Bild: Charlotte Morgenthal/ epd-Bild

Kernkompetenz Lebenswillen

Tagesthema 16. Mai 2017

Manager stellt syrischen Flüchtling gegen alle Widerstände ein

Die Entscheidung fällt spontan: Im Herbst 2015 liest Benjamin Marx, Manager eines Kölner Wohnprojekts für Flüchtlinge, einen Zeitungsbericht über einen aus Syrien geflüchteten Sozialarbeiter. "Genau solche Leute brauchen wir", schreibt Marx kurzerhand in einer Mail an den Evangelischen Pressedienst (epd), der den Artikel veröffentlicht hatte. Die Redaktion vermittelt den Kontakt zu dem in Braunschweig lebenden Maher Krait. Rund drei Monate später hält der heute 31-Jährige aus Damaskus seinen ersten deutschen Arbeitsvertrag als Sprach- und Kulturdolmetscher in den Händen.

Im Eilverfahren lernt der junge Syrer Deutsch. Mit dem Arbeitsvertrag in der Tasche hofft er, seine in Syrien zurückgelassene Frau und seine damals zwei Monate alte Tochter so schnell wie möglich nach Köln holen zu können. Doch das Verfahren um ein Visum verzögert sich. Täglich fürchtet er um das Leben seiner Familie. "Immer wieder haben Bomben in Damaskus Menschen in der Nähe getötet." Seine 31-jährige Frau Nebal habe das Haus kaum noch verlassen, erzählt er. Zwischenzeitlich rutscht Krait deshalb in eine tiefe Krise. "Wenn ich gewusst hätte, dass es so lange dauert, wäre ich wahrscheinlich gar nicht nach Deutschland gekommen", sagt er schließlich zögernd.

Begegnungen auf Augenhöhe

Während dieser Zeit steht der Manager Marx ihm zur Seite. Unterschwellige Kritik von Kollegen, dass der junge Syrer ja über keine anerkannte Ausbildung als Sozialarbeiter verfüge, wehrt er energisch ab. Sozialarbeiter lernten in ihrer Ausbildung ja eher, Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu helfen und wüssten nicht unbedingt, wie Integrationsarbeit funktioniert, betont er im rheinischen Dialekt. "Ein Flüchtling, der über die Balkanroute gekommen ist und vorher im Boot auf dem Meer war, der hat seinen Lebenswillen schon bewiesen. Der muss einfach nur lernen, wie Deutschland funktioniert - und diese Kernkompetenz hat Herr Krait."

Krait lebt und arbeitet heute in einem neu geschaffenen Wohnprojekt für Flüchtlinge in der Kölner Altstadt. Mittlerweile spricht er ein fast akzentfreies Deutsch. Geholfen hat ihm vor allem, dass ihm seine Arbeitskollegen Englisch nur im Notfall erlaubt haben. Inzwischen gibt er den Flüchtlingen aus dem Wohnprojekt in einem eigens eingerichteten Kursraum selbst Unterricht.

Nur wenn der Strom in Syrien funktionierte, konnte Krait über das Internet mit seiner Familie telefonieren. "Das ging nicht jeden Tag." Vor wenigen Wochen dann die erlösende Nachricht: Frau und Tochter bekommen ein Visum. Am 20. März schloss der junge Syrer am Flughafen seine fast zweijährige Tochter und seine Frau in die Arme. "Dieses Datum werde ich nie vergessen", strahlt Krait während seine Tochter Jessica vor ihm vergnügt von einem Bein aufs andere hüpft. 

Marx ist überzeugt davon, dass Krait den Menschen aufgrund seiner eigenen Fluchterfahrung besser auf Augenhöhe begegnen kann. Und Krait selbst ergänzt: "Ich kann sehr gut nachfühlen, wie schwierig das Ankommen in Deutschland ist." Bevor er selbst zum Flüchtling wurde, arbeitete Krait als Caritas-Mitarbeiter in Damaskus und half in einem medizinischen Zentrum. Doch der Weg zur Arbeit wurde immer gefährlicher. Eine Bombe verfehlte ihn nur knapp.

Von Syrien zunächst nach Niedersachsen

So entschloss er sich zur Flucht - seine Route im Sommer 2015 führte über den Libanon in die Türkei. In einem Boot gelangte er nach Griechenland, dann ging es weiter über den Balkan. Über Umwege gelangte er in die überfüllte niedersächsische Landesaufnahmebehörde in Braunschweig.

Durch Zufall traf er in einer katholischen Gemeinde eine Familie, die ihn kurzerhand bei sich aufnahm. Mit Hilfe dieser Gastfamilie fand er Sprachkurse und paukte von morgens bis abends. 

Sein erstes Interview gab er damals noch auf Englisch. "Die Sprache ist der Schlüssel, um Arbeit zu finden", sagte er. Heute will Krait alle neu ankommenden Flüchtlinge ermutigen, trotz der Sorgen um zurückgebliebene Familienangehörige nicht aufzugeben. "Es ist schwierig, aber man kann es schaffen", sagt er bestimmt und sieht Marx an: "Ich bin allen dankbar, die mir geholfen haben."  

Manager Marx ist hoch zufrieden mit seinem Schützling. "Er hat Empathie für die Menschen, mit denen er arbeitet." Dass Krait seine Arbeitszeugnisse erstmal nur auf Arabisch vorlegen konnte, hat Marx im Gegensatz zu seinen Kollegen nicht gestört. "Solche Papiere nützen ja nichts, wenn der Mensch dann vielleicht ganz anders ist", sagt der Manager mit einem Schmunzeln: "Ich mag Wundertüten."

Charlotte Morgenthal (epd)

Unternehmen sind ein Schlüssel für gelingende Integration. Der Schlüssel muss aber ins Schloss passen. Integration gelingt, wenn alle ihren Beitrag leisten. Nicht nur der Geflüchtete muss viel lernen, auch Unternehmen müssen lernen.

Waltraud Kämper, Ponte-Initiatorin und Referentin für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt im Haus kirchlicher Dienste in Hannover

Brücken bauen

Unternehmen bekommen langfristig Fachkräfte, die alternde Gesellschaft mehr junge Menschen. Die Integration von Flüchtlingen in der Region Hannover ist nach Worten des Regionsrates Ulf-Birger Franz eine Herausforderung, aber eben auch eine Chance. Darauf weist er im Vorwort einer gerade erschienene Praxisbroschüre mit Anregungen für gelingende Integration hin, in dem der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt sein Modell-Projekt „Ponte - Brücken in den Arbeitsmarkt“ dokumentiert und zahlreiche Tipps gibt. In der ersten Runde des Projektes wurden 28 geflüchtete Frauen und Männer mit 22 ehrenamtlichen Jobpaten zusammen gebracht und diese ebneten vielen den schwierigen Weg in Ausbildung oder den deutschen Arbeitsmarkt. 

Unternehmen müssten zwar zunächst investieren, beispielsweise in betriebliche Sprachcoaches und interkulturelle Fortbildungen. „Mittel- und langfristig werden sie dadurch neue Fachleute bekommen“, sagt Ponte-Initiatorin Waltraud Kämper aus Erfahrung.

Die 52-Seiten-Broschüre dokumentiert nicht nur das Projekt ab 2015, sondern  bietet einen Leitfaden für Ehrenamtliche zur Frage „Was brauchen Gefüchtete?“, gibt Hinweise zur interkulturellen Kommunikation und wie Themenabende laufen können. 

Durch das Projekt wird zum Beispiel der iranisch-stämmige Inhaber des „BFB Pharmahandels Hannover“ Mannutsch Bonehie eine Afghanin als Auszubildende für den Beruf der Großhandelskauffrau im Sommer aufnehmen, nachdem sie eine Einstiegsqualifizierung erfolgreich absolviert hat. Übrigens kümmern sich auffällig viele kleine und mittelständige Unternehmer mit Migrationshintergrund um Flüchtlinge, wie Kämper feststellt. 

Landessozialpfarrer Dr. Matthias Jung; Fachbereichsleiter im Haus kirchlicher Dienste, stellt fest: „Mit Ponte haben wir 2015 und 2016 nicht nur schnell auf den Strom der zu uns geflüchteten Frauen und Männer reagieren können, sondern wir haben mit dem Modell der Jobpatinnen und –paten auch wertvolle Erfahrungen in einem Pilotprojekt sammeln können. Diese sind nicht einfach zu kopieren, aber sie können in andere Projekte an anderen Orten einfließen."

Gunnar Schulz-Achelis

Mehr zu "Ponte" und zum Download der Broschüre