Bild: epd-Bild/ Charlotte Morgenthal

Deutschstunde im Pfarrhaus

Tagesthema 17. Juni 2014

Pensionierter Lehrer gibt Flüchtlingen kostenlosen Unterricht

Als Achim Kesting eine Taschenlampe in die Höhe hält, beginnen die sieben Sudanesen und Somalier zu raten. Einer der Flüchtlinge meldet sich eifrig: „Lampe“, sagt er stolz. „Nicht ganz richtig“, entgegnet der pensionierte Lehrer und deutet auf seine Hemdtasche.

„Taschenlampe“, rufen fast alle gleichzeitig. Der Ehemann der Gemeindepfarrerin gibt seit einem Jahr im evangelischen Pfarrhaus im niedersächsischen Bahrdorf bei Helmstedt kostenlos Deutschunterricht. Finanziell unterstützt wird das Projekt von der Evangelischen Erwachsenenbildung, der Propstei Vorsfelde und benachbarten Kirchengemeinden.

Die Tür des Fachwerkhauses steht zweimal in der Woche sprichwörtlich offen. „Auch für die Teilnehmer, die es mit der Pünktlichkeit nicht so genau nehmen“, ergänzt der 67-jährige Kesting lächelnd. Rund 25 Männer leben in einer ehemaligen Gaststätte am Ortsrand des 1900 Einwohner zählenden Dorfs. Ihr Weg zum Pfarrhaus entlang der Hauptstraße ist gesäumt von Wahlplakaten der rechtsextremen NPD.

Als die Afrikaner vor etwa einem Jahr in das Dorf kamen, wurde schon einige Wochen später im Internet anyonym Stimmung gegen die Neuankömmlinge gemacht, sagt Pas­torin Sabine Kesting. „Wir mussten etwas machen.“ Eine Woche später begann in dem Raum, wo sonst auch Konfirmanden unterrichtet werden, die erste Deutschstunde.

Laut Kai Weber vom Niedersächsischen Flüchtlingsrat gründen sich landesweit immer mehr kirchliche Initiativen oder Projekte von Ehrenamtlichen, um die Aufnahme von Flüchtlingen zu unterstützen. Darunter seien viele vorbildliche Engagements mit bemerkenswerter, engagierter Sozialarbeit. „Die Leute bringen Erstaunliches zustande.“

Die Begleitung der Menschen im Alltag sei dringend nötig, meint auch Pastorin Kesting. Die meisten Flüchtlinge hätten beispielsweise Angst vor einem Arztbesuch, weil sie nicht wüssten, dass die Behandlung kostenlos ist. „Es wäre besser, wenn regelmäßig jemand vor Ort wäre“, sagt Kesting.

Nicht jede Kommune habe allerdings Mittel, um zusätzlich für die soziale Betreuung zu sorgen, erläutert Weber. Dem niedersächsischen Städte- und Gemeindebund zufolge erhalten die Kommunen rund 6000 Euro jährlich je Flüchtling für die Unterbringung, den Unterhalt und die gesundheitliche Versorgung. Für die soziale Betreuung gebe es kein Geld. Allein die oft benötigte psychologische Betreuung übersteige das Budget.

Auch die Afrikaner in Bahrdorf haben aufgrund ihrer jahrelangen Flucht noch immer Angst. Keiner von ihnen traut sich, ein Interview zu geben. Die meisten haben nur mit Glück die Überfahrt auf maroden Kähnen nach Europa geschafft, sind unterwegs mit Waffen bedroht oder geschlagen worden, weiß Pastorin Kesting.

Kestings Mann hat vor allem Geduld gebraucht, um die Männer mit humorvollen Späßen auch zum Lachen zu bringen. Neue Wörter erklärt der Pädagoge nur mit Bildern oder kleinen Gegenständen. Viele seiner Schüler sind Analphabeten und lernen erstmals Schreiben. Ein Schüler betont in gebrochenem Englisch: „Wir sind ihm unendlich dankbar, dass er uns unterrichtet.“ Inzwischen besuchen die Afrikaner ihn auch außerhalb des Unterrichts im Pfarrhaus, wenn es beispielsweise um Schreiben der Behörden geht.

„Im Dorf hat sich die Stimmung mittlerweile geändert“, resümiert Pastorin Kesting. Viele Bahrdorfer nehmen die Männer, die aus Angst vor dem Verkehr auf den engen Straßen oft zu Fuß unterwegs sind, mit dem Auto zum Einkaufen ins nahegelegene Wolfsburg. Auf der Fahrt können die Afrikaner sich dank des Unterrichts schon ein wenig auf Deutsch über ihre Herkunft austauschen und anschließend bedanken.

Im Pfarrhaus arbeitet Lehrer Kesting weiter daran, dass die Flüchtlinge sich nicht nur sprachlich integrieren. Zum Abschluss der Stunde hält er der Reihe nach Spielkarten aus einem Skatspiel in die Höhe und fragt nach ihrer Bezeichnung. „Das ist wichtig für den Spieleabend, zu dem wir alle im Dorf eingeladen haben.“

Charlotte Morgenthal (epd)

Gebot der Humanität

Kai Weber

Der erweiterte Familiennachzug ist gerecht, meint Kai Weber vom Flüchtlingsrat Niedersachsen. Ähnlich wie beim Bosnienkrieg sollte Deutschland auch beim Zuzug syrischer Famlienangehöriger großzügig sein.

Anfang Juni 2014 zählt das Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2,8 Millionen aus Syrien vertriebene Flüchtlinge. Gerade mal drei Prozent von ihnen haben seit Beginn des Konflikts in Europa Zuflucht gefunden. Die Hauptaufnahmestaaten dieser Flüchtlinge – Libanon, Jordanien, Türkei, Irak, Ägypten – sind erkennbar an ihre Grenzen gelangt.

Allein der Libanon mit seinen vier Millionen Einwohnern hat etwa eine Million syrischer Flüchtlinge aufgenommen. Viele Kriegskinder gehen zwei Jahre und länger nicht mehr zu Schule. Ausbeutung und Prostitution grassieren. Die medizinische Versorgung der Geflüchteten ist nicht gesichert, nicht einmal diejenige der Kinder.

Den ganzen Bericht von Kai Weber, Geschäftsführer des Flüchtlingsrates Niedersachsen

Stichwort Asyl

Lisa Ebbecke und Jana Aumann, FSJ’lerinnen

Wer in Deutschland Zuflucht sucht, muss einen Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellen. Bis zur Entscheidung darüber darf der Antragsteller in Deutschland bleiben.

Die gesetzlich vorgeschriebene Anhörung ist wohl der emotionalste Teil des Verfahrens.

Lisa Ebbecke und Jana Aumann haben für die Evangelische Zeitung kommentiert

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