Bild: Claus Dreier

Empathisch, menschlich, kirchennah

Tagesthema 09. Juni 2017

Besuch des Bundespräsidenten in Norden/ Steinmeier würdigt auch kirchlichen Einsatz im Integrationszentrum Utlandshörn

„Empathisch, menschlich, kirchennah“ – so erlebte der Norder Superintendent Dr. Helmut Kirschstein den neuen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bei dessen Besuch der kirchlich geförderten „Integrationswerkstatt“ im Norder Ortsteil Utlandshörn. Steinmeier hatte gegen Ende seines lediglich zwei Tage dauernden Antrittsbesuchs in Niedersachsen diese außergewöhnliche Einrichtung ins Programm genommen.

Er wurde begleitet von seiner Ehefrau Elke Büdenbender, dem Niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil und dessen Ehefrau. Kirschstein hatte die Ehre, das Staatsoberhaupt gemeinsam mit dem Auricher Landrat Harm-Uwe Weber und zwei Leitungskräften der Kreisvolkshochschule (KVHS) bei seiner Ankunft in Empfang zu nehmen und persönlich zu begrüßen.

Der Superintendent erklärte kurz den Grund seiner Beteiligung und bedankte sich beim Bundespräsidenten für die „hohe Wertschätzung“, die dessen Besuch für die Werkstatt und die Arbeit mit Flüchtlingen in Norden bedeute. Dankbar erinnerte er an Steinmeiers kürzliche Rede zum Abschluss des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Wittenberg, die ihn tief beeindruckt habe und mit der der Bundespräsident den Christen im Lande Mut gemacht habe. Mut eben auch zu solchen gesellschaftlichen Initiativen wie dem Aufbau und der Begleitung integrierender Flüchtlingsarbeit. Frank-Walter Steinmeier freute sich sichtlich über den Hinweis auf seine Wittenberger Ansprache und konstatierte seinerseits: „Das war doch richtig gut, dieser Kirchentag in Berlin und Wittenberg, nicht?! Mich haben diese Tage auch sehr erfüllt!“

Anschluss in Kirchengemeinde gefunden

In einem Saal des „Integrationszentrums“ in der ehemaligen Küstenfunkstation „Norddeich Radio“ war bereits ein großer Stuhlkreis vorbereitet. Hier nahmen ausgewählte Mitarbeitende der KVHS – sie betreibt das Zentrum mit hohem personellen Aufwand – mit Sozialarbeiterinnen und Flüchtlingen aus verschiedenen Nationen Platz. Manfred Lunau, Leiter der Einrichtung Utlandshörn, stellte die engagierte Arbeit vor. Die Gäste zeigten sich höchst interessiert, fragten nach, kommentierten ihre Eindrücke. So entwickelte sich das Gesamtkonzept des Integrationszentrums in dialogischer Weise.

Ein junger Eritreer hatte sein persönliches Statement schriftlich vorbereitet und stellte seinen Lebens- und Fluchtweg auf Deutsch vor. Seine Darstellung mündete in tiefen Dank für die Aufnahme in Deutschland und insbesondere für die Chancen, die ihm Utlandshörn biete. Ausführlich zu Wort kam auch ein iranisches Paar. „Ich habe noch im Iran Jesus Christus als meinen Herrn kennengelernt“, erzählte der junge Mann und machte deutlich, dass ihn bei seiner Rückkehr Repressalien und Schlimmeres erwarten würden.

Auf die Frage, ob er denn schon Freunde gewonnen habe oder in welcher Gruppe er vielleicht Anschluss gefunden hätte, antwortete er dankbar: „In der Kirchengemeinde!“ Erfreut zustimmend kommentierte der Bundespräsident: „In unserer Kirchengemeinde in Berlin sind auch viele Iraner dabei.“ 

Besonders emotional gestaltete sich der persönliche Lebensbericht eines Mannes aus Mossul: Der Iraker skizzierte die dramatischen Ereignisse bis zur Ermordung enger Familienangehöriger durch den IS, konnte schließlich kaum weitersprechen und griff zum Taschentuch. Dass ihm bisher die staatliche Anerkennung in Deutschland versagt blieb, erschien umso unverständlicher: „Geben Sie mir im Anschluss bitte seine Personalien,“ hakte Ministerpräsident Weil ein, „ich werde mich direkt darum kümmern.“ Er erhielt spontanen Applaus für sein Eingreifen. Schließlich überreichte ein Junge dem Staatsoberhaupt ein selbstgemaltes Bild. Frank-Walter Steinmeier und seine Frau zeigten sich gerührt und posierten gerne für´s Familienalbum.

Personalintensive Beziehungsarbeit unabdingbar

Schon zu Beginn hatte der Bundespräsident seinen Dank und seine Anerkennung für das Projekt ausgesprochen. Wasser in den Wein goss lediglich Wolfgang Schwieder, bei der KVHS Verantwortlicher für das „Willkommen in Deutschland“: Er drückte seine Hoffnung aus, dass durch die Wertschätzung, die der Besuch des Staatsoberhauptes bedeute, die Einrichtung Utlandshörn auch in Zukunft so erfolgreich weiterarbeiten könne. Dazu bedürfe es fortgesetzt hoher Ausgaben, da die personalintensive Beziehungsarbeit unabdingbar sei.

Frank-Walter Steinmeier reagierte nahezu erschrocken: ob denn einschneidende Maßnahmen zur Reduzierung des Angebots geplant seien? Der leitende Mitarbeiter und weitere KVHS-Angehörige antworteten salomonisch, dass ein vergleichsweise hoher Personalbestand „doch immer“ von Einschnitten bedroht sei – „aber nur so kann unsre erfolgreiche Arbeit fortgeführt werden!“

Nach einem kurzen Besuch des „Einkaufsladens“, der auf den Geschmack und die Bedürfnisse der Migranten eingestellt ist und die Gäste zu einem Imbiss einlud, schloss sich der Gang durch die eigentliche „Lernwerkstatt für Flüchtlinge“ an. Hier geht es darum, durch Arbeiten im Bereich Metall und Holz Geflüchtete praktisch darauf vorzubereiten, dass ihre Integration in Gesellschaft und Arbeitswelt gelingt. Handwerkspastor Claus Dreier, der die Unterstützung der Hannoverschen Landeskirche eingebracht hatte und auch den Kirchenkreis Norden in das Pilotprojekt involvierte, nutzte nun seinerseits die Möglichkeit, den Bundespräsidenten über Hintergründe und Perspektiven zu informieren. Landeskirche und Kirchenkreis Norden sind mit einem Betrag von 20.000 € an der Ausstattung der Lernwerkstatt beteiligt.

„Selfies“ mit dem Bundespräsidenten

Einmal mehr zeigten sich die Gäste beeindruckt und freuten sich, neben den engagierten Handwerksmeistern auch mit jungen Flüchtlingen aus Eritrea, Syrien, Afghanistan und weiteren Ländern ins Gespräch zu kommen.

Am Ende standen die unvermeidlichen „Selfies“ mit dem Bundespräsidenten. Und ein zum Abschied mehrfach geäußerter Dank des Staatsoberhaupts an alle, die sich für das Integrationszentrum und seine Lernwerkstatt engagieren! Bevor er ins Auto stieg, sagte Ministerpräsident Weil so augenzwinkernd wie ernsthaft: „Ich werde jetzt überall das Loblied auf diese Einrichtung singen!“

Helmut Kirschstein und Redaktion

Hoher Besuch

Bei seinem Besuch in Norden konnte sich Bundespräsident Steinmeier ein Bild machen vom Projekt der Lernwerkstatt für Flüchtlinge. Handwerkspastor Claus Dreier stellt das Projekt vor und begleitete Frank-Walter Steinmeier bei dessen Besuch.

Die Lernwerkstatt

Gemeinsam mit Kooperationspartnern in Kirche und Kommunen, mit Bildungsträgern und den Handwerksorganisationen arbeitet die Landeskirche seit 2016 in einem Pilotprojekt daran, Geflüchteten auch praktisch dabei zu helfen, dass ihre Integration in Gesellschaft und Arbeitswelt gelingt. Das Projekt unterstützt Integrationsprojekte z.B. durch Beteiligung an Konzeptionsentwicklungsprozessen oder auch ganz konkret bei der Umsetzung handwerklicher Lernmöglichkeiten für Geflüchtete. In Utlandshörn haben sich der Kirchenkreis Norden und die Landeskirche mit einem Betrag von 20.000€ an der Ausstattung der Lernwerkstatt beteiligt.

Das Projekt gründet auf der Einsicht, dass Menschen, die einen Fluchtweg unter oft extremen und lebensbedrohlichen Bedingungen so weit gegangen sind, dass sie sich jetzt an einem sicheren Ort befinden, die Möglichkeit gegeben werden muss, weiter aktiv zu sein. Das Ziel, das sie mit ihrer Flucht verfolgten, ist noch nicht erreicht. Natürlich ist es unabdingbar notwendig, dass hier bei uns durch Behörden, Hilfsorganisationen und Bildungsträgern der weitere Weg der Flüchtlinge - u.a. im Blick auf Sprach- bzw. Integrationskurse - organisiert, geleitet und begleitet wird. Das braucht Zeit. "Darum war es wünschenswert, dass Flüchtlingen die Möglichkeit geboten werden konnte, schon zeitnah eine sinnvolle Tätigkeit aufnehmen zu können. Hier setzt die Initiative „ILF – Die Werkstatt“ an", so Claus Dreier, Handwerkspastor der Landeskirche und Initiator des Projektes.
"In einer Lernwerkstatt, ausgestattet mit Werkzeugen, Werkbänken, Maschinen und Materialien und unter Anleitung von Handwerkern*innen,", so Dreier weiter, " können Flüchtlinge Wertschätzung erfahren, Gemeinschaft erleben, handwerkliche Techniken erlernen und ausprobieren, europäische Sicherheitsstandards kennenlernen, eigene Kompetenz wahrnehmen und zeigen (ein erster Schritt zur Berufsorientierung) sowie Erfolgserlebnisse genießen und auch die neue Sprache trainieren. Auch der Weg zu den Handwerksbetrieben (Ausbildung und Arbeit) wird dadurch kürzer." 

Für die Hannoversche Landeskirche organisiert und begleitet ihr Referent für den Bereich Kirche und Handwerk, Claus Dreier, die Initiative. Für das erste Jahr steht ihm dafür ein Budget von ca. 100.000€ zur Verfügung.

Claus Dreier