Ehrenamt

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31. Oktober 2014

Tagesthema

Reformationstag: Legenden und Wahrheiten

Sechs Thesen zum Protestantismus

Umstritten: Hat Martin Luther seine 95 Thesen tatsächlich am 31. Oktober 1517 eigenhändig an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt, wie es das Gemälde von Hugo Vogel (19. Jahrhundert) glauben machen will? Der katholische Kirchenhistoriker Erwin Iserloh war vor 50 Jahren der Erste, der diese Überlieferung in das Reich der Legenden verwies und damit einen leidenschaftlichen Historiker-Disput auslöste. Bild: epd-Bild

„Wir sollten die anstehenden Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag der Reformation dazu nutzen, um einen kritischen und selbstkritischen Blick auf uns und unsere Kirche zu werfen“, fordert der Historiker Wolfgang Wippermann. Dazu könnte seine „Kritik des deutschen Protestantismus“ beitragen. Die wichtigsten Thesen stellte er in der Evangelischen Zeitung (Ausgabe „Wir sind Luther“) zur Diskussion:

These 1: Die deutsche evangelische Kirche hat in der Nachfolge und unter Berufung auf Luther Staat, Krieg und Kapital verherrlicht, Juden Sinti und Roma sowie Frauen verdammt: Die deutsche evangelische Kirche hat im Banne der Obrigkeitslehre Luthers bis in die NS-Zeit hinein den Staat verherrlicht. Mit dieser unseligen Tradition gebrochen hat erst die Bekennende Kirche. Mit ihrer Bekämpfung der nazifizierten Reichskirche hat sie aber keinen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime geleistet. Erst die Kirche in der DDR hat der Obrigkeit gegenüber den Gehorsam aufgekündigt und den Widerstand gegen das kommunistische Regime unterstützt. Damit hat sie zu seinem Untergang beigetragen.

These 2: Die deutsche evangelische Kirche hat unter Berufung auf Luther alle deutschen Kriege einschließlich des Zweiten Weltkrieges verherrlicht. Dies durch unchristliche, weil kriegerische Kriegspredigten und durch das Aufstellen von Kriegerdenkmälern, die mit unchristlichen Symbolen wie dem Eisernen Kreuz geschmückt waren und immer noch sind. Bis in die unmittelbare Gegenwart hinein hat sich die Kirche nicht zu einer uneingeschränkten Einhaltung des biblischen Tötungsverbots durchgerungen. Stattdessen versucht sie immer noch, einige Kriege zu rechtfertigen. Das darf nicht sein.

These 3: Die deutsche evangelische Kirche hat bis fast in die unmittelbare Gegenwart hinein Partei für die Reichen und gegen die Armen eingenommen. Sie hat für die negativen Aspekte des kapitalistischen Wirtschaftssystems „die Juden“ verantwortlich gemacht und gemeint, die soziale Frage durch eine Erziehung zur und durch Arbeit lösen zu können. Zu diesen in der Vergangenheit von Antisemiten wie Adolf Stoecker und Sozialpolitikern wie Johann Hinrich Wichern gemachten Fehlern sollte sich die Kirche bekennen und sich dafür entschuldigen.

These 4: Die deutsche evangelische Kirche war bis in die NS-Zeit hinein (teilweise noch darüber hinaus) antisemitisch eingestellt. Sie hat den christlichen und von Luther nicht reformierten, sondern radikalisierten Antisemitismus nur partiell und damit unzureichend überwunden. Die Juden werden zwar nicht mehr (wie noch von Luther) verteufelt, sie sollen aber immer noch trotz und sogar wegen der Schoah bekehrt werden.

These 5: Die deutsche evangelische Kirche hat nicht nur zu der Verfolgung der Sinti und Roma geschwiegen, sie hat sich in der NS-Zeit auch daran beteiligt. Dies durch die Herausgabe der Kirchenbücher an die Verfolger der Sinti und Roma, die mit den in den Kirchenbüchern enthaltenen Informationen befähigt wurden, die deutschen Sinti und Roma in „reinrassige Zigeuner“ und „Mischlinge“ einzuteilen, um sie dann deportieren und ermorden zu können. Eine Entschuldigung für die Fehler der Vergangenheit steht ebenso aus wie eine wirkliche Hilfe für die heutigen Roma, die in vielen europäischen Ländern wieder oder immer noch verfolgt werden.

These 6: Die deutsche evangelische Kirche hat sich nicht nur an der (auch von Luther gebilligten) Hexenverfolgung beteiligt, sie hat bis in die NS-Zeit hinein (und teilweise noch darüber hinaus) eine antifeministische Politik betrieben. Die ist heute nicht mehr der Fall. Außerdem ist die theologisch begründete Geringschätzung und Diskriminierung der Frauen, die auch bei Luther anzutreffen war, überwunden worden. Damit können die in der Vergangenheit gemachten Fehler aber nicht entschuldigt, geschweige denn ungeschehen gemacht werden.

Insgesamt ist unsere Kirche dazu aufgerufen, sich zu diesen in Vergangenheit und Gegenwart gemachten Fehlern zu bekennen; und wir, die wir nach protestantischem Kirchenverständnis die Kirche sind, sollten „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte des Lukas 5, 29), unsere „Feinde lieben“ (Matthäus 5,44), „nicht Gott und dem Mammon dienen“ (Matthäus 7,24), die Juden weder verteufeln (Johannes 8, 44) noch zu ihrer Bekehrung aufrufen (Römer 11, 17-26), die Sinti und Roma vor aller Verfolgung schützen, weil sie zu den „geringsten meiner Brüder“ (Matthäus 25,40) zu zählen sind, denen man nichts antun darf, ohne Gott etwas anzutun, die Frauen nicht zum Schweigen in den „Gemeinden“ (1. Korinther 14,34) verurteilen.

Da Luther all dies nicht gemacht hat, sollten wir sein Erbe nicht annehmen. Jedenfalls nicht in den genannten sechs Punkten. Wir sollten die anstehenden Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag der Reformation dazu nutzen, um einen kritischen und selbstkritischen Blick auf uns und unsere Kirche zu werfen.

Der Historiker Wolfgang Wippermann ist außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut in Berlin

Mitmachaktion zum Reformationstag 2014

Bild: chrismon

Welche Texte sollte ein Protestant schon mal gelesen oder gar auswendig gelernt haben? Diese Frage stellt das Magazin chrismon seinen Lesern zum Reformationstag im „chrismon spezial“.

In der bundesweiten Mitmachaktion werden alle Leser aufgerufen, ihre protestantischen Lieblingstexte einzusenden – das können ein Brief von Dietrich Bonhoeffer, ein besonderer Psalm, eine berühmte Predigt, aber auch andere Texte sein, die für den protestantischen Glauben wichtig sind. Unter allen Einsendern wird fünfmal ein „literarisches Handgepäck“ verlost, bestehend aus je einer hochwertigen und fair produzierten Umhängetasche, die mit drei Buchneuerscheinungen aus der edition chrismon, u.a. dem Buch „Ich bin evangelisch“ von Nikolaus Schneider, gefüllt ist.

Mehr über die Aktion beim Tagesthema der hannoverschen Landeskirche

 
Lucas Cranach der Ältere, Martin Luther, Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Halloween ist keine Konkurrenz

Die Bildungsdezernentin der hannoverschen Landeskirche, Kerstin Gäfgen-Track, sieht im Halloween-Grusel keine Konkurrenz zum Reformationstag. „Dank der naturwissenschaftlichen Aufklärung muss sich heute niemand mehr vor Geistern fürchten. Halloween braucht es dafür nicht“, sagte die Oberlandeskirchenrätin in einem Interview.

Die Reformation sei der Grundbaustein der heutigen Demokratie und Gesellschaft, betonte Gäfgen-Track. „Sie beflügelte auch das Recht auf Bildung. Deutschland wurde von der Reformation geprägt - so sehr, wie uns keine Geister prägen können.“

Den Bericht lesen und drei Fragen zu Reformation und Halloween an Abt Horst Hirschler

Die Produktbox steht auf Grund von Wartungsarbeiten auf www.einfach-evangelisch.de nicht zur Verfügung.

Eine Kritik des deutschen Protestantismus

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