Bild: Karen Miether/ epd-Bild

Ort der Einkehr und des Dialogs

Tagesthema 17. Mai 2017

"Raum der Stille" im Libeskind-Bau der Lüneburger Leuphana Uni wird eröffnet

Der Raum im dritten Stock des Zentralgebäudes der Lüneburger Leuphana Universität beeindruckt wie der ganze Libeskind-Bau durch schräge Wände. Über dem rautenförmigen Fenster ragt die höchste Ecke empor. Den Blickfang bietet eine Wand, deren Facettierung je nach Lichteinfall immer neue Muster entstehen lässt. Sonst ist der "Raum der Stille" leer. Am 2. Juni will die Uni hier einen Ort der Einkehr und des Dialoges über alle Religionen und Weltanschauungen hinweg eröffnen. "Der Raum hat keinerlei religiöse Symbole oder Bilder", sagt Philosophie-Dozentin Steffi Hobuß, die gemeinsam mit Studentinnen die Eröffnung vorbereitet.

Architekt Daniel Libeskind hat stets betont, wie wichtig ihm der vergleichsweise kleine "Raum der Stille" in dem spektakulären Bau ist. "Er bietet Platz für alle, für meditative Bedürfnisse, die jeder hat." Zugleich stehe der Raum für das Konzept, an der Leuphana einen Ort des gesellschaftlichen Austausches zu schaffen. Bei der Eröffnungsfeier werden neben dem evangelischen Bischof Ralf Meister, dem katholischen Bischof Norbert Trelle und Michael Fürst von den jüdischen Gemeinden auch Vertreter des Islam und der Bahai sprechen.

"Entscheidend sind gegenseitige Rücksichtnahme, Respekt und Toleranz", sagt Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne). Zudem müsse jeder, der den Raum nutze, auch die Gleichberechtigung der Geschlechter achten. Derzeit arbeiten das Ministerium und die Landeshochschulkonferenz gemeinsame Empfehlungen für "Räume der Stille" aus. Viele Unis haben eigene Regelwerke.

Herausforderung und Chance zugleich

Konflikte wie es sie etwa in Nordrhein-Westfalen gegeben hat, sind den Angaben zufolge in Niedersachsen bisher allerdings ausgeblieben. In Dortmund hatte im vergangenen Jahr ein Streit für Aufsehen gesorgt, nachdem Muslime dort den Raum für sich vereinnahmt und Bereiche für Frauen abgetrennt haben sollen.

Die Bevollmächtigte der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, Kerstin Gäfgen-Track, sieht in den "Räumen der Stille" ein herausforderndes Projekt und eine Chance zugleich. "Die verschiedenen Religionen haben unterschiedliche Vorstellungen von der Gestaltung und Nutzung", sagt die Bildungsreferentin der hannoverschen Landeskirche. Deshalb formulierten die Hochschulen zum Teil detaillierte Ordnungen. "In dem Bemühen, alles präzise regeln zu wollen, kann auch ein Stück Freiheit und Offenheit verloren gehen, die so einen Raum charakterisieren sollten." 

Die hannoversche Landeskirche hat sich gemeinsam mit dem katholischen Bistum Hildesheim und den jüdischen Gemeinden mit insgesamt 600.000 Euro anteilig an der Finanzierung in Lüneburg beteiligt. "Der Charme dort ist, dass auch ein Ort des Dialogs entstehen soll", sagt Gäfgen-Track. Und auch der evangelische Hochschulpastor Helmke Hinrichs betont, angesichts weltweiter gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen sei dies wichtiger denn je.

Vier Studentinnen wollen schon zur Eröffnung dafür den richtigen Ton setzen. In einem Seminar zum interreligiösen Dialog bereiten sie mit der Philosophie-Dozentin Hobuß das Fest vor. Die gegenseitige Achtung und Begegnung gehören zu den fünf Begriffen, mit denen die Studentinnen dabei Leitworte setzen wollen. "Achtung geht noch über Toleranz hinaus", betont Sonja Helmers aus dem Team. Sie selbst gehört der Bahai-Religion an.

Karen Miether (epd)

Neutralität wahren

Eine ganze Reihe von Hochschulen in Niedersachsen haben nach Angaben des Wissenschaftsministeriums mittlerweile "Räume der Stille" eingerichtet - unter anderem in Göttingen, Hannover, Vechta, Hildesheim und Osnabrück. Die Unis begeben sich damit in den Spagat, einen Ort für die Bedürfnisse weltanschaulicher Gruppen zu schaffen und gleichzeitig ihre Neutralität zu wahren. 

epd

Der Architekt

Als Sohn polnischer Holocaust-Überlebender, geboren am 12. Mai 1946 in Lódz, hat sich Daniel Libeskind in vielen seiner rund 70 Bauwerke mit Erinnerung und Hoffnung befasst. Zu den Hauptwerken zählen das Jüdische Museum in Berlin, das Militärische Geschichtsmuseum in Dresden, das Kongresszentrum im belgischen Mons, die Keppel Bay Wohntürme in Singapur und das Denver Kunstmuseum. 

Der New Yorker Stararchitekt hat nach eigenen Worten in Lüneburg erstmals auch fachfremde Studenten an der Planung einer seiner charakteristischen Bauten beteiligt. "Meines Wissens hat überhaupt erstmals in der Welt ein Architekt gemeinsam mit Studenten gearbeitet, die nicht Architektur studieren", sagte der 70-Jährige.

Der Bau mit der Zink- und Glasfassade stehe für die Neugeburt einer aufstrebenden Uni, betonte er. Das Gebäude breche mit seinen aufstrebenden Linien und durch sein Baumaterial die Architektur der Uni auf einem früheren Kasernengelände der Nazizeit auf. 
 

Karen Miether (epd)

Mehr zum Architekten und seinen Arbeiten