich, wenn sich die kleinen Gäste wohlfühlen.

Dazu gibt es am Bernsteinsee jede Menge Gelegenheit. Das Freizeitgelände liegt mitten im Wald, die kleinen Bungalows stehen unter hohen Bäumen, bis zum See sind es gerade einmal zehn Minuten Fußweg. Es weht ein leichter Wind, die bunten Handtücher, die auf der Leine zum Trockenen hängen, schaukeln hin und her. Iwan lacht, als er versehentlich den Ball in die bunte Wäsche fliegen lässt. Katja und Mascha helfen derweil in der Küche, das Abendbrot vorzubereiten. Sie putzen begeistert Salat, schneiden Gurken klein.

Reaktorkatastrophe 1986 – noch immer aktuell

Zur Ferienaktion, die seit 1991 von der hannoverschen Landeskirche veranstaltet wird, werden vor allem Kinder eingeladen, die in der weißrussischen Region Gomel wohnen – ein Gebiet, das von der Reaktorkatastrophe 1986 besonders betroffenen war. Es liegt etwa 100 Kilometer vom Unglücksort Tschernobyl entfernt.

Bernd Beutler kann sich noch gut an das Reaktorunglück erinnern: „Ich habe es damals am Fernsehgerät verfolgt. Die Katastrophe beschäftigt mich immer noch – vor allem, weil ich weiß, dass in Weißrussland viel vertuscht wird. Wenn der Geigerzähler dort wirklich mal messen würde, würde er sich wohl wundschlagen“, glaubt er. Viele der Kinder müssten in ihrer Heimat in verschmutzten Seen baden, erzählt Beutler, der schon häufig hilfsbedürftige Familien in der Region Gomel besucht hat. „Oft gibt es dort keine Kläranlagen.“

Reaktorkatastrophe 1986 – noch immer aktuell

Seit dem Start der Ferienaktion 1991 sind mehr als 26.000 weißrussische Kinder und Begleiter nach Niedersachsen gekommen. Diesmal ist auch Lisa dabei. Sie war vorher noch nie in Deutschland. Wie hatte sie sich den Urlaub hier vorgestellt?

Sie habe gehofft, neue Freunde zu finden, bei einer netten Familie zu Gast zu sein und viel Spaß zu haben, erzählt das rothaarige Mädchen. Und – haben sich die Hoffnungen erfüllt? „Ja“, sagt die Elfjährige, die schon ein wenig deutsch sprechen kann und nickt. „Es ist sehr schön hier.“ Auch, wenn manches ein wenig anders sei, als bei ihr Zuhause, wo sich der Toilettendeckel nicht automatisch schließt, erzählt sie etwas verlegen.

Dima ist bereits das dritte mal bei der Ferienaktion dabei. Für den Zehnjährigen ist deshalb vieles vertraut. Auch beim Thema deutsche Nationalmannschaft weiß der Junge Bescheid: „Neuer, Schweinsteiger, Draxler ...“, zählt er die Spieler ohne lange nachdenken zu müssen auf.

„Manchmal fühlen sich die Kinder hier so wohl, dass sie nach der Ferienaktion nicht mehr nach Hause fliegen möchten“, erzählt Bernd Beutler, der mit seiner Frau seit zwölf Jahren regelmäßig weißrussische Gastkinder beherbergt und für die Ferienaktion fast seinen gesamten Urlaub nimmt. Er kocht, chauffiert, organisiert – und manchmal spielt er mit den Kindern auch Karten- oder Würfelspiele.

Wer gewinnt? „Egal!“, sagt Beutler. „Genau genommen gibt es bei uns nur Gewinner.“

Von Katrin Schreiter

Tschernobylhilfe der Landeskirche

Am 26. April 1986 ereignete sich der schwere Reaktorunfall im Block 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl und erschütterte die Menschen in aller Welt. Eine atomare Wolke breitete sich über weiten Teilen Europas aus. 

Besonders belastet von der radioaktiven Verstrahlung ist das Gebiet Gomel im Südosten Weißrusslands, in unmittelbarer Nähe zu dem an der weißrussisch-ukrainischen Grenze gelegenen Atomkraftwerk Tschernobyl. Deshalb wird den Menschen und vor allem den Kindern in diesem Gebiet seit 1991 die Hilfe und Unterstützung seitens der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, vor allem von zahlreichen ehrenamtlich aktiven Frauen und Männern aus den Kirchengemeinden und Kirchenkreisen unserer Landeskirche zuteil.

Die Tschernobyl-Hilfe der Landeskirche ist seit 1994 in Form einer Arbeitsgemeinschaft organisiert, in der mittlerweile 28 Kirchenkreise Mitglied sind. Die sich Jahr für Jahr verstärkenden negativen gesundheitlichen Folgen der Reaktorkatastrophe für die Menschen in Weißrussland und die anhaltenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme in Weißrussland machen die Hilfe vor allem für die Kinder im Oblast Gomel weiterhin dringend erforderlich.

Haus kirchlicher Dienste

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Kurzporträt Bernd Beutler: In der Region Gomel ein Held

Mitorganisator Bernd Beutler. Foto: Jens Schulze

„Solange mir der Herrgott die Kraft gibt und meine Frau mir hilft, mache ich weiter“, sagt Bernd Beutler, der die Ferienaktion der hannoverschen Landeskirche schon viele Jahre unterstützt. Der 60-jährige Schulhausmeister weiß, wovon er spricht, wenn er von den einfachen und ärmlichen Zuständen erzählt, die er auf seinen Reisen in die Region Gomel gesehen hat.

„Es gibt dort auch reiche Leute“, räumt er ein. „Doch viele Kinder sind noch nie in ihrem Leben für einen Urlaub aus ihrem Ort rausgekommen, weil sich die Familien das nicht leisten können“, berichtet er.

Beutler ist oft dabei, wenn es darum geht, die Mädchen und Jungen für die Niedersachsenreise auszuwählen. Er spricht mit den Schulleitern, hat einige Dörfer und Städte besucht, kennt viele Familien. Es ist ihm „ein wenig unangenehm“, dass er mancherorts wie ein Held verehrt wird.

Beim letzten Besuch hat es dem gesprächigen Mann schließlich die Sprache verschlagen, als eine Bauernfamilie ihn gebeten hatte, er solle doch bitte ihr Schwein auf den Namen „Bernd“ taufen. „Das ist natürlich eine große Ehre“, erzählt Beutler, der den Leuten den Spaß nicht verderben wollte.

Erst als auch die Nachbarn zu ihm kamen, um ihre Kaninchen und ihren Hund auf den Namen „Bernd“ taufen zu lassen, hat Beutler seine Sprache wieder gefunden und lachend mit einem „Niet“ abgelehnt.