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Bild: epd-Bild/ Andreas Greiner-Napp

„Selber denken macht glücklich“

Tagesthema 03. März 2014

Er habe schon immer eine Neigung zum Widerspruch gehabt, sagt Hermann Fischer. Gegen den Trend gründete er eine Firma für Pflanzenfarben - mit Erfolg. Einfach mal neue Wege ausprobieren - dazu ruft auch die diesjährige evangelische Fastenaktion auf.

Die evangelische Kirche startet ihre 31. Fastenaktion „Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten“

Ein umgebauter Hühnerstall war sein erstes Labor. Der 21-jährige Chemiker Hermann Fischer hatte sich in den Kopf gesetzt, Farben aus Pflanzen herstellen.

Es war Anfang der 1970er Jahre, Fischer galt lange als Außenseiter in seinem Fach. Ein Öko-Pionier, noch bevor die Umweltbewegung ein Massenphänomen war. Heute, rund 40 Jahre später, verkauft Fischers Firma „Auro“ in Braunschweig Lacke, Naturfarben, Schimmelentferner oder Waschmittel in die ganze Welt.

Fischer studierte Chemie, wählte aber bewusst nicht den üblichen Weg, in einem großen Konzern zu arbeiten. Die Rolle der Chemie-Industrie während der NS-Zeit, beispielsweise die Produktion des Gases Zyklon-B für die Gaskammern, empfand er als abstoßend. Zudem erlebte er die konventionellen Techniken der Chemie als umweltschädlich. „Ich habe schon immer eine Neigung zum Widerspruchsgeist gehabt“, sagt der 60-Jährige heute rückblickend.

Dazu, ausgetretene Pfade im Denken zu verlassen, ruft auch die bundesweite Fastenaktion der evangelischen Kirche auf. Sie steht zwischen Aschermittwoch und Ostern (5. März bis 20. April 2014) unter dem Motto „Selber denken! Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten.“ Nach Ansicht der Kuratoriumsvorsitzenden Susanne Breit-Keßler genügen dafür schon kleine Schritte.

Jeder könne damit beginnen, alltägliche Routinen wie den wöchentlichen Autoputz oder das abendliche Fernsehen zu hinterfragen, sagt die Münchner Regionalbischöfin. „Man muss nicht gleich das ganze Leben einreißen.“ Es gehe darum, Neues auszuprobieren und nicht einfach unreflektiert alles zu übernehmen, was andere oder man selbst immer schon so gemacht haben.

Konflikte bleiben dabei nicht aus, das weiß auch Hermann Fischer. Ihm war aber immer eine Haltung gegen die Erdöl-Chemie wichtig. Während seiner Zeit als Jungunternehmer wollte ihn einmal ein großer Konzern verklagen, weil er einen kritischen wissenschaftlichen Text verfasst hatte. „Ich habe mich zu Tode erschreckt“, erinnert er sich.

Es kann schwer sein kann, der eigenen Überzeugung zu folgen, wie der Soziologe Harald Welzer weiß. „Nicht einverstanden zu sein, belastet und erhöht den Aufwand“, sagt der Autor des Buches „Selbst denken“.

Es sei völlig normal, dass viele Menschen so dächten wie alle anderen, sagt Welzer. „Menschen sind kooperative Wesen.“ Für die meisten sei es wichtig, soziale Normen nicht zu verletzen und gut vor den anderen dazustehen. „Studien haben gezeigt, dass es wirklich die Ausnahme ist, wenn Menschen sich gegen eine Gruppenmeinung stellen.“

Für Hermann Fischer begannen diese Konflikte schon während der Schulzeit, als er dem „Obrigkeitsdenken der Lehrer“ widersprach, wie er erzählt. Zweimal wurde er der Schule verwiesen. Seine damaligen Lehrer hätten sich wohl niemals vorstellen können, dass aus ihm ein erfolgreicher Unternehmer werden würde, sagt er heute.

Seine erste Labor-Ausrüstung bestand aus Alltagsgegenständen wie Kaffeefiltern. Da es keine aktuelle Literatur über pflanzenchemische Technologien gab, recherchierte er in Büchern aus dem 16. bis 19. Jahrhundert.

Nachfolgenden Generationen rät der Chemiker: „Tut, was ihr mit Leidenschaft tun wollt und was euch mit innerer Freude erfüllt.“

Auch Soziologe Welzer beschreibt dieses Gefühl als den besten Anreiz, um sich auch mal gegen die gesellschaftlichen Normen und Denkweisen zu stellen. Sich selbst als wirksam zu erleben, sei eine sehr positive Erfahrung, sagt er: „Selber denken macht glücklich.“

In der Braunschweiger Firma werden auch heute alle Produkte aus natürlichen Rohstoffen hergestellt, ohne Erdöl, wie Fischer erzählt. Im Chemielabor riecht es nach Bienenwachs und Orangenöl - Zutaten für die Farben und Lacke, die in großen Behältern in der Produktionshalle angerührt werden. Im Labor wird weiter an neuen Produkten gefeilt. Seit einiger Zeit steige auch die Nachfrage nach veganen Produkten ohne tierische Zusatzstoffe.

Für seine Arbeit ist Fischer vielfach ausgezeichnet worden. Mittlerweile verwendeten immer mehr Kollegen natürliche Rohstoffe, sagt er. Auch weil sie erkannt hätten, dass das Erdöl ein endlicher Rohstoff sei. Mehr als 1.000 Vorträge hat der promovierte Chemiker über seine Ideen gehalten. Mit gewissem Stolz sagt er: „Ich habe die Arbeit eines intellektuellen Trüffelschweins übernommen“.

Charlotte Morgenthal (epd)

„Selber denken! Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten“ - mehr über die Aktion 2014

Verzichten lohnt sich

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Hinrich C. G. Westphal

Fasten ist im Trend, immer individueller und phantasievoller werden die Aktionen. Pastor Hinrich C. G. Westphal, der Erfinder von „7 Wochen ohne“, mahnt: „Fasten ist immer auch ein Weg durch die Wüste.“ Die Evangelische Zeitung befragte Pastor Westphal über den Sinn des Fastens, zu aktuellen Trends des Verzichts und worauf er selbst verzichten will.

Zudem kommentiert Kathrin Oxen eine ungewöhnliche Fastenaktion und ihre Gründe: Fasten beim Predigen. Ohne große Worte verkündigen – zu dieser ungewöhnlichen Fastenaktion ruft das Zentrum für evangelische Predigtkultur der EKD auf. Von Aschermittwoch bis Palmsonntag.

Fasten als Schwerpunktthema der Evangelischen Zeitung

Verzichten wollen

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Bild: epd-Bild

Weniger ist mehr. Das schreiben sich nach dem Aschermittwoch nicht nur Christen auf ihre Fahnen. Längst haben auch Menschen, die sonst selten mit Kirche und Glauben in Berührung kommen, das Verzichten für sich entdeckt. So hat sich die evangelische Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“ seit 1983 von einem kleinen Hamburger Projekt zu einer bundesweit boomenden Aktion entwickelt. Doch auch hier wäre „weniger“ vielleicht „mehr“: Ging es in den Anfangsjahren noch ganz handfest um Alkohol, Fastfood oder Tabak, kommt man beim diesjährigen Motto „Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten“ ganz schön ins Grübeln.

Verzicht, Durststrecken und wie das „Wollen wollen“ funktioniert - mehr darüber beim Tagesthema der hannoverschen Landeskirche

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„Nicht irgendwelche Floskeln wiederholen“

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Landesbischof Ralf Meister über das „Selber Denken“

„Eigenständiges Denken lässt sich üben“

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Harald Welzer. Bild: Wikipedia/ Dontworry

Der Soziologe Harald Welzer (55) ist überzeugt, dass jeder eigenständiges Denken und Handeln jenseits von Vorurteilen und Routinen auch lernen kann. Welzer ist Mitbegründer und Direktor der Berliner Stiftung „Futurzwei“ und seit 2012 Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. „Selbst zu denken, beginnt mit der Überzeugung, dass alles anders sein könnte“, sagt er.

epd: Lässt sich „Selber denken“ erlernen?

Harald Welzer: Denken an sich lässt sich ganz einfach einüben: Man muss sich nur überprüfen, woher jetzt eigentlich ein Gedanke gekommen ist und das eigene Handeln hinterfragen. Es ist aber völlig normal, dass man vieles einfach so denkt wie alle anderen, denn Menschen sind kooperative Wesen. Studien haben gezeigt, dass es wirklich die Ausnahme ist, wenn Menschen sich gegen eine Gruppenmeinung stellen. Für Menschen ist es wichtig, soziale Normen nicht zu verletzen, soziale Anerkennung nicht zu riskieren und gut vor den anderen dazustehen. Deshalb ist es überraschend schwer, auch in scheinbar harmlosen Situationen seiner Überzeugung zu folgen. Nicht einverstanden zu sein, belastet und erhöht den Aufwand. Eine Haltung fällt nicht vom Himmel, aber man kann sie üben.

epd: Gibt es eine Art Anleitung zum selbstständigen Denken? Was würden Sie Menschen raten?

Welzer: Selbst zu denken, beginnt mit der Überzeugung, dass alles anders sein könnte. Hören Sie auf, einverstanden zu sein. Sind Sie nicht einverstanden, leisten Sie Widerstand. Dafür gibt es jede Menge Handlungsspielräume. Die sind nicht so groß, dass man die ganze Welt retten kann, aber im eigenen Einflussbereich viel größer, als man glaubt. Man kann Bündnisse schließen, und man sollte immer mit Rückschlägen rechnen. Also: Selber zu denken und zu handeln, hängt von den eigenen Möglichkeiten ab. Und von dem, was einem Spaß macht.

epd: Warum lohnt es sich, trotz aller Anstrengungen und Konflikte eigene Wege zu gehen?

Welzer: Das Beste ist, wenn man sich als wirksam erlebt. Das ist eine sehr positive Erfahrung. Selbst zu denken, macht glücklich.

epd-Gespräch: Charlotte Morgenthal

Das Fasten

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Estomihi - Die Herzen öffnen

Christof Vetter, Direktor des EMSZ
Christof Vetter, Direktor des EMSZ

„In ihren Enttäuschungen versuchen Menschen, die Situation zu verändern, die Lage zu verbessern: hoffen, beten, fasten. Schnell ist vergessen, dass Gott nicht das Fasten als Selbstkasteiung will. Menschen sollen sich nicht im Verzicht quälen, sondern die Herzen öffnen für die, die gemeinsames Tun, Unterstützung und Begleitung brauchen.“

Pastor Christof Vetter denkt in seiner Andacht zu Jesaja 58,1-9a über den Roman „Früchte des Zorns“ nach.

Die ganze Andacht lesen bei der Evangelischen Zeitung

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