2014_05_19

Bild: epd-Bild

Abschied am offenen Sarg

Tagesthema 19. Mai 2014

Thanatologe ermutigt zur Aufbahrung eines Leichnams

Der Bestatter und Thanatologe Joerg Vieweg (48) ermutigt zum Abschied am offenen Sarg. Das sei auch dann möglich, wenn der Leichnam nach einem Unfall, Obduktionen, langjährigen Krankheiten oder einem Sturz aus großer Höhe zunächst entstellt sei, sagte Vieweg dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Durch eine Rekonstruktion ist es in 95 Prozent aller Fälle möglich, die Leiche aufzubahren.“ Der Experte hat unter anderen die Leiche des ehemaligen Nationaltorhüters Robert Enke rekonstruiert, nachdem sich der Sportler im November 2009 im Alter von 32 Jahren das Leben genommen hatte. Er wurde von einem Zug erfasst und tödlich verletzt.

Was durch Rekonstruktionen alles möglich ist, hat Vieweg bei der Bremer Kongressmesse „Leben und Tod" in einem Workshop erläutert. „Die Abschiedname am offenen Sarg ist umso wichtiger, je akuter, plötzlicher und je jünger ein Mensch gestorben ist“, sagt der Bestatter. Trauerpsychologisch sei es wichtig, den Leichnam noch einmal berühren zu können, um wirklich zu begreifen, dass der Mensch tot sei. „Noch vor 100 Jahren war das Abschiednehmen am offenen Sarg ein fester Bestandteil der Abschiedskultur.“ In der Nachkriegszeit sei dieses Ritual aus der Mode gekommen, obwohl es nachweislich helfe, den Toten gehenzulassen.

„Besonders ein Kind gehört nicht in die Kühlung“, kritisierte Vieweg Kollegen, die eine Aufbahrung nicht möglich machen. Der Bestatter aus Rellingen bei Hamburg hat schon Leichen rekonstruiert, die von einem schweren Laster überrollt wurden oder nach mehreren Tagen auf einer Fußbodenheizung leicht mumifiziert waren. „Ich bin dafür, immer erst zu schauen, ob eine Rekonstruktion möglich ist.“ Seinen Angaben zufolge gibt es in Deutschland etwa 120 Thanatopraktiker, die eine Aufbahrung vorbereiten können, etwa zwei Dutzend auch in schwierigen Fällen.

Nach den Worten des ausgebildeten Krankenpflegers und ehemaligen Notfall- und Rettungssanitäters sind es nicht immer dramatische Fälle, die er wieder rekonstruiert, um sie für eine Aufbahrung zu Hause, im Bestattungsinstitut oder in einer Kirche vorzubereiten. „Manchmal sind es lange und schwer erkrankte Personen, die beispielsweise aufgrund einer Chemotherapie oder einer Autoimmunerkrankung extrem stark verändert sind.“

„Oft hören wir den Ratschlag, als Angehöriger auf die offene Abschiednahme zu verzichten und lieber den Verstorbenen so in Erinnerung zu behalten, wie er im Leben war“, ergänzte Vieweg. „Das ist aber nach psychologischen Untersuchungen nicht nur falsch, sondern kann sogar zu unüberwindbaren Trauerbarrieren führen.“ Es gebe eigentlich kaum Grenzen, eine Leiche wieder herzurichten. „Das ist eine Frage des Aufwandes.“ Nur wenn ein Körper beispielsweise über Wochen im Wasser gelegen oder in einem Baum gehangen hat, kann auch Vieweg nicht mehr helfen.

epd

Mehr über den Bestatter Jörg Vieweg und über seinen Workshop auf der Messe „Leben und Tod“ - Die Bedeutung der (sinnlichen) Abschiednahme vom Verstorbenen auch in schwierigen Fällen

Warum und worum getrauert wird

Ein Kreuz, daneben ein sonnenbeschienener Zweig.
Sich im Leben wieder neu zurecht finden und Gott bei diesem neuen Weg an der Seite wissen. Das tröstet. Bild: Enderlein

Wenn ein Mensch gestorben ist und Sie zu Hause, im Altenheim oder im Krankenhaus Abschied nehmen müssen, haben Sie die Möglichkeit, den Pastor oder die Pastorin um eine Aussegnung des Verstorbenen zu bitten. Dazu möchten wir Sie ermutigen, denn es tut sehr gut, in aller Ruhe vor der Beerdigung Abschied zu nehmen.

Die Aussegnung kann auch am Ort der Aufbahrung, im Bestattungsinstitut oder in der Friedhofskapelle stattfinden. Zur kurzen Andacht am noch geöffneten Sarg können Sie Angehörige, Freunde und Nachbarn einladen.

Im Augenblick der Trauer soll die Beisetzung geregelt werden. Das ist schwer und doch unumgänglich. Die Beisetzung gehört zu den letzten Dingen, die jemand für einen Toten, eine Tote noch tun kann – und ist zugleich eines der ersten Dinge, die ein trauernder Mensch für das eigene Überleben tut.

Über Beisetzung, Trauergottedienst, Todesanzeige - die christliche Bestattung

Über das Aufbahren

Aufbahren heißt: Der Verstorbene muss nicht gleich in den Kühlraum des Bestatters. Er kann eine gewisse Zeit zu Hause, in einer Kapelle oder Leichenhalle bleiben, um dort besucht zu werden. Wer im Krankenhaus gestorben ist, kann nach Hause gebracht werden, damit sich Angehörige, Freunde und Bekannte besser verabschieden, vielleicht auch eine Totenwache halten können.

Da in Deutschland eine Leichenhallenpflicht gilt, ist die Zeit für eine Aufbahrung zu Hause in den meisten Bundesländern ohne jede behördliche Genehmigung auf 36 Stunden begrenzt. Manchmal kann die Frist auf Antrag bei den zuständigen Ämtern auf bis zu 96 Stunden erweitert werden. Ist eine Kühlung wie etwa in einem Bestattungsinstitut oder wie in der Leichenhalle eines Friedhofes vorhanden, gibt es noch mehr Zeit für den Abschied.

Bei Eintritt des Todes muss zunächst ein Arzt gerufen werden, der den Totenschein ausstellt. Vorher darf der Leichnam weder versorgt noch irgendwie anders behandelt werden. Litt der Verstorbene an einer Erkrankung, die unter das Bundesseuchengesetz fällt, darf der Leichnam allerdings nicht zu Hause aufgebahrt werden. Das wäre beispielsweise der Fall, wenn der Betroffene an einer Virusgrippe, an Hepatitis oder Tuberkulose starb.

epd

Das Niedersächsische „Gesetz über das Leichen-, Bestattungs- und Friedhofswesen (BestattG)“

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