Bild: Patrice Kunte

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Toleranz nicht an der Intoleranz anderer messen

Tagesthema 09. Juni 2014

In acht Sprachen feierten Christen aus unterschiedlichen Gemeinden Hannovers, in denen verschiedene Sprachen gesprochen werden, miteinander den Pfingstgottesdienst in der Marktkirche: Die Sprache gibt uns ein Kleid. Wir wohnen im Wort. Wenn ein Kind zum ersten Mal „Ich“ sagt, beginnt es mit einem „Selbst-Bewusstsein“ sich von anderen zu unterscheiden. Das Kind entwickelt ein Verhältnis zu sich selbst und damit auch zur Welt. Es hat ein Kleid der Sprache angezogen und versteht sich als Person, die fordert, empfängt und gibt.

„Bring back our Girls“

Landesbischof Ralf Meister im Fernsehgottesdienst zu Pfingsten. Bild: Patrice Kunte.  

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat die Kirchen am Pfingstsonntag dazu aufgerufen, noch intensiver für die weltweit 100 Millionen verfolgten Christen einzutreten. Verfolgungen aus Glaubensgründen seien Verletzungen der Menschenrechte und gefährdeten den Frieden in der Welt, sagte der evangelische Theologe im ARD-Fernsehgottesdienst. „Unsere Stimme muss klar sein, und sie darf sich nicht politischer Diplomatie anpassen. Es ist die starke Stimme, die weder Mann noch Frau kennt, weder Herrscher noch Knechte, weder Iraker noch Deutsche, noch Türke noch Nigerianer.“

An dem Gottesdienst wirkten Menschen aus Ghana, dem Kongo, Südkorea, Sri Lanka, dem Irak, Griechenland und der Türkei. Sie alle engagieren sich in christlichen Migrationsgemeinden in Hannover. Die Irakerin Sama Salim von der Arabischen deutschen evangelischen Gemeinde nannte in dem Gottesdienst ihr größtes Anliegen: „Ich wünsche mir, dass wir unseren Glauben in Freiheit leben können, besonders für meine Heimat.“

An Pfingsten feiern Christen in aller Welt 50 Tage nach Ostern traditionell den Geburtstag der Kirche. Nach biblischer Überlieferung erfasste der Heilige Geist an Pfingsten die Jünger Jesu und Menschen aus vielen Ländern hörten sie in unterschiedlichen Sprachen predigen.

Meister betonte, Christen dürften ihre Toleranz nicht an der Intoleranz anderer messen. Religionsfreiheit sei ein Grundgut der menschlichen und religiösen Kultur: „Und daher ist es richtig, dass Muslime in Deutschland Moscheen bauen - auch wenn Christen das Recht auf eine Kirche in manchen muslimischen Ländern verweigert wird.“

Exemplarisch für verfolgte Christen nannte der Bischof die junge Sudanesin Mariam Jahia Ibrahim Ishak. Sie wurde wegen der angeblichen Abkehr vom Islam zum Tode verurteilt und hat vor wenigen Tagen im Gefängnis eine Tochter zur Welt gebracht. Außerdem erinnerte Meister an die Mädchen in Nigeria, die von islamistischen Extremisten entführt worden sind. „Sagen wir gemeinsam mit vielen Künstlern, Schauspielern und Politikern auf der ganzen Welt: Bring back our girls!“

Die Gottesdienstbesucher unterschiedlicher Nationen sangen gemeinsam das "Halleluja". Zum Abschluss beteten sie das „Vater Unser“ in ihren jeweiligen Muttersprachen. Der türkischstämmige Diakon Moses Tan hatte das Gebet zuvor in aramäisch, in der mehr als 2.000 Jahre alten Sprache von Jesus, gesungen. Nach Angaben der Landeskirche leben allein in Hannover Menschen aus 140 Nationen.

epd

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