Ehrenamt

Bild: Evangelische Zeitung/ Michael Vollmer

2. Juli 2014

Tagesthema

„Wir sind offen für Experi­mente“

Studenten setzen sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der Reformation auseinander

Marcel Kreipe, Martin Grobecker sowie die beiden Leiterinnen des Projektlabors, Tatjana Rabe und Stephanie Schober legen am Rechner Details für die Gestaltung des aufwändig gestalteten Kataloges fest. Bild: Evangelische Zeitung/ Michael Vollmer

Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen an der Tür der Schlosskirche zu Wit­tenberg. Damit setzte er einen der wichtigsten Impulse für die Reformation, deren Folgen bis heute spürbar sind. Mit ihrem anstehenden Jubiläum rückt die Reformation nicht zuletzt auch als gesellschaftliches Anliegen in den Fokus.

1517 wie 2017 leistet sie einen alternativlosen Beitrag zum kulturellen Ver­ständnis und ist damit für die Fachgebiete Theologie und Gestaltung gleichermaßen von Interesse. In der EKD-weiten Lutherdekade wird seit 2008 bis zum Jubiläumsjahr das Spekt­rum der Reformation in zehn Themenjahren aufgegriffen und näher beleuchtet. Das Jahr 2015 steht unter dem Motto „Re­formation und Bild“, zu dem in der Landeskirche Hannovers ein außergewöhnliche Projekt mit Master-Studierendenden der Fakultät Gestaltung der Hochschule für angewandte Wissen­schaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen (HAWK) den Auftakt bildet.

Seit Beginn des Sommersemesters setzen sich zwölf Studenten aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der Reformation auseinander, indem sie eine Wanderausstel­lung mit dem Titel „ReFORMation“ vorbereiten. Dazu gehö­ren aber nicht nur die Gestaltung der Ausstellungsobjekte, sondern zum Beispiel auch die Zusammenstellung des Katalo­ges oder die Gestaltung der Einladungskarte für die Vernissage am Sonntag, 6. Juli, um 18 Uhr in der Hildesheimer St.-And­reas-Kirche.

Katharina Sobanski hat für ihre Arbeit geometrische Strukturen von Kirchengebäuden aufgegriffen. Bild: Evangelische Zeitung/ Michael Vollmer

Die Teilnehmer blicken nicht nur auf vergangene Tage zurück, sondern haben ihren Fokus auch auf die Zukunft gerichtet. Es gilt, aus den Erfahrungen der Reformation zu lernen, ihre Bedeutung zu kommunizieren, bewusst zu machen und dafür neue Formen zu finden. Hartmut Reimers, Referent für Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste, und die theologische Mitarbeiterin Simone Liedtke begleiteten die Gruppe von Beginn an. „Die Studierenden bringen auch ihre aktuellen Wahrnehmungen zur Reformation ein“, erläutert Simone Liedtke.

Eine gute Orientierungsmöglichkeit bot zu­nächst ein einwöchiger Workshop, den beide Kooperations­partner mit zahlreichen Punkten gestaltet haben. Anschließend wurde dann intensiv bei den wöchentlichen Treffen auf das Ziel hingearbeitet, ein komplettes Ausstellungskonzept zu entwerfen. Die Beteiligten betonen, dass es keine vorgefertig­ten Antworten auf das Thema Reformation gebe.

Der Bet­rachter der Design-Objekte könne seinen Gedanken und Sin­nen freien Lauf lassen. „Sicherlich gibt es auch darunter Ar­beiten, die einen provokanten Charakter haben“, erläutert Hartmut Reimers. Bei der HAWK begleitet Timo Rieke das gemeinsame Vorhaben. Für den Verwaltungsprofessor sind solch integrative Projekte sehr wichtig, zudem sei die Landes­kirche ein interessanter Partner. „Wir sind offen für Experi­mente“, betonte Timo Rieke.

700 Nägel in einem bestimmten Abstand auf eine Platte einzuschlagen war für Marcel Kreipe schon eine besondere Herausforderung. Am Ende kamen für das Gesamtbild noch etliche Gummibänder hinzu. Bild: Evangelische Zeitung/ Michael Vollmer

Der besondere Reiz liege auch darin, in drei Monaten eine komplette Wanderausstellung vor­zubereiten. Mit allen Dingen, die dazu gehören. Da mussten zum Beispiel die Ausstellungsräume ausgemessen oder der Transport der Objekte koordiniert werden.

Trotz der langen Aufgabenliste geht der normale Studienbetrieb weiter. Vorga­ben, wie die Objekte auszusehen haben oder aus welchen Ma­terialien sie herzustellen sind, gab es nicht. Vielmehr spiegeln sich darin die unterschiedlichen Studiengänge wie zum Bei­spiel Grafikdesign, Metallgestaltung, Corporate Design oder Digitale Medien wieder. Die Teilnehmer konnten bei den Vor­bereitungen von den optimalen Arbeitsbedingungen in den Räumen der HAWK in Hildesheim profitieren.

Ihnen standen sämtliche Einrichtungen wie ein Fotostudio, eine Tischlerei oder auch eine hochmoderne 3D-Fräse zur Verfügung. Sogar Schmiedearbeiten konnten in den eigenen Werkstätten erledigt werden. Als einen besonderen Moment erlebten die Studenten schließlich die Umsetzung ihrer Pläne und Vorstellungen in die Praxis. Da blieb es nicht aus, dass hier und da auch mal einige Punkte nicht so ausfielen wie ursprünglich geplant.

Eine ganze Menge Arbeit steckt auch in dem Ausstellungskatalog. Die durch Gummibänder zusammengehaltenen Blätter ermög­lichen es, dass der Leser die Reihenfolge nach eigenen Schwerpunkten festgelegt kann. Somit ergibt sich auch die individuelle Möglichkeit, den Themenkatalog zu erweitern.

Aus gut zwei Kilogramm Munition ist eine Glocke entstanden. Studentin Sina Faikosch musste sie nach dem Guss noch ordentlich auf Hochglanz polieren. Bild: Evangelische Zeitung/ Michael Vollmer

Studentin Sina Faikosch konnte sich gleich für das Reformati­ons-Projekt erwärmen. „Bei mir ist die Entscheidung dafür recht schnell gefallen“, sagt die 31-Jährige. Es sei doch span­nender, sich mit einem Thema zu beschäftigen, mit dem man nicht jeden Tag zu tun hat. Während in den beiden Weltkrie­gen aus Glocken Munition hergestellt wurde, hat Sina Fai­kosch es genau anders herum gemacht. Doch ein Guss war in der HAWK nicht möglich.

Schnell musste sie sich eine Werk­statt suchen, die ihr bei der Umsetzung ihres Vorhabens hilft. Quasi in letzter Sekunde erklärte sich ein Betrieb bereit, aus dem großen Berg Messinghülsen eine etwa zehn Zentimeter hohe Glocke zu gießen. „Bei meiner Recherche habe ich erst gemerkt, dass Glocken früher eingezogen wurden. Sonst wäre wohl etwas ganz anderes herausgekommen“, berichtet Sina Faikosch.

Nach dem Guss musste die Glocke erst einmal abge­schliffen werden. Damit sie glänzt, folgte noch eine gründliche Politur. Für die Ausstellung kommt noch ein kleines Hämmer­chen hinzu, denn ein Loch wollte die 31-Jährige nicht in ihre Arbeit bohren. „Ich finde es gut, den kompletten Prozess bis zur Ausstellung zu erleben“, berichtet Grafikdesign-Studentin Carolin Weitkamp (25). Norman Steiner (31) fand zum einen die Ergebnisse des Vorgängerprojekts zu den Klosterschätzen gut. Zudem habe der angehende Grafikdesigner die eine oder andere innerliche Reiberei mit dem Thema. „Das war schon eine Herausforderung“, meint der 31-Jährige. Ein weiterer Grund sei die Möglichkeit gewesen, mit dem Kurs an die Öf­fentlichkeit zu gehen.

Michael Vollmer, Evangelische Zeitung

2015 - Reformation und Bild - mehr zum Themenjahr

 

Eigene Strukturen schaffen

Carolin Weitkamp und Norman Steiner haben ein altes Trainingsfahrrad zum Glaubenstrainer reformiert. Bild: Evangelische Zeitung/ Michael Vollmer

„Oft landen die Arbeiten ja in der Schublade“, so Norman Steiner, der gemeinsam mit Carolin Weitkamp ein ganz spezielles Fahrrad gestaltet hat. Ihnen sei bewusst, damit vielleicht bei dem einen oder anderen anzu­ecken. Ihr Ansatzpunkt lag in der Frage, wie viel Glauben gut ist. Was passiert, wenn der Mensch nicht mehr glaubt? „Ohne Energie des Menschen funktioniert es nicht.

Das ist ein Grundpfeiler für die spätere Arbeit gewesen“, sagte Norman Steiner. So sei dann ein altes Trainingsfahrrad zum Glaubens­trainer reformiert worden. Die Lampe zeigt bewusst in das Gesicht des Radlers. Da könne jeder etwas hinein interpretie­ren. Die angehende Innenarchitektin Katharina Sobanski wollte bei ihrer Arbeit einen reformatorischen Kirchenraum konzipieren. Dabei hat die 31-Jährige die geometrischen Strukturen von verschiedenen Kirchen aufgegriffen. „Daraus habe ich dann eigene Strukturen erschaffen“, erläutert Katha­rina Sobanski. Neben verschiedenen Modellen hat die Hildes­heimerin auch Elemente aus den vorgefundenen Strukturen auf diverse Stoffe gedruckt. Wie schwer es ist, 700 Nägel in einer bestimmten Formation in ein großes Brett zu schlagen, hat Marcel Kreipe am eigenen Leib erlebt. Der 29-Jährige will mit seinem Werk deutlich machen, dass das gesamte Bild so stark ist wie jeder Einzelne.

„Das ist auf viele Gemeinschaften an­zuwenden“, so Marcel Kreipe. Bei seinem zweiten Werk, das er „Bildersturm“ nennt, fragt er, ob sich ein Bild im kollekti­ven Gedächtnis unter entfremdeten Eingriffen behauptet. Mar­cel Kreipe, der Medien und Advertising Design studiert, hat aus verschiedenen Bildern Elemente herausgewaschen oder übermalt. Dabei orientierte sich der 29-Jährige an der Refor­mationszeit, in der bestimmte Gruppierungen das Gottesbild mit drastischen Mitteln aus der Kirche verbannen wollten.

Michael Vollmer, Evangelische Zeitung

Die Vernissage erleben

Bild: Evangelische Zeitung/ Michael Vollmer

Die Vernissage findet am Sonntag, 6. Juli, um 18 Uhr mit den Designern, Musik und Grußworten in der St. Andreas-Kirche in Hildesheim statt. Dort sind die Werke bis zum 20. Juli wäh­rend der Öffnungszeiten, montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr, sonnabends von 9 bis 16 Uhr und sonntags von 11.30 bis 16 Uhr, zu sehen.

Studenten sind vor Ort, um den Besuchern Fragen zu beantworten. Anschließend wandern die Objekte in die Martin-Luther-Kulturkirche nach Emden, wo die Ausstel­lung vom 23. Juli bis 9. August (dienstags bis freitags von 15 bis 17 Uhr, sonnabends von 11 bis 13 Uhr und sonntags zur Gottesdienstzeit um 11 Uhr) zu sehen ist.

Weitere Stationen sind im kommenden Jahr der Stammelbachspeicher in Hildes­heim vom 12. April bis 10. Mai sowie vom 29. Oktober bis 17. Januar 2016 das Museum August Kestner in Hannover.

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