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Das Profil der Reformation I

Tagesthema 29. März 2014

1517 hat alles begonnen - öffentlich zumindest. In der Nacht zum Allerheiligenfest - so wurde zumindest später berichtet - hat ein Mönch, Theologe und Professor an der Wittenberger Universität 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche angeschlagen. Nicht um eine Reformation anzuzetteln, sondern um zu diskutieren: „Aus Liebe zur Wahrheit und im Verlangen, sie zu erhellen, sollen die folgenden Thesen in Wittenberg disputiert werden unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Pater Martin Luther, Magister der freien Künste und der heiligen Theologie, dort auch ordentlicher Professor der Theologie. Daher bittet er jene, die nicht anwesend sein können, um mit uns mündlich zu debattieren, dies in Abwesenheit schriftlich zu tun. Im Namen unseres Herrn Jesus Christus.“

Was daraus in Niedersachsen und auf dem Gebiet der heutigen Landeskirche Hannovers geworden ist, beschreibt der Leiter des landeskirchlichen Archivs, Hans Otte, in einem Vortrag ...

1517: Kein Termin hannoverscher Kirchengeschichte

Eine Warnung vorweg: Der Titel des Vortrags legt die Vermutung nahe, es gäbe eine – die – Reformation in der hannoverschen Landeskirche. Das wäre falsch, denn erst seit 1815 kann man von der hannoverschen Landeskirche sprechen. Mehrere Fürstentümer und Herrschaften mit unterschiedlicher Geschichte wurden damals zum Königreich Hannover mit einer Landeskirche zusammengefasst. Weil der Verlauf der Reformation in den einzelnen bis dahin selbständigen Territorien unterschiedlich war, gibt es kein einheitliches Grundmuster, das anfangs die Reformation und seitdem die ganze Geschichte der Landeskirche bestimmt hätte. Gerhard Uhlhorn (1826-1901) hat noch versucht, ein solches Grundmuster zu konstruieren. Seit der Reformation habe es ein die Landeskirche bestimmendes „mildes Luthertum“ gegeben. Diese These erläuterte Uhlhorn in seiner „Hannoverschen Kirchengeschichte“ am Beispiel des Celler Reformators Urbanus Rhegius. Uhlhorn schrieb, Rhegius habe „besondere Sorgfalt auf die Bildung tüchtiger Prediger verwandt. Für sie schrieb er die ‚Formulae caute loquendi‘ oder ‚Wie man fürsichtiglich reden soll‘, eine Schrift, die im Lüneburgischen und Calenbergischen fast symbolisches Ansehen erhielt. Ihr Inhalt ist ein bestimmtes und klares, aber mildes und jedem Extrem abholdes Luthertum. Das ist überhaupt das Gepräge, welches [Herzog] Ernst und [Urbanus] Regius der lüneburgischen Kirche gegeben haben …, und wie es im Grunde das Gepräge der hannoverschen Landeskirche geworden ist.“ (S. 59f.)

Gerhard Ulhorn
Gerhard Ulhorn, Oberkonsistorialrat und Abt zu Loccum, Bild: Landeskirchliches Archiv

Für Uhlhorn bot die kleine Schrift von Rhegius die vermittelnde Idealbeschreibung eines „milden“ Luthertums. Das entsprach seinem eigenen kirchenpolitischen Kurs, der sich angesichts der heftigen Kontroversen zwischen scharf konfessionellen („orthodoxen“) Lutheranern und liberalen Theologen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts um Vermittlung bemühte. Aber Rhegius’ Schrift „Wie man fürsichtiglich reden soll“ war kein kirchenleitendes Programm mit der Empfehlung zur Vorsicht, sondern eine kleine Dogmatik zum „umsichtigen“ Reden – so ist das Wort „fürsichtiglich“ zu verstehen. Im Schema von Frage und Antwort beschrieb Rhegius das theologische Anliegen der Reformation. Uhlhorns Hinweis auf Urbanus Rhegius hatte allerdings zur Folge, dass sich in der NS-Zeit hannoversche Theologen auf die überkommene hannoversche Vorsicht beriefen, um damit die „vorsichtige“ Kirchenpolitik des hannoverschen Landesbischofs Marahrens zu erläutern, die faktisch eine weitgehende Anpassung an politische Vorgaben der NS-Herrschaft war. Mit Urbanus Rhegius hatte das nichts mehr zu tun.

Auch wenn es kein einheitliches Grundmuster der Reformation gibt, kann man doch nach gemeinsamen Strukturelementen bei der Einführung der Reformation und der theologischen Neuorientierung im Bereich der Landeskirche fragen. Im Folgenden kann das überblicksweise geschehen, zur Frage nach Einzelheiten muss ich auf die im Anhang genannte Literatur verweisen.

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Urbanus Rhegius (* Mai 1489 in Langenargen; † 23. Mai 1541 in Celle; eigentlich Urban Rieger). Bild: WikiCommons

Wendet man sich dem 16. Jahrhundert zu, ist – im Vergleich zu heute – mit einer anderen Wahrnehmung der Zeit und des Raum zu rechnen, die auch das Reformationsgeschehen bestimmte. Als Beispiel dafür sei noch einmal auf Urbanus Rhegius (1489-1541) hingewiesen. Er stammte aus Langenargen am Bodensee und war Prediger an der Augsburger St. Annenkirche. Als guter Theologe war er während des Augsburger Reichstags 1530 dem Celler Herzog Ernst aufgefallen. Herzog Ernst (1497-1546), später als „Ernst der Bekenner“ bezeichnet, warb Rhegius nach Celle als Superintendent ab. Für Rhegius war die Welt Norddeutschlands ziemlich schockierend. Weltläufig wie er war, erschien ihm das Leben im niedersächsischen Bauernhaus fast wie eine Arche Noah: „Hunde, Katzen, Kühe, Kälber, Rosse, Säue, Hühner, Schafe - alles bei einander bei einem Feuer, da der Bauer auf Stroh liegt, alten, stinkenden [d.h. geräucherten] Speck isst und Brod hart wie Wetzstein.“ Das ist scharf beobachtet, denn das niedersächsische Bauernhaus hatte meistens eine offene Feuerstelle unter dem Strohdach. Für Menschen aus Süd- und Mitteldeutschland war Norddeutschland eine fremde Welt.

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Die Klosterkirche Oldenstadt in der Nähe von Uelzen heute. Bild: WikiCommons

Ähnliche Skepsis kann man auch bei Martin Luther lesen. Aus dem Kloster Oldenstadt bei Uelzen hatte Abt Heino Gottschalk 1522 Luther um Rat gefragt, ob er das Kloster verlassen solle, nachdem er „zum Evangelium gekommen“ sei. Ihm antwortete Luther seelsorgerlich. Seine Antwort zeigt die leise Arroganz eines Obersachsen, der schon in Rom gewesen war: Er „danke Gott, der in seiner Gnade geruht habe, sein Evangelium nun auch in jenem Winkel am Ende der Welt zu verherrlichen“. Ein Winkel am Ende der Welt – damit war Uelzen gemeint, immerhin ein stolzes Mitglied der Hanse. Dieses Urteil zeigt ein fundamentales Problem an: Die Reformation war in erster Linie ein Ereignis der Universitätsgeschichte, in zweiter Linie ein Ereignis der Ordensgeschichte. In Niedersachsen gab es damals keine Universität; norddeutsche Studenten gingen zumeist an die Universitäten Rostock oder Köln. Die Distanz zu den Zentren der Reformation hatte Folgen für die Einführung der Reformation: Es dauerte, bis Nachrichten über die ‚Wiederentdeckung des Evangeliums‘ in der norddeutschen Tiefebene ankamen, schließlich mussten die Nachrichten über die herkömmlichen Handelswege laufen. Insofern ist das Jahr 1517 kein Jahr im Kalender der hannoverschen Kirchengeschichte.

So weit der erste Abschnitt aus dem Vortrag von Hans Otte, weitere Abschnitte folgen an den kommenden Sonntagen

Das aktuelle Themenjahr
„Reformation und Politik“

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Bild: Jens Schulze - Gestaltung: LVH / Martina Günther

Mit dem Themenjahr „Reformation und Politik“ beginnt die zweite Halbzeit der Lutherdekade. Die Vorbereitungen auf das Reformationsjubiläum 2017 nehmen Gestalt an. Von Anfang an hat die Reformation auch politisch gewirkt. Martin Luther und die anderen Reformatoren bestimmten den Charakter und die Aufgaben von politischer Gewalt und Kirche neu und konnten auf diesem Weg ihr Verhältnis grundstürzend erneuern. Ihre Einsichten haben kulturelle Spuren hinterlassen, die bis heute gesellschaftliche Relevanz entfalten: ein Verständnis von Bildung als staatlicher Aufgabe, eine Neubewertung der Rechtsstellung der Frau und vieles mehr.

Die landeskirchliche Internetseite zum Themenjahr
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Ergebnisse sichern. Bild: Matthias Wöhrmann / HkD

Mit einer Auftaktveranstaltung im März 2014 begann die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers ihre Vorbereitungen für das Reformationsjubiläum 2017. Rund 70 Verantwortliche aus verschiedenen kirchlichen Handlungsfeldern haben auf Einladung des Lenkungsausschusses zur Gestaltung des Jubiläumsjahres daran teilgenommen. Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Kultur, Politik und Gesellschaft sowie aus den Bereichen Touristik, Medien, Stiftungen und Sponsoren ergänzten den Teilnehmerkreis der Landeskirche und der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen.

Vorträge am Vormittag des Veranstaltungstages setzten inhaltliche Impulse, der Nachmittag stand für Überlegungen und Diskussionen in Gruppen in einem World Café zur Verfügung. Über die Planungen für das Jubiläumsjahr innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) referierte Thies Gundlach, Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes. Hans Otte, Archivdirektor des Landeskirchenamtes der Landeskirche, skizzierte die niedersächsische Reformationsgeschichte.

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Miteinander überlegen - miteinander diskutieren: Der Auftakt zur Vorbereitung. „500 Jahre Reformation“. Bild: Matthias Wöhrmann / HkD  

In drei Gesprächsgängen wurden Zugänge zum Thema und mögliche Botschaften des Jubiläumsjahres von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern diskutiert. Die Schlussrunde eröffnete das Feld für Umsetzungsideen: Wie würden Jugendliche die Botschaft der Reformation musikalisch gestalten? Lässt sich Reformation in leichte Sprache fassen, etwa wenn Kinder selbst eine Kinderbibel schreiben? Sind Blogs die Flugschriften unserer Tage? Kommen reformatorische Entdeckungen in Tischreden und beim Predigt-Slam zeitgemäß zu Wort?

Die nächsten Schritte der Vorbereitung auf das Jubiläumsjahr werden nun im Lenkungsausschuss Reformationsjubiläum 2017 der Landeskirche gemacht. Dabei werden thematische Schwerpunkte aus den Diskussionen aufgenommen, etwa zu Kommunikation und Bildung, über die ökumenische und interreligiöse Dimension der Jubiläumsfeier oder zum Verhältnis von Reformationsgeschichte und Gegenwartsbezug.

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Dsikutieren und beraten. Bild: Matthias Wöhrmann / HkD  

„Im Lenkungsausschuss werden wir den landeskirchlichen Auftrag für die Gestaltung des Reformationsjubiläums weiter konkretisieren“, sagt der Geistliche Vizepräsident Arend de Vries, Vorsitzender des Ausschusses. „Wir werden fragen, welche Themen und Ideen einzelnen Einrichtungen der Landeskirche zuzuordnen sind und wie das Reformationsjubiläum regional, vor Ort in Gemeinden und Kirchenkreisen, aufgenommen werden kann. Leitend für alle Überlegungen ist die Frage nach den Haltungen, die wir mit der Gestaltung des Jubiläumsjahres 2017 vermitteln möchten“. Konzepte, Projekte und Kooperationen sollen im Sommer 2014 vereinbart werden.

Die Auftaktveranstaltung war zugleich das Signal, das Thema überall in der Landeskirche aufzunehmen und kreativ umzusetzen. „Wir freuen uns über alle, die sich das Thema zu eigen machen und gestalten wollen“, so Oberkirchenrätin Dr. Heike Köhler, die im Landeskirchenamt für Projekte wie die Lutherdekade zuständig ist. Kirchenkreise und Gemeinden werden in den kommenden Wochen zur Mitwirkung eingeladen.