2014_10_25_schmal

Grafik: EMSZ

„Es gab für uns keine Vorbilder“

Tagesthema 25. Oktober 2014

Drei Jahre lang stritt das hannoversche Kirchenparlament einst um die Ordination von Frauen ins Pfarramt. Vor 50 Jahren machte die evangelische Landeskirche den Weg frei für Pastorinnen. Daran erinnern jetzt eine Ausstellung und eine Tagung.

Ausstellung und Tagung erinnern an erste Frauen im Pfarramt

"Kommt denn auch noch ein Mann?"

Eine neue Wanderausstellung erinnert daran, dass vor 50 Jahren in der hannoverschen Landeskirche erstmals Frauen als Pastorinnen arbeiten durften. Unter dem Titel "Angekommen! Der lange Weg der Frauen ins Pfarramt" ist sie ab dem 1. November zunächst in der Klosterkirche in Loccum bei Nienburg zu sehen. 1964 schaffte die hannoversche Landeskirche mit einem Pastorinnengesetz die Voraussetzung dafür, dass Frauen ins Pfarramt ordiniert werden konnten. "Das war ein entscheidendes Datum für Frauen und Männer", sagte die hannoversche Oberkirchenrätin Heike Köhler am Freitag in Hannover.

Das Gesetz war lange umkämpft und nach seiner Einführung blieb der Weg der Frauen ins Pfarramt steinig. Das zeigen neben der Ausstellung eine Tagung am 1. und 2. November in Loccum und ein Buch auf. Bis 1969 eine Gesetzesreform verabschiedet wurde, mussten die Pastorinnen nach einer Heirat ihr Amt niederlegen. Erst 1978 brachte ein neues Pfarrergesetz die völlige Gleichstellung auf dem Papier. "Es gab für uns noch keine Vorbilder", sagte die spätere Oberlandeskirchenrätin Dorothea Biermann (72), die 1974 ihre erste Pfarrstelle antrat. Oft sei sie gefragt worden: "Kommt denn auch noch ein Mann?"

Beim theologischen Nachwuchs sind die Frauen in der Mehrheit

Obwohl Pfarrermangel herrschte, mussten sich die Frauen die Anerkennung erkämpfen, fügte die frühere Superintendentin Gisela Fähndrich (71) an, die ebenfalls zu den ersten Frauen im Pfarramt gehörte. Mütter wollten ihre Töchter nicht zu ihr in den Konfirmandenunterricht schicken, erinnert sie sich: "Sie hatten Angst, dass sie ein falsches Rollenbild vermittelt bekommen."

Heute ist sind etwa ein Drittel der rund 1.800 Pastorinnen und Pastoren in der hannoverschen Landeskirche weiblich. Beim theologischen Nachwuchs, den Vikaren, stellen die Frauen die Mehrheit. "Dennoch haben wir Nachholbedarf", sagte die evangelische Regionalbischöfin Ingrid Spieckermann aus Hannover. Vor allem in den Leitungsämtern seien die Frauen weiter unterrepräsentiert. Wichtig seien neue Modelle für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ergänzte die Gleichstellungsbeauftragte der Landeskirche, Hella Mahler.

Ausstellung zur Frauenordination startet in Loccum

Während einige kleinere Landeskirchen wie die Pfalz, Lübeck und Anhalt der hannoverschen bei der Frauenordination vorangegangen waren, ließ ihre Einführung anderorts noch auf sich warten. Die bayerische Landeskirche führte die Frauenordination 1975 ein. Als letzte Landeskirche öffnete Schaumburg-Lippe 1991 das Pfarramt für Frauen.

Die Ausstellung zeichnet auf Bildtafeln, in Hörstationen und in einem Film die Geschichte der Theologinnen von 1920 bis heute nach, unter anderem mit Biografien engagierter Frauen. Nach Loccum ist sie unter anderem in Hannover, Bremerhaven, Osnabrück und Uelzen zu Gast. 

Karen Miether / epd

THEOLOGINNEN IM GESPRÄCH

Landesuperintendentin Dr. Ingrid Spiekermann: „Ich habe 1969 mit dem Theologiestudium angefangen. Es gab damals noch relativ wenige Frauen. Es kam dann schon mal vor, dass man da im Proseminar alleine war als Frau. Die mühselige (Vor-)Geschichte war mir damals allerdings nicht präsent.“ Mittlerweile studieren mehr Frauen als Männer Theologie. Zwei Drittel der Vikare sind weiblich. Spieckermann gibt aber zu bedenken: „In der Leitungsebene wächst es allerdings erst nach: Wir haben ein Drittel Pastorinnen, davon die Hälfte in Teilzeit. Ein Viertel der Superintendenten sind Frauen – das ist nicht genug!“

Oberlandeskirchenrätin i.R. Dorothea Biermann: „Ich habe 1967 das erste theologische Examen abgelegt und geheiratet. Da galt noch die Zölibatsklausel.“ Oberlandeskirchenrätin i.R. Dorothea Biermann startete damals in eine ungewisse Zukunft. Als verheiratete Frau durfte sie keine Pastorin werden. Aber es war „die Liebe zur Sache“, die sie antrieb. Über die Schwierigkeiten, die sie bekommen könnte, hatte sie nicht viel nachgedacht. „Ich komme aus einem liberalen Umfeld, in dem die Frauen schon berufstätig waren. Mir war klar: Irgendwas wirst du schon machen. Ich hätte ja auch noch Lehrerin werden können.“

Superintendentin i.R. Gisela Fähndrich: Sie kommt aus einer pietistischen Großfamilie aus der Württembergischen Landeskirche. „Als sich anbahnte, dass ich nach dem Abitur Theologie studieren würde, brachen Welten zusammen.“ Schließlich stünde in der Bibel, das Weib habe in der Kirche zu schweigen. Die Diskriminierung war selbstverständlich: „Es war nicht unser Bewusstsein.“ Die Kränkungen waren aber alltäglich. Als Vikarin verlangten Familien bei einem Trauerfall zunächst nach dem richtigen Pfarrer – bis sie ihnen klarmachen konnte, dass sie das jetzt ist. Bei ihrer Ordination war die Kirche fast leer. Als sie anderthalb Jahre später eingeführt wurde, war die Kirche zu klein. Den Respekt hatte sie sich erkämpft.

Niklas Kleinwächter, Praktikant in der Pressestelle

Termine der Ausstellung

  • 1.-16. November: Klosterkirche Loccum
  • 7.-21. Januar: Marktkirche Hannover
  • 1.-12. März: Christuskirche Bremerhaven
  • 21. Mai-14. Juni: Katharinenkirche Osnabrück
  • 17. Juni-8. Juli: Marienkirche Uelzen
Programm der Tagung zum Thema in Loccum

Vorwort zur Ausstellung

meister-ralf

 „Sie sind Zeuginnen einer besonderen Zeit, in der das, was heutzutage selbstverständlich ist, erkämpft werden musste. Sie waren und sind, wie auch meine Amtsvorgängerin Dr. Margot Käßmann, Pionierinnen einer emanzipatorischen Bewegung. Diese Bewegung erinnert zugleich an die Schuld der Kirche, die bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts Frauen vom ordinierten Amt ausgeschlossen hat.

Mit gesellschaftlichen Zuständen und der Geschichte der Kirche kann man diese Separation nicht entschuldigen. Es war eine Schuld der Kirche. Auch wenn die gleiche Berechtigung heute formal gegeben ist, bleibt die Herausforderung, in allen Diensten innerhalb der Kirche die Männer- und Frauengerechtigkeit Wirklichkeit werden zu lassen.“

Landesbischof Ralf Meister

Angekommen - Angekommen?

Mahler
Pastorin Hella Mahler, Gleichstellungsbeauftragte der Landeskirche, Bild: Johannes Neukirch

Mit der Ordination von Frauen und der rechtlichen Gleichstellung im geistlichen Amt wurden in der Hannoverschen Landeskirche die Voraussetzungen für eine geschlechtergerechte Ausgestaltung unserer Kirche geschaffen.

Beim Blick zurück auf die letzten fünfzig Jahre wird deutlich, wie sich in diesen Jahrzehnten das Pfarramt, der Pfarrberuf und die Kirche überhaupt verändert haben. Dazu hat auch ganz entscheidend die Beteiligung von Frauen beigetragen. Frauen haben den Pfarrberuf verändert. Untersuchungen zum Selbstverständnis von Frauen im Pfarrberuf kamen zu dem Ergebnis, dass Frauen ihre Tätigkeit im Pfarramt stärker vom „Dienst“ als vom eher männlich konnotierten „Amt“ her verstanden haben. Sie haben die spezifischen Stärken der klassischen Frauenrolle, seelsorgerliche Wärme, personale Nähe etc. herausgestellt und dabei einen partizipatorischen Leitungsstil implementiert.

Sie haben also die pastorale Präsenz durch ihren eigenen Beitrag und ihre je eigenen Kompetenzen erweitert – ein Meilenstein auf dem Weg der Kirche, die sich dadurch auszeichnet, eine sich ständig erneuernde (semper reformanda) zu sein.

Pastorin Hella Mahler, Gleichstellungsbeauftragte der Landeskirche