Bild: Philipp-Spitta-Seniorenzentrum

„Es muss Schluss damit sein“

Tagesthema 13. Mai 2014

Die Lebenserwartung in Deutschland steigt - und mit ihr die Zahl der alten Menschen. Doch die Zahl derer, die sie betreuen, droht zu sinken. Die Diakonie und andere Sozialverbände forderten darum am Internationalen Tag der Pflege von der Politik ein „Rettungspaket“.

Diakonie und Sozialverbände fordern von der Politik ein „Rettungspaket“ für die Altenpflege

Cornelia Rundt

Die Diakonie in Niedersachsen und Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) haben dafür geworben, die Arbeit in der Altenpflege aufzuwerten. Pflegekräfte müssten deutlich höhere Löhne erhalten, forderte Rundt in Hannover anlässlich des Internationalen Tages der Pflege.

Eine tarifgerechte Bezahlung müsse zum Regelfall werden. Bei der ambulanten Pflege seien die Sätze in der Pflegestufe I viel zu gering und deckten den tatsächlichen Pflegebedarf nicht.

Nach Angaben der evangelischen Diakonie in Niedersachsen steht die Altenpflege vor einem großen Nachwuchsproblem.

Bis 2030 fehlten Schätzungen zufolge bundesweit rund 400.000 Vollzeitkräfte, sagte Vorstandssprecher Christoph Künkel: „Es muss endlich Schluss damit sein, dass soziale Berufe schlechter angesehen sind als etwa technische Berufe.“ Kräfte aus China oder Vietnam anzuwerben, sei aus sprachlichen und kulturellen Gründen sowie mit Blick auf die globale Gerechtigkeit keine Lösung.

Bei dem Aktionstag machten Pflegekräfte der Diakonie in Niedersachsen und Bremen auf die Probleme aufmerksam. In Hannover informierten Mitarbeiter vor den Heimen und an Straßenbahnen Passanten. In Lüneburg, Soltau, Alfeld, Verden und Esens gab es Kundgebungen vor dem Rathaus. In Celle, Osnabrück und Peine übergaben Beschäftigte „Rettungspakete“ mit Forderungen an Politiker. Die Diakonie ist bundesweit einer größten Pflege-Anbieter.

Künkel sagte, die Tendenz zu Dumpinglöhnen in der Altenpflege müsse dringend beendet werden: „Wir brauchen vergleichbare Löhne, damit wir zu einem Qualitätswettbewerb kommen.“ Deshalb verhandele die Diakonie in Niedersachsen mit den anderen Wohlfahrtsverbänden über einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für die Sozialbranche.

Bremens Landesdiakoniepfarrer Manfred Meyer forderte mehr Tempo bei der Pflegereform der Bundesregierung. Der dabei geplante neue Pflegebedürftigkeitsbegriff müsse schneller eingeführt werden.

Die Bundesregierung will 2017 fünf statt bisher drei Pflegestufen einführen, damit geistige und psychische Leiden wie Demenz besser berücksichtigt werden. Meyer verlangte, die Versicherung auf eine breitere Basis zu stellen, um sie besser zu refinanzieren. Deshalb sollten nicht nur Löhne und Gehälter, sondern auch Kapitaleinkünfte herangezogen werden.

Der Oldenburger Diakonie-Vorstand Uwe Kollmann warb um mehr Unterstützung für pflegende Angehörige, etwa durch Pflegekurse und Beratungsangebote. Die Kassen sollten verpflichtet werden, diese Schulungen zu bezahlen. Außerdem müsse die Politik dafür sorgen, dass Familienpflegezeiten mit Lohnersatzleistungen ausgeglichen würden, die sich auch auf die eigene Rente auswirken.

Der Geschäftsführer Altenhilfe in der Henriettenstiftung in Hannover, Ulrich Spielmann, kritisierte eine Tendenz zur „Aldisierung von Pflege“. Wenn nichts passiere, werde sich die stationäre Altenpflege nach der Logik von Supermärkten organisieren - mit wirtschaftlich optimierten Fluren für bis zu 60 Menschen.

Der Internationale Tag der Pflege wird am jährlich 12. Mai begangen, in Deutschland seit 1967. Am 12. Mai 1820 wurde die britische Krankenschwester Florence Nightingale (1820-1910) geboren, die als Begründerin der modernen Krankenpflege gilt.

epd

Alle Informationen zum Aktionstag Altenpflege 2014 der Diakonie

Beziehung im Dauerlauf

Die Arbeit in den 140 Diakonie-, Sozialstationen und ambulanten Pflegediensten der Diakonie ist Ausdruck gelebten christlichen Glaubens. Sie nehmen diese Aufgaben für die christliche Gemeinde wahr. Ihr Ziel ist es, alle Menschen, die auf häusliche Pflege angewiesen sind, in der eigenen Wohnung zu versorgen.

Durch ihre Darstellung in der Öffentlichkeit tragen sie dazu bei, im Sinne des christlichen Menschenbildes im Umfeld der Gemeinde präsent zu sein. Pflegerische Hilfen und die Unterstützung bei der Teilnahme am sozialen Leben sind für viele Ältere und Hilfebedürftige wichtige Bestandteile eines würdigen Lebens, die nicht nebeneinander stehen sollen. Der Kontakt zu den örtlichen Kirchengemeinden ist ein wichtiges Anliegen der ambulanten Dienste in der Diakonie.

Die Pflege soll einmal mehr Top-Thema der Bundesregierung werden. Fachkräfte wie Kirstin Osmer haben das schon oft gehört. Dass die große Pflegereform bisher ausgeblieben ist, hat sie noch nicht aus dem Beruf getrieben. Noch nicht.

Kostendruck, Bürokratie und die tägliche Hatz bringen ambulante Pflegekräfte an die Belastungsgrenze - aus dem Tag einer Pflegekraft

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Die Diakonie hat zum Internationalen Tag der Pflege bundesweit zu Protesten gegen den Pflegenotstand aufgerufen. Insbesondere soll auf die kritische Situation in der Altenpflege aufmerksam gemacht werden, wie der evangelische Wohlfahrtsverband mitteilte.

Auch in Niedersachsen beteiligten sich zahlreiche Einrichtungen an Protesten, Kundgebungen, und Diskussionsveranstaltungen unter anderem in Hannover, Bremen und der Nordheide.

Die Diakonie, die bundesweit über 3.500 Pflegeheime und ambulante Dienste betreibt, fordert vor allem bessere Rahmenbedingungen für eine würdevolle Pflege, eine sichere Finanzierung, die Entlastung pflegender Angehöriger und eine attraktivere Ausbildung des Nachwuchses.

Symbolische Pakete für Berlin

Überall in der Republik werden am Aktionstag der Diakonie symbolisch Rettungspakete vor Altenpflege-Einrichtungen gestapelt. Bild: Philipp-Spitta-Seniorenzentrum

Beschäftigte der Branche sollten zum Tag der Pflege symbolische Rettungspakete schnüren und an das Bundesgesundheitsministerium in Berlin schicken. Die Pakete enthalten Postkarten mit Forderungen von Pflegekräften sowie von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen. Diakonie-Präsident Johannes Stockmeier will ein Rettungspaket direkt im Ministerium abgeben.

Bundesweit Aktionen für die Altenpflege

„Wie eine Maschine“

Christoph Künkel, Direktor des Diakonischen Werkes. Bild: Jens Schulze

Die Diakonie in Niedersachsen hat auf Fehlentwicklungen in der Altenpflege aufmerksam gemacht. „Das gegenwärtige System entmenschlicht die Pflege zu einem mechanischen Ablauf nach Gebrauchsanweisung“, sagte Vorstandssprecher Christoph Künkel in Hannover zum Auftakt des bundesweiten Aktionstages der Diakonie zur Pflege.

Nach den geltenden Regelungen zur Finanzierung müssten die Pflegenden arbeiten „wie eine Maschine“, und die Pflegebedürftigen würden „zu Objekten gemacht“. Pflege sei aber eine Arbeit von Mensch zu Mensch.

epd

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