Bild: Dieter Sell/ epd-Bild

Wenn Kinder dem Tod begegnen

Tagesthema 28. März 2017

Diakonie unterstützt Grundschüler und Lehrkräfte mit einer "Trauerkiste"

Unter großen Tüchern verbirgt sich ein Kreuz. Daneben finden sich Kerzen, ein Schneckenhaus und bunte Perlen. Fast 30 unterschiedliche Dinge füllen die Holzkiste, die das diakonische Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche "Anderland" in Osterholz-Scharmbeck bei Bremen in den nächsten Wochen an Grundschulen in der Region verschenken will. "Eine Trauerkiste, die dabei hilft, Kinder im Umgang mit einem Verlust aktiv werden zu lassen", sagt Ideengeberin Gisela Schomacker, die sich seit Jahren ehrenamtlich bei "Anderland" engagiert.

Die ehemalige Lehrerin hat selbst erfahren, dass es sowohl im Kindergarten wie auch in der Schule immer wieder Situationen gibt, in denen es um Abschied, Tod und Trauer geht. Mal ist es der Abschied von der Kita-Gruppe, mal die Trennung der Eltern, mal der tote Vogel, der auf dem Weg zur Schule am Straßenrand liegt. "Kinder erleben den Tod des geliebten Hamsters, des Hundes oder der Katze mitunter genauso intensiv wie den Tod von Oma und Opa", meint Schomacker.

Anfragen aus Kindertagesstätten und Schulen brachten das "Anderland"-Team schließlich dazu, darüber nachzudenken, was in einer Materialsammlung hilfreich sein könnte, um mit Verlusten umzugehen. Nun ist die Kiste fertig, ein ganzes Team hat sich intensiv damit beschäftigt. Und Gisela Schomacker findet: "Da stecken ganz viele Möglichkeiten drin."

Kein Notfallkoffer mit Trostrezepten

Ein Begleitheft gibt Gestaltungsideen und grundsätzliche Informationen. "Kinder trauern anders als Erwachsene", verdeutlicht Pastor Gerd Rühlemann, pädagogischer Mitarbeiter bei "Anderland". "Wenn sie eben noch fröhlich spielen, spüren sie im nächsten Moment tiefe Trauer, Wut, Angst oder Aggressionen. Die Dinge in der Trauerkiste könnten dabei helfen, solche Gefühle auszudrücken.

Dabei sei die Kiste kein Notfallkoffer mit Trostrezepten. "Neben Rückzugsmöglichkeiten brauchen trauernde Kinder Freiräume und Anregungen, um in ein selbstbestimmtes Handeln zu kommen. Das bietet die Kiste und hilft so, Trauer zu verarbeiten."

So sehen es auch Sonja Mackenberg, Heike Schürholz und Iris Effe aus dem Kollegium der Menckeschule in Osterholz-Scharmbeck. Die Lehrkräfte stöbern in der Sammlung und fördern einen Engel, eine Baumscheibe, einen schweren Stein und Luftballons zutage. "Die Luftballons könnte man mit guten Gedanken in den Himmel steigen lassen", überlegt Iris Effe. Heike Schürholz hält den Stein in der Hand, einen grauen Granit. Er könne helfen, über das zu sprechen, was die Seele beschwere, meint sie.

"Die Schule muss einen Raum zur Auseinandersetzung bieten"

"Für die Kinder muss begreifbar sein, dass der Tod zum Leben gehört", bekräftigt Effe. Und auch ihre Kollegin Mackenberg warnt davor, über das Thema Tod einfach hinwegzugehen. Es sei schlecht, wenn Kinder in solchen Situationen weiter funktionieren müssten: "Die Schule muss einen Raum zur Auseinandersetzung bieten."

Diakoniechef Norbert Mathy erinnert sich an frühere Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche ohne Unterstützung den Tod eines nahen Angehörigen verkraften mussten. "Viele bedauern, wie wenig Verständnis es früher dafür gab." Die Trauerkiste eröffne Kindern und Erwachsenen Chancen, sich gemeinsam und aktiv dem Tod eines Menschen zuzuwenden.

Und obwohl das "Anderland"-Team keine Trostrezepte anbieten will, steckt mit einer scheinbar toten Pflanze doch etwas Tröstendes in der Kiste. Es ist eine "Rose von Jericho", eine Wüstenrose, die sich innerhalb von Minuten entfaltet, wenn sie mit Wasser in Berührung kommt - und deshalb auch "Auferstehungspflanze" genannt wird. "Am Ende einer Gesprächsrunde", sagt Gisela Schomacker, "kann sie deutlich machen, dass aus einem scheinbar hoffnungslosen Zustand etwas Schönes und Lebendiges werden kann".

Dieter Sell (epd)

Lehrkräfte schulen

Die "Trauerkiste" wurde unter anderem mit Spenden der Lions-Clubs in Ritterhude und Lilienthal, Kollekten sowie Geldern der hannoverschen Landeskirche ermöglicht.

"Anderland" plant Fortbildungen für Lehrkräfte zum Umgang mit den Materialien am 5. und 25. April sowie am 8. Mai jeweils von 16 Uhr bis 19 Uhr. Anmeldungen sind unter der Telefonnummer 04791/980664 und der E-Mail-Adresse anderland.ohz@evlka.de möglich.
 

Für die Kinder muss begreifbar sein, dass der Tod zum Leben gehört.

Iris Effe, Grundschullehrerin

Kindern trauern anders

Das Diakonische Werk des Ev.-luth. Kirchenkreises Osterholz-Scharmbeck begleitet seit 2004 schwerstkranke und sterbende Menschen, ihre Angehörigen sowie trauernde Erwachsene. Die Unterstützung trauernder Kinder und Jugendlicher ergänzt die vorhandenen Angebote.

Was geschieht, wenn Kinder und Jugendliche einen nahe stehenden Menschen durch Tod verlieren? Sie trauern natürlich, aber anders als Erwachsene! Kinder zeigen ihre Gefühle oft spontan. Für den Ausdruck ihrer Trauer benötigen sie kreative Spiel- und Tobemöglichkeiten. Es sind aber auch „stille“ Rückzugs- und Kuschelbereiche wichtig, um sich geborgen und geschützt zu fühlen. Oft sind auch Erwachsene im Umgang mit trauernden Kindern verunsichert und wünschen sich Unterstützung.

"Anderland" setzt dort an un will sowohl Kinder und Jugendliche, als auch Eltern bei der Verarbeirtung von Verlusten unterstützen. Im Mai 2012 startete in das erste Gruppenangebot für Kinder und Jugendliche.

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Unterstützung

Die Landeskirche unterstützt Trauernde mit Informationen und Beratungsangeboten. 

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