Ehrenamt

Bild: Jens Schulze

27. Mai 2014

Tagesthema

Klare Botschaft: „Kocht selber!“

Hannoversche Landeskirche lud zum ersten Hochschulforum unter dem Motto „Mehr als Geschmackssache“ ein

Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker, Vizepräsident des Club of Rome, erregte sich über Fehlentwicklungen in Wirtschaft und Politik. Bild: Jens Schulze

Ernährung als Thema eines wissenschaftlichen Kongresses war eine Herausforderung. Das zeigte schon der erste Redner: Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker, Vizepräsident des Club of Rome, der schon vor vier Jahrzehnten die „Grenzen des Wachstums“ aufzeigte und hier und heute die Aufgaben der Hochschulen zu diesem Thema verdeutlichte.

Der Wissenschaftler plädierte für interdisziplinäre Forschung und Zusammenarbeit, erregte sich über Fehlentwicklungen wie etwa den massenweisen Anbau von Energiepflanzen statt Lebensmitteln. „Das ist ungeheuer absurd, ja ein Stück weit kriminell“.

Den jungen Zuhörern verdeutlichte der SPD-Bundestagsabgeordnete im Rückblick, dass es in den vergangenen vier Jahrzehnten immer wieder positive Entwicklungen gegeben habe, etwa den Weltklimagifpfel in Rio, aber auch Rück-schläge, etwa als Drittweltländer ihren Nachholbedarf einforderten.

Anfang der 1990-er Jahre aber sei mit der Globalisierung die Hoffnung auf eine nachhaltige Weltwirtschaft geschrumpft: „Als der Kommunismus weggepustet war, reagierte das Kapital arrogant und wollte sich nicht mehr durch soziale oder Umweltgesetze einschnüren lassen.“ Zudem zeige sich, dass eine erhöhte Effizienz bisher immer auch zu erhöhtem Verbrauch von Ressourcen geführt habe, „das nutzt der Natur dann überhaupt nichts.“ Von Weinsäckers Forderung lautete daher, die Teuerungsrate einzelner Rohstoffe und Produkte an die Effizienz zu koppeln.

Wenig Gutes ließ von Weizsäcker an der Orientierung der Hochschulen an Veröffentlichungen in amerikanischen Fachzeitschriften. Davon dürfe nicht die Forschungsarbeit abhängig gemacht werden. Auch die Hochschulreform (Boplogna-Prozess) habe sich an falsche Überlegungen geknüpft. Das Wissen eines ganzen Studiums werde in sechs Semester bis zum Bachelor-Abschluss („eine Art Super-Abitur“) gepresst, statt den Studierenden die Freude an der Forschung zu vermitteln. „Das ist beknackt“, meinte der Wissenschaftler. „Ihr müsst Rebellen werden“, sagte er zu den Studierenden.

Landesbichof Ralf Meister (li.) im Gespräch mit zwei Studentinnen beim Empfang in der Niedersachsenhalle im HCC. Bild: Jens Schulze

Landesbischof Ralf Meister, der das Forum als „ein Experiment“ begrüßt hatte, bezeichnete von Weizsäcker als „prophetischen Vordenker“. So etwas brauche die Kirche bei ihrer Suche nach der Zukunftsfähigkeit der Weltgesellschaft; sie suche den Dialog, um die ethischen Fragen auf breitere Basis zu stellen. Meister zeigte sich dankbar für die „Belehrung durch andere“. „Die Wissenschaft von der Theologie braucht den Austausch mit anderen Wissenschaften“ wie in diesem Forum.

Querdenker waren also gefragt, etwa wie Karl von Koerber vom Wissenschaftszentrum für Ernährung, Landnutzung und Umwelt in Weihenstephan. Dort wird die Ernährung vielseitig betrachtet, sowohl von der ökonomischen wie ökologischen Seite, aber auch Nährwerte, soziale Aspekte, Klimaschutz und mehr gehören dazu. Koerber räumte allerdings ein, dass die Hochschule diese interdisziplinäre Struktur aufgebe, wenn er in Kürze in den Ruhestand geht. Professor von Weizsäcker machte den Vorschlag, die Forscher an der Leuphana Universität Lüneburg oder an der Gesamthochschule Kassel-Witzenhausen unterzubringen, nur an solchen Hochschulen gebe es entsprechendes Neuerungs-Potenzial.

Fernsehköchin Sarah Wiener heizte den jungen Teilnehmern im Forum und den Podiumsteilnehmern mit ihren klaren Aussagen ein. Bild: Jens Schulze

Von Koerber sah in den Industrienationen die „eigentlichen Entwicklungsländer – vielleicht mit Ausnahme beim Thema Kinderarbeit“. Sonst aber seien in bezug auf Umwelt- und Ressourcenschonung die Dritte-Welt-Läder uns voraus; sie produzierten jahreszeitgerecht, regional, fair zu vernünftigen Preisen und verzichteten auf landraubende „Veredelung“ und Fertigprodukte.

Da schloss sich der Kreis zu der Forderung Sarah Wieners, die den jungen Zuhörern riet, wieder „die Souveränität über ihren Körper“ zurückzugewinnen, in dem sie auf vorgefertigte Nahrung unbekannter Herkunft verzichteten. Die industrielle Produktion mache es zwar möglich, ein Hähnchen zum Preis einer Stunde Parkens in München zu erzeugen, doch eben nur zu Lasten der Erzeuger. „Ihr werdet doch alle beschissen, manipuliert und betrogen“, ereiferte sich Wiener. Niemand in Deutschland dürfe sich damit herausreden, regional und biologisch erzeugte Produkte seien zu teuer. Noch nie und nirgends seien Lebensmittel so preiswert gewesen wie hier und heute. Und wenn dennoch arme Menschen sich kein gutes Essen leisten könnten, dann stimme etwas nicht an dieser Gesellschaft.

Michael Eberstein, Chefredakteur Evangelische Zeitung

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Ein gelungenes „Experiment“

Ministerin Dr. Gabriele Heinen-Kljajić (Wissenschaft und Kultur). Bild: Jens Schulze

Das „Experiment“ Hochschulforum der hannoverschen Landeskirche kam bei Wissenschaftministerin Gabriele Heinen-Klajic gut an. Ernährung sei das richtige Thema zur rechten Zeit, sagte die Grünen-Politikerin. Sie erinnerte an die „erschreckende Ökobilanz“ der Land- und Forstwirtschaft, die zu einem Netto-Energieverbraucher geworden sei. Und „in einer Welt, in der Firmen auf Saatgut Patente bekommen, stimmt etwas nicht.“

Die Gesellschaft steure zunehmend auf eine Epoche der Zerstörung der Lebensgrundlagen zu, sagte Heinen-Klajic. Dem gelte es Einhalt zu gebieten. Auch deshalb habe ihr Ministerium für ein Forschungsprogramm „Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung“ 15 Millionen Euro bereitgestellt. Dabei gehe es um die Vernetzung geistes- und sozialwissenschaftlicher Studien mit technischen und Ingenieurswissenschaften.

Michael Eberstein, Evangelische Zeitung

Informationen zu Programm, Workshops, Foren und Referenten des Hochschulforums

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Mit ihrem brandneuen, unwiderstehlichen Küchenbuch für Freizeiten und andere große und kleine Gruppen zeigt die Evangelische Jugend, dass nachhaltiges Kochen auf Kinder- und Jugendfreizeiten Spaß macht und nichts mit Verzicht zu tun hat.

Souveränität über Körper wiederbekommen

Das Publikum folgte den Rednern mit hoher Aufmerksamkeit. Bild: Jens Schulze

Fernsehköchin Sarah Wiener hat die heutige Studentengeneration aufgerufen, wieder mehr selbst zu kochen. „Ihr müsst in der Lage sein, die Souveränität über euren Körper wiederzubekommen und zu benennen, was ihr euch reinstopft“, sagte sie beim ersten Hochschulforum der Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers.

epd

Zum Bericht über das Podium

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In unterhaltsamer und kundiger Weise geht Matthias Viertel den philosophischen, biblischen und anthropologischen Hintergründen von Völlerei und Askese sowie Mahlzeiten in der Familie oder im Freundeskreis und Fast Food nach.