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Verzichten wollen

Tagesthema 27. Februar 2014

Weniger ist mehr. Das schreiben sich nach dem Aschermittwoch nicht nur Christen auf ihre Fahnen. Längst haben auch Menschen, die sonst selten mit Kirche und Glauben in Berührung kommen, das Verzichten für sich entdeckt. So hat sich die evangelische Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“ seit 1983 von einem kleinen Hamburger Projekt zu einer bundesweit boomenden Aktion entwickelt. Doch auch hier wäre „weniger“ vielleicht „mehr“: Ging es in den Anfangsjahren noch ganz handfest um Alkohol, Fastfood oder Tabak, kommt man beim diesjährigen Motto „Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten“ ganz schön ins Grübeln.

Selbstversorger statt Konsumenten

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Selber machen: Ute Luft. Bild: Jens Schulze  

„Verzicht? Nö! Ich verzichte doch auch nicht auf Schmerz, wenn ich mir einen Stachel aus dem Finger ziehe“, sagt Ute Luft lachend. Was in den Augen anderer wie Verzicht wirke, sei für sie ein erfülltes Leben. Sie und ihr Mann Marcel kommen weitgehend ohne Konsum aus. Ihre Lebensmittel und Kleidung erzeugen sie selbst, den Strom liefert eine Solaranlage.

Nach Weitsche im Wendland zog die Familie Luft 2006. Nach rastlosen Berufsjahren in der IT-Branche suchte sie ein besseres „Preis-Leistungsverhältnis“, will heißen: mehr Lebensqualität. Und so wurde die Familie mit drei Söhnen nach und nach zum Selbstversorger. Es begann mit Schafen, „nachdem wir zum ersten Mal unsere 3000 Quadratmeter große Obstwiese mähen mussten“, berichtet Marcel Luft. Selbstverständlich sollte die Wolle der „Gotländer Pelzschafe“ nicht ungenutzt bleiben. Bald darauf kamen Kaninchen dazu, dann Hühner, Enten und Gänse. Vorübergehend hatten die Lufts auch Ziegen. Und zurzeit haben sie eine Kuh in Pflege. Den verwilderten Bauerngarten ließen die Lufts zunächst von Schweinen „umgraben“, um anschließend dort Gemüse anzubauen- Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln, Salate, Kohl...

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Ute und Marcel Luft: „Neugierde treibt uns, immer mal wieder etwas Neues auszuprobieren.“ Bild: Jens Schulze

Ein Schwein steht auch heute bei den Lufts im Stall. Zweimal im Jahr wirft Rosa, seine „Bunte Bentheimer“ Sau, zehn Ferkel – so viel Fleisch und Wurst könnte die Familie gar nicht selbst essen. Deshalb kommen etliche Schlachttiere zum Metzger, so dass die Wurst auch verkauft werden kann. Nur für den Eigenbedarf schlachtet Marcel Luft selbst. Dafür hat er einen Kursus belegt.

Ohne Kursus kam auch Ute Luft nicht aus. So lernte sie zum Beispiel das Weben. Die Wolle ihrer Gotländer lässt sie im Westerwald bei einer Lohnspinnerei verarbeiten. Gefärbt werden die Pullover, Socken und Jacken nicht, die natürliche Fellfärbung von hellem Grau bis Schwarz reiche aus.

Als die Lufts vor knapp acht Jahren ins Wendland kamen, musste erst einmal das Haus renoviert werden. Zeitgleich wuchs das erste Gemüse in einem kleinen Gewächshaus. Als der Bauerngarten dazu kam, wuchs das Angebot: „Jedes Jahr ein bisschen mehr, bis wir raus hatten, was hier geht und was nicht.“ Dennoch bleibe eine „Durststrecke“ von Januar bis Mai, sagt Ute Luft. Dann geht sie auch schon mal zum Supermarkt. Lange Zeit vor allem, um (Dosen-)Tomaten zu kaufen. Ein zweites Gewächshaus sorgt mittlerweile für eine Rund-ums-Jahr-Versorgung mit Tomaten.

Die Monate Januar bis Mai sind eine „Durststrecke“

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Marcel Luft bei seinen Schweinen. Bild: Jens Schulze

„Neugier treibt uns, immer wieder mal etwas Neues auzuprobieren“, sagt Ute Luft. Seit einiger Zeit beherrschen sie und ihre Mann das Bierbrauen, aber nur für den Eigenbedarf. Der eigentliche Bierbrauer der Familie ist der älteste Sohn Jan, der in Apolda Mälzer und Brauereiwesen studiert. Und seit einiger Zeit wohnt auch noch ein echter Braumeister mit auf dem Hof. Ab und an leben auch „Work-and-travel“-Studenten hier. „Wir hätten gern noch mehr Mitbewohner, dann könnten wir noch mehr selbst machen“, sagt Marcel Luft. Die Lufts sind längst in das nachbarschaftliche Netzwerk im Wendland integriert. Marcel ist Kirchenvorsteher in Lüchow. Und bei der traditionellen „kulturellen Landpartie“ zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ist der Resthof in Weitsche eine wichtige Station, unter anderem mit dem leeren Silo als Konzertbühne mit einer wunderbaren Akustik.

Von Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Verzicht – Ein Plädoyer für die Genügsamkeit

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Karikatur: Sisam Ben

Fastenzeit – nicht nur für Asketen

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Herman Detering

Konsum tut gut. So jedenfalls behaupten es viele Wirtschaftsleute und Politiker. Nur Wachstum zählt. Konsumieren als moralische Verpflichtung. Der Konsument als Wohltäter unserer Schönen Neuen Welt. Das lassen wir uns gern gefallen.
Doch wissen wir auch, dass dies nur die eine Seite der Medaille ist. Die andere heißt: Umweltverschmutzung, Klimaerwärmung, Verknappung der Rohstoffe, Energieprobleme und weltweite Probleme mit der Müllentsorgung. Unsere Gier wirft lange Schatten.

Zum Glück gibt es inzwischen eine Gegenbewegung. Die Devise, dass weniger mehr sein kann, hat sich herumgesprochen. Schon vor dreißig Jahren stellte Carl Friedrich von Weizsäcker die Frage, ob wir einer „asketischen Weltkultur“ entgegengehen. Wir müssen es wohl, wenn wir überleben wollen.

Doch behagt das Wort Askese nicht allen. Es klinge zu sehr nach Nagelbrett und freudloser Selbstquälerei, sagen die einen. Anderen ist es zu religiös konnotiert. Asketen, waren das nicht Leute, die in die Wüste gingen, um Gott zu finden? Und waren das nicht immer Einzelne? Eine asketische „Weltkultur“ sei ein Widerspruch in sich, weil das asketische Lebensmodell nicht auf die ganze Gesellschaft übertragen werden könne.

Zur Verteidigung des Asketen gäbe es viel zu sagen. Über seine bewundernswerte Weltdistanz. Über die Beharrlichkeit, mit der er unsere gesellschaftlichen Werte einfach auf den Kopf stellt und auf Dinge verzichtet, die für uns den Inbegriff von „Lebensqualität“ ausmachen. Richtig ist aber auch, dass die Askese es schwer haben wird, jemals populär zu werden. Dazu ist sie einfach zu elitär. Sie ist etwas für Eremiten, Bettelmönche oder Leute wie Diogenes, der Mann in der Tonne – Aussteiger eben.

Dennoch wäre es verkehrt zu glauben, dass dieses Lebensmodell nicht auch jenen etwas zu sagen hätte, die sich für ein bürgerliches Leben mit Beruf, Ehe und Kindern entschieden haben. Auch wenn wir die diogenische Bedürfnislosigkeit niemandem aufnötigen können, können wir sie in Maßen für uns selber praktizieren – und sind damit bereits die Hauptlast der Probleme los, die wir uns und der Welt durch unser Anspruchsdenken aufgehalst haben.

Früher sprach man von Genügsamkeit. Das klingt heute ein wenig altmodisch, wie „Bescheidenheit“ und andere Vokabeln, mit denen uns unsere Großeltern einst auf die Nerven gingen. Aber sei’s drum, Recht hatten sie. Genügsamkeit ist die kleine Schwester der Askese. Genügsamkeit kann jeder. Genügen reimt sich auf Vergnügen. Und auch auf maßvollen Genuss. Kurz, Genügsamkeit ist die einfachste und bekömmlichste Art des Verzichts.

Von Hermann Detering

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Verzichten - aber nicht auf Information

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Wie „Wollen wollen“ geht

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Doris Ostermann. Bild: privat  

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Du musst nur wollen! So heißt es oft – doch ist das richtig? Gesundheitscoach und Supervisorin Doris Ostermann aus Osnabrück hat sich mit dem Willen auseinandergesetzt.

„Veränderung ohne den Willen gibt es nicht, doch der Wille alleine ist nicht ausreichend“, erklärt Ostermann. „Die Voraussetzung, um etwas zu ändern, muss ein Wille sein.“ Doch es gibt drei Willensdimensionen: „Das Entscheiden, das Umsetzen und das Durchhalten. Ich entscheide mich, was ich will – was in der heutigen Zeit, mit der Fülle an Angeboten, nicht leichtfällt –, ich setze das Gewollte um und halte das Umgesetzte durch“, erklärt die Fachfrau.

So weit die Theorie, doch in der Praxis steht der Realisierung von Zielen im Zweifelsfall eine Reihe von Stolpersteinen im Weg. Zu solchen Stolpersteinen zählt Ostermann unter anderem den „Inneren Schweinehund“, Stress und Zeitknappheit, erlernte Hilflosigkeit („Ich schaffe es nicht“, „Ich habe keinen Einfluss“), Verlockungen von außen und ablenkende Reize, fehlende Durchsetzungs- oder Umsetzungskraft und Gewohnheiten. „90 Prozent unserer Handlungen laufen eher unbewusst ab. So ist es wichtig, bewusst gegenzusteuern. Hier kommt der Wille, die persönliche Willenskraft ins Spiel“, weiß Ostermann.

Ein Beispiel, was Wille ist und wie er funktioniert, verdeutlichte Malte Friese, Professor für Sozialpsychologie, 2013 im Gespräch mit der Zeitschrift GEO wie folgt: „Stellen Sie sich einen Reiter auf einem wilden Pferd vor: Das wilde Pferd wolle in eine Richtung laufen, das sei die impulsive Seite des Menschen. Und obendrauf säße ein Reiter, der das reflektive System darstelle und in eine andere Richtung wolle als das Pferd“.

Sozialpsychologe Roy Baumeister, Professor der Florida State University llahassee, wiederum verglich die Willenskraft im gleichen Artikel mit einem Muskel, den man trainieren kann, der aber auch müde wird. Daraus lässt sich schlussfolgern: Ist die Willenskraft erschöpft, kann das wilde Pferd tun und lassen, was es will. Außerdem gefährde diese Erschöpfung laut Baumeister nicht nur unsere „guten Vorsätze“, sondern schwäche auch unsere Kraft, Entscheidungen zu treffen.
Was kann also helfen, das „wilde Pferd zu bändigen“ und sein Ziel zu erreichen? „Wir sollten gut mit uns umgehen, Ziele nicht zu hoch setzen und Hindernisse und Rückschläge mit einplanen“, so Ostermann. Gerade sich selbst gegenüber seien die Menschen eher besonders streng – strenger als beispielsweise ihren
besten Freunden gegenüber.

Darüber hinaus sei es wichtig, sich regelmäßig Zeit zum Genießen des bereits Erreichten zu nehmen – und sich auch dafür zu loben. „Denn Willenskraft ist auch abhängig von Selbst- und Fremdzuschreibungen, also wie ich mich sehe und bewerte und wie mich andere sehen“, so Ostermann, die ferner betonte: „Bei allem kommen zudem immer unsere eigenen Erfahrungen mit ins Spiel, beispielsweise: Durfte ich als Kind einen eigenen Willen haben, wurde ich beim Durchhalten oder auch beim Entscheiden unterstützt?“

Was ebenfalls beim Erreichen eigener Ziele helfe: „Sich aktiv mit seinen Zielen zu beschäftigen, und sie sich immer wieder bewusst zu machen“, erklärt Ostermann. Davon abgesehen könne sich auch die Unterstützung durch andere positiv auswirken. „Machen Sie Ihr Vorhaben Ihrem Partner und Ihren Freunden gegenüber transparent. Die soziale Kontrolle kann helfen, einen Entschluss durchzuhalten“. Ein weiterer wichtiger Punkt: „Rückschläge sind menschlich. Von daher sollten wir nachsichtig mit uns sein und nicht aufgeben, wenn wir Vorgenommenes an einem Tag nicht umgesetzt haben. Ein ‘Alles-oder-Nichts-Denken’ im Sinne von ‘dann höre ich ganz auf’ sollten wir vermeiden. Hier gilt: Seien Sie sich selbst die beste Freundin“, so Ostermann.

Ostermanns Fazit zum Thema Wille: „Veränderungsprozesse sind komplex und nicht immer einfach. Es lohnt sich aber doch, diese anzugehen, wenn ich es wirklich will und ich ein ‘Wozu’ für die notwendige Anstrengung kenne“. Ostermann spricht damit die Sinnhaftigkeit des Gewollten an und zitiert Erich Fromm: „Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man strebt, nach der man sich sehnt, die man verwirklichen möchte, dann gibt es auch kein Motiv, sich anzustrengen“. 

Von Claudia Sarrazin

Gesundheitscoaching Osnabrück

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