Bild: EKD

Klares Ja oder Nein

Tagesthema 07. März 2014

Die „Vererbung“ von Religion ist nicht mehr selbstverständlich. Die evangelische Kirche spürt die Folgen. Rund um einen stabilen Kern Engagierter steigt der Anteil der Mitglieder deutlich, die mit Kirche wenig anfangen können.

Bereits zum fünften Mal hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) am Donnerstag eine Untersuchung zu den Einstellungen evangelischer Kirchenmitglieder vorgelegt. Die aktuelle Mitgliederstudie trägt den Titel „Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis“.

Die V. Erhebung zur Kirchenmitgliedschaft der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Evangelische Kirche erlebt Polarisierung ihrer Mitglieder

Von Generation zu Generation verliert die evangelische Kirche an Bedeutung - selbst bei den eigenen Mitgliedern. Wie aus einer am Donnerstag in Berlin vorgestellten Untersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hervorgeht, sinkt nicht nur die Zahl der Kirchenmitglieder kontinuierlich. Es wächst auch die Gruppe derjenigen Menschen, die zwar der Kirche angehören, sich ihr aber kaum oder gar nicht verbunden fühlen.

Nach den Ergebnissen der 5. Untersuchung zur Kirchenmitgliedschaft fühlen sich 32 Prozent der Protestanten in Deutschland der Kirche allenfalls sehr schwach verbunden. 15 Prozent gaben an, der evangelischen Kirche sehr verbunden zu sein. Bei der Mitgliedschaftsuntersuchung von 1992 hatten sich lediglich 27 Prozent als kaum oder gar nicht verbunden eingeschätzt. Allerdings war damals auch der Anteil der sehr Verbundenen noch geringer und lag bei elf Prozent. Es wüchsen die Extreme, das Mittelfeld der immerhin noch schwach Verbundenen dünne aus, sagte der Religionssoziologe Detlef Pollack.

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider äußerte sich bei der Vorstellung der Ergebnisse besorgt: „Wir müssen ganz nüchtern konstatieren, dass es eine zunehmende Indifferenz bei Kirchenmitgliedern gibt.“ Das müsse Anlass sein, sich ernsthaft mit der Situation auseinanderzusetzen.

Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung sagte, Mitglied einer Kirche zu sein, werde zunehmend zur Frage „eines klaren Ja oder Nein“. Die Kirche müsse versuchen, diese Polarisierung zu verstehen. Die zunehmende Zahl der Kirchenfernen sei nicht von kontroverser Auseinandersetzung und Abgrenzung geprägt, „sondern von nahezu vollständiger Gleichgültigkeit“, sagte Jung.

Gleichzeitig betonten die Geistlichen das Wachsen an der anderen Seite der Skala, auf der sich immer mehr hochverbundene Mitglieder finden. „Drei von vier Mitgliedern denken nicht daran, unsere Kirche zu verlassen“, unterstrich Schneider.

Einen Kirchenaustritt lehnen nach der aktuellen Studie inzwischen 73 Prozent der Protestanten ab, 1992 waren es nur 55 Prozent. Pollack wies allerdings auch hierbei auf das Wachsen des anderen Extrems hin: Während vor 10 bis 20 Jahren nur eine kleine Gruppe von zwei bis vier Prozent angegeben habe, bald aus der Kirche austreten zu wollen, „sind wir jetzt bei acht Prozent“, sagte Pollack, der zum Beirat der Untersuchung gehört.

Als Grund für das Wachsen der Gruppe der kirchenfernen Mitglieder nennt die Studie, dass eine religiöse Erziehung auch in protestantischen Familien nicht mehr die Regel ist. Von den Evangelischen ab 60 Jahren wurden nach eigenen Angaben etwa 83 Prozent religiös erzogen. Von den Kirchenmitgliedern unter 30 Jahren sagen das nur noch 55 Prozent.

„Religiöse Sozialisation erfolgt in der Familie. Doch die Weitergabe des Glaubens von Generation zu Generation ist keine Selbstverständlichkeit mehr“, sagte Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD in Hannover, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Bestärkt durch die Untersuchung sehen sich die evangelischen Medienhäuser. Laut den Ergebnissen sei die wöchentliche Kirchenzeitung nach der Tageszeitung und dem Gemeindebrief die drittwichtigste Informationsquelle über die evangelische Kirche, betonte der Geschäftsführer des Lutherischen Verlagshauses in Hannover, Christof Vetter. Er ist Vorsitzender des Evangelischen Medienverbands in Deutschland (EMVD).

epd

„Weitergabe des Glaubens keine Selbstverständlichkeit mehr“

Auf der einen Seite fühlen sich drei Millionen Menschen der evangelischen Kirche eng verbunden, auf der anderen Seite wächst die Zahl jener Protestanten, denen Kirche schlicht egal ist. Über die Ergebnisse der aktuellen Kirchenmitgliedschafts-Untersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sprach der epd mit Gerhard Wegner. Der Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD mit Sitz in Hannover sieht Chancen für seine Kirche, indem sie auf Familien zugeht.

epd: Herr Wegner, seit Jahren verliert die evangelische Kirche Mitglieder. Wer noch in der Kirche ist, nimmt immer seltener am Gemeindeleben teil, so scheint es. Nun hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine aktuelle Mitgliedschaftsuntersuchung vorgelegt. Was ist der Grund dafür, dass die Kirche eine immer geringere Bedeutung für die Menschen hat?

Gerhard Wegner: Religiöse Sozialisation erfolgt in der Familie. Doch die Weitergabe des Glaubens von Generation zu Generation ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Von den Protestanten über 60 Jahren wurden 83 Prozent religiös erzogen. Von den evangelischen Christen unter 30 Jahren sagen das nur noch 55 Prozent von sich.

epd: Was ist die Folge?

Gerhard Wegner: Das hat zur Folge, dass wir zwar einen Kern von etwa 13 Prozent Mitgliedern haben, die der Kirche hochverbunden und zugleich in den Gemeinden engagiert sind. Am anderen Ende der Skala wächst aber die Zahl der religiös indifferenten Kirchenmitglieder. 14 Prozent unsere Mitglieder haben keinen Bezug mehr zur Kirche, sie ist ihnen egal. Und dann ist es bis zum Austritt nicht mehr weit.

Allerdings empfehle ich auch den Blick auf die absoluten Zahlen: 13 Prozent, das sind rund drei Millionen Hochverbundene. Ein Fünftel der Mitglieder, also 4,5 Millionen, engagieren sich in der Kirche. Und ein Viertel, etwa sechs Millionen, fühlen sich der Kirchengemeinde verbunden.

Gerhard Wegner. Bild: Hartmut Merten

epd: Dennoch: Die wachsende Zahl der religiös Indifferenten muss die Kirche doch erschrecken?

Gerhard Wegner: Was wir erleben, kann man als "Verdichtung von Kirche" bezeichnen. Das sehe ich nicht nur negativ. Man kann mit der Gruppe Hochverbundener sehr konzentriert arbeiten, und das sorgt für eine größere Vitalität in den Gemeinden. Dass wir aber die Indifferenten noch erreichen, ist nicht zu erwarten. Vielmehr muss es darum gehen, die große Gruppe jener Menschen anzusprechen, die sich weiter für Kirche interessieren, ihr derzeit aber nicht so nahe stehen wie die Hochverbundenen.

epd: Wie geht das?

Gerhard Wegner: Das geht aus meiner Sicht ganz klar über die Familien. In allen Religionen der Welt sehen sie einen Zusammenhang zwischen Familienleben und religiöser Praxis. Einzelpersonen erreicht Kirche kaum. Nicht ohne Grund zählen Familiengottesdienste zu den beliebtesten Gottesdienstformen. Wenn es dann gelingt, zwischen den engagierten "jungen Alten" und den Familien eine Brücke zu bauen, ist viel gewonnen.

epd: Die "jungen Alten", was ist das für eine Gruppe?

Gerhard Wegner: Als "junge Alte" haben wir in der Mitgliedschaftsuntersuchung Männer und Frauen zwischen 60 und 69 Jahren bezeichnet. Diese Menschen suchen am Ende ihres Erwerbslebens neue Aufgaben und sind besonders häufig im kirchlichen Leben engagiert. Viele können sich sogar vorstellen, in ihren Gemeinden noch mehr zu tun. Und wenn wir es dann schaffen, dass Großeltern den Glauben an die Enkel weitergeben, ist viel gewonnen.

epd-Gespräch: Karsten Frerichs

Wie halten es die Evangelischen mit der Kirche?

Den Anstoß für die regelmäßigen repräsentativen Erhebungen im Abstand von rund zehn Jahren gab die erste Kirchenaustrittswelle in der Bundesrepublik. Der dramatische Anstieg der Austrittszahlen Ende der 60er Jahre bewog die Kirchenleitungen dazu, die Mitglieder nach Austrittsgründen und -neigung zu befragen.

Weitere Leitfragen waren von Beginn an: Wie bestimmen die Mitglieder selbst ihr Verhältnis zu Religion und Kirche? Welche Aspekte sind für sie wichtig? Welche Erfahrungen haben die Mitglieder mit Kirche gemacht, und wie schätzen sie ihre Beteiligung am kirchlichen Leben persönlich ein? In der dritten Erhebung wurden die standardisierten Fragen um themenorientierte Erzählinterviews ergänzt. Seit der Wiedervereinigung wurden auch Konfessionslose befragt.

Die erste Repräsentativbefragung stand unter dem Titel „Wie stabil ist Kirche?“ (1972/74). Es folgten „Was wird aus der Kirche?“ (1982/1984), „Fremde Heimat Kirche“ (1993) und „Kirche - Horizont und Lebensrahmen“ (2003). Für die aktuelle Studie wurden 3.027 Menschen ab 14 Jahren in Deutschland befragt. Davon gehörten 2.016 einer evangelischen Landeskirche an. 565 Befragte waren konfessionslos, gehörten aber früher einer evangelischen Landeskirche an, weitere 446 Konfessionslose haben nie einer Religionsgemeinschaft angehört. Befragt wurden 1.685 Frauen und 1.342 Männer. Von den Befragten wohnten 2.154 in Westdeutschland, 873 kamen aus den neuen Ländern.

epd

„Engagement und Indifferenz“ - mehr zur KMU V

Einzelergebnisse der 5. KMU der EKD

Engagement und Indifferenz - Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis. Bild: EKD

Die Studie förderte zahlreiche Details über das kirchliche Leben und ihre Mitglieder zutage. Eine Auswahl:

  • 13 Prozent der Protestanten sind sehr aktiv in der Kirche: Sie gehen mindestens einmal im Monat in einen Gottesdienst, haben persönlichen Kontakt zu einem Pfarrer und wirken ehrenamtlich am kirchlichen Leben mit.
  • Als religiöse Themen werden vor allem ethische Fragen rund um den Tod und den Sinn des Lebens angesehen. Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden rangieren deutlich dahinter.
  • Gespräche über religiöse Themen erfolgen meist in der Familie und im Freundeskreis.
  • Für den Austausch über religiöse Themen hat das Internet kaum Bedeutung.
  • Tageszeitungen und Kirchengemeindebriefe dienen mit Abstand am häufigsten als Informationsquelle über Kirche und kirchliche Themen. Als Informationsquelle über Kirche und religiöse Themen spielen auch die Kirchengebietszeitungen, gerade für hoch verbundene Menschen, eine wichtige Rolle.
  • Distanz zu Kirche und Religion ist eher ein Grund zum Kirchenaustritt als der Wunsch, Kirchensteuer zu sparen.
  • Das diakonische Wirken der Kirche findet große Anerkennung, auch bei Konfessionslosen.
  • Mehr als drei Viertel der evangelischen Kirchenmitglieder kennen mindestens einen Pfarrer namentlich oder vom Sehen. Dieser persönliche Kontakt steht in engem Zusammenhang mit der Kirchenbindung.
  • Evangelische Kirchenmitglieder sind mit ihrer Lebenssituation im Schnitt zufriedener als Konfessionslose.
  • Frauen engagieren sich etwas, aber nicht übermäßig häufiger in der evangelischen Kirche. Ein Zusammenhang von Bildung und Einkommen mit kirchlichem Engagement ist nicht erkennbar.

Zusammenstellung: epd

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