Bild: Jens Schulze

Auf dem Scheiterhaufen

Tagesthema 04. Januar 2014

Hartmut Hegeler fahndet nach Hexenjägern und rehabilitierte viele der im Namen des Kreuzes getöteten Frauen

In Europa sind rund 60 000 Frauen, Männer und auch Kinder in der frühen Neuzeit – vor allem im 16. und 17. Jahrhundert – als sogenannte Hexen getötet worden; knapp die Hälfte davon in Deutschland. Auch auf dem Stiftsgebiet des evangelischen Klosters Loccum – nordwestlich von Hannover gelegen. Das ehemalige Zisterzienserkloster – seit Ende des 16. Jahrhunderts im evangelischen Besitz – hat in diesem Jahr das 850-jährige Bestehen gefeiert. Ein Anlass, sich auch der dunklen Kapitel – wie der Hexenverfolgung – zu erinnern.

Altbischof Horst Hirschler zeigt auf eine Weide, unter der sich die helle Asche der Verbrannten befinden soll. Hirschler ist der Abt des Klosters Loccum, das heute als Aus- und Fortbildungsstätte für Pastorinnen und Pastoren dient. „Diese Gegend ist hier der Rosenbraken, und es hat immer geheißen, die als Hexen genannten Frauen sind hier verbrannt worden“, erläutert Hirschler. In den alten Akten des Klosters wurden die Anklagen, die Folterpraxis und die Hinrichtungen von mindestens 33 Menschen akribisch festgehalten.

In den Ruf, eine Hexe zu sein, konnte man vor allem im 17. Jahrhundert leicht geraten. So wie Diebstahl oder Mord gehörte auch die Hexerei zu den genau festgelegten Delikten, sagt der Jurist Peter Beer, der seine Dissertation über die Loccumer Hexenprozesse verfasst hat. Der Vorwurf der Hexerei beinhaltete vier Punkte. Dazu gehörte der Teufelspakt; die Besiegelung dieses Paktes durch die Teufelsbuhlschaft, also den Geschlechtsverkehr mit dem Teufel. Der dritte Punkt war der Schadenszauber, der vierte der Hexensabbat.

Der Vorwurf: Am Hexensabbat würden sich die Frauen mit anderen Hexen in einer Art Sekte treffen. „Das war das Verhängnisvolle, weil andere Namen herausgepresst wurden und sich daraus neue Prozesse entwickeln konnten“. Diese Namen wurden nur unter der oft angewandten Folter genannt. Um die Schmerzen dieser Folter zu beenden, denunzierten die Gequälten sogar die eigenen Töchter oder Mütter als Hexen, berichtet Peter Beer.

Vor allem die Zugezogenen waren höchst verdächtig

Zu 80 Prozent waren es Frauen, die angeklagt wurden. Häufig spielten Neid und Missgunst eine große Rolle. Frauen, die sich gegen sexuelle Belästigungen wehrten, wurden bezichtigt, sie trieben es mit dem Teufel. Vor allem auch eingeheiratete Ortsfremde wurden der Hexerei verdächtigt. „Es waren Menschen wie du und ich“, sagt Peter Beer. „Es gab keine besonderen Merkmale, dass man als Hexenopfer besonders prädestiniert gewesen wäre“.

Zuständig für die Anklage, die Folter sowie die Hinrichtung waren in der Regel die weltlichen Gerichte. Doch die Kirchen lieferten das ideologische Gerüst, sagt der Historiker Kai Lehmann. „Ohne Gott gibt es keinen Teufel, und ohne Teufel gibt es auch nicht den Teufelsbund“. Katholiken wie Protestanten standen sich in nichts nach, wenn es um die Hexenverfolgung ging. „Hüben wie drüben brannten zu Tausenden die Scheiterhaufen, in katholischen wie protestantischen Gebieten“.

Die Theologen beriefen sich vor allem auf einen Vers aus der Bibel. Im zweiten Buch Moses, Kapitel 22, Vers 17, ist zu lesen: „Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen.“

Auch Martin Luther war zutiefst überzeugt, dass es das Verbrechen der Hexerei gebe. Und er hat auch zur Bestrafung des „Verbrechens“, zur Tötung von Hexen aufgerufen. Luthers Worte wurden von vielen Pastoren umgesetzt. So auch von dem Pfarrer Heinrich Rimploff aus Wiedensahl bei Loccum. Im Kloster findet sich ein Original seiner Hetzschrift „Drachenkönig“, in der er gegen die liberalen Ansichten des katholischen Theologen Friedrich Spee wetterte. Heinrich Rimphoff wurde 1651 sogar zum königlichen Konsistorialrat berufen. Der Theologe war gefürchtet und erhielt den Beinamen Hexenriecher.

Der pensionierte Pfarrer Hartmut Hegeler fahndet bundesweit nach den Hexenjägern von damals. Durch seine Initiativen ist es gelungen, vermeintliche Hexen in mehr als 20 Orten in Deutschland zu rehabilitieren – zu erreichen, dass die Hingerichteten nicht in Vergessenheit geraten. Auch in Loccum würde er sich einen Gedenkstein für die 33 Getöteten wünschen. „Gerade in Hinsicht darauf, dass 500 Jahre Reformation gefeiert werden in vier Jahren, sollte man über die dunklen Seiten der Reformation sprechen.“

Wunsch nach Gedenkstein für getötete Frauen

Doch der Loccumer Abt Horst Hirschler hält nichts von einem Gedenkstein für die ermordeten Hexen. Seine Begründung: „Ich würde ungern einen Hexenverbrennungsplatz zu einem Wallfahrtsort machen.“ Und eine Rehabilitierung der Frauen – wie sie zum Beispiel in Köln, in Wittenberg und Osnabrück stattgefunden hat? „Das hat gar keinen Sinn. Außerdem ist ja nicht die Kirche zuständig, sondern der Staat“, entgegnet Horst Hirschler. Die Kirche habe nur im Auftrag der staatlichen Obrigkeit gehandelt.

Doch Pastoren traten als Zeugen gegen die Hexerei auf, sie lieferten den theologisch-ideologischen Hintergrund für die Prozesse. Sich da wegzuducken, findet der Historiker Kai Lehmann unangemessen. „Was ich an dieser Rehabilitierungsdiskussion sehr gut finde, das ist der Umstand, dass dieses dunkle Kapitel einfach ans Tageslicht gespült wird“. Auch Lehmann, Direktor des Museums Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden, weiß, dass eine juristische Rehabilitierung nicht möglich ist. Aber: „Wenn Dörfer und Städte Gedenksteine aufstellen und Gedenkveranstaltungen für die Opfer durchführen, dann brennt sich das mehr in das kollektive Bewusstsein der Bevölkerung ein, als wenn wir das Thema totschweigen oder nur im akademischen Kämmerlein behandeln.“

Abt zu Loccum Horst Hirschler. Bild: Jens Schulze

Immer wieder führt Alt-Bischof Hirschler an, dass im 16./17. Jahrhundert alle vom Wirken der Hexen überzeugt waren und man deshalb die ganze Gesellschaft für die Scheiterhaufen verantwortlich machen müsse.

Doch es ging auch anders, sagt der Jurist Peter Beer. Er verweist auf einen von Hirschlers Vorgängern als Abt von Loccum. Der Abt Molanus verbot 1696 den Einwohnern der zu Loccum gehörenden Stiftsdörfer, andere als Hexen zu bezeichnen. Wer dagegen verstieß, wurde an den Pranger gestellt.

Michael Hollenbach war lange Rundfunkredakteur. Er arbeitet als Moderator und Autor vor allem für den Norddeutschen Rundfunk.

Gelöschte Göttinnen

Jochen Rudolphsen

Wie hieß sie doch gleich, die Frau Gottes? Vergessen? – Nein, grübeln Sie nicht weiter, Sie sind nicht vergesslich. Vor mehr als 2600 Jahren haben andere dafür gesorgt, dass Sie den Namen der Gattin des JHWH nicht parat haben. Aschera, der Name der Ehefrau des Herrn, war über Jahrhunderte hinweg im alten Israel jedem geläufig, bis sich im siebten vorchristlichen Jahrhundert eine Gruppe schriftkundiger Priester daran machte, die alten Geschichten auf- und damit umzuschreiben. Nach dem Motto: ein Volk, ein Gott! erklärten sie den Volksglauben für obsolet, machten JHWH zum Single und kehrten Aschera gleich mit aus.

Das war vielleicht keine böse Absicht. Aber es war eben kein Einzelfall, wenn man sich den Umgang auch der nachfolgenden Bibel-Autoren mit manchen Frauengestalten in der Geschichte des Juden- und Christentums ansieht: Da gab es Frauen, deren Namen schlicht nicht genannt wurde, obwohl sie überaus bekannt sind. Lots Frau ist so eine, als Salzsäule weltberühm, als Person namenlos (1.Mose 19,26). Auch die Töchter dieses Mannes, die er dem vor seiner Haustür lagernden Mob zur Gruppen-Vergewaltigung anbietet, werden nicht namentlich genannt (1.Mose 19,8). Im Neuen Testament ist eine dieser Frauen Photina, die obwohl theologisch interessant, schlicht zur „Frau am Jakobsbrunnen”, wurde. In der Tradition der orthodoxen Kirchen wird sie noch heute als Heilige verehrt und zu den Großmärtyrern und den Apostelgleichen gezählt.

Dann gibt es Frauen wie Tamar, eine der Stammmütter Jesu (Mt 1,1-17), deren Name genannt (1. Mose 38), die aber vergessen wurde, obwohl ohne ihr Bemühen um einen Stammhalter die Stammesgeschichte nicht weitergegangen wäre. In Vergessenheit geriet auch Phoebe, eine Frau, die im Dienst der christlichen Gemeinde von Kenchrea bei Korinth stand. Sie wird von Paulus in dessen Brief an die Römer erwähnt (Röm. 16,1 Lut.) – zusammen mit Priska, Maria, Junia, Tryphäna, Tryphosa, Persis, Julia und Olympas.

Von ganz anderen Kaliber sind jedoch die Fälle jener Frauen, deren Existenz schlicht umgedeutet wird. Ein Beispiel dafür ist Junia, die in Römer 16,7 erwähnt wird. Sie war, darin sind sich noch tausend Jahre lang alle Kirchenväter einig, eine Apostelin. Erst der Augustiner-Mönch Aegidius Romanus machte aus ihr im 13. Jahrhundert einen Mann. Augustiner-Kollege Martin Luther tat es ihm 300 Jahre später gleich – und schrieb Junia zu Junias um. Zur Liste der Umgedeuteten gehört auch Maria von Magdala; bei der haben die Exegeten wirklich ganze Arbeit geleistet, um sie von einer Apostelin zur Hure zu machen.

Bliebe die Frage nach dem wer und warum: Wer waren die Täter, warum taten sie es, was waren ihre Methoden? – und: funktioniert das heute immer noch so? Ein Motiv findet sich exemplarisch in einer Rede von Cato dem Älteren, der sich 215 v. Chr. über die Einmischung der Frauen in die Politik empörte: „Es trieb mir geradezu die Scham- und Zornesröte ins Gesicht, als ich mich auf dem Weg hierher durch die Menge von Frauen drängen musste – römische Matronen treiben sich auf den Straßen herum, statt zu Hause zu bleiben, und sprechen wildfremde Männer an. … Wo soll das hinführen? Anstand und Sitte, ja die Ordnung des Staates ist in Gefahr! – Die Frauen begehren Freiheit, ja Willkür, völlige Unabhängigkeit in allem; sie wollen euch Männern gleich sein, und dann haben sie alsbald auch die Herrschaft über euch!“ Sein Motiv war klar: Mächtige Männer haben Angst vor Frauen; und zur Legitimation der Unterdrückung liefern ihnen die Intellektuellen den geistigen Überbau: von Platon über Aristoteles, Spinoza, Rousseau und Schopenhauer bis Nietzsche. Die Haltung der Philosophen zur „Frauenfrage” änderte sich nicht. Und solange das Christentum im europäischen Denken vorherrschend war, musste sich daran auch nichts ändern.

Zu den Methoden fällt zunächst die schiere Gewalt auf: von Lots Töchtern bis zu den Massenvergewaltigungen wie etwa im Bosnien-Krieg Anfang der 1990er Jahre. Die Männer bedienten und bedienen sich zur Unterdrückung und damit der Unwichtig-Machung der Frauen jedoch auch heute noch eher des Rechts. So wurde erst 1958 im Gleichberechtigungsgesetz das Letztentscheidungsrecht des Ehemannes in allen Eheangelegenheiten ersatzlos gestrichen. Erst 1977 nahm das Bundesgesetzbuch Abschied vom Leitbild der Hausfrauenehe und verzichtet auf die Vorgabe von Ehemodellen. Und erst seit 1997 ist die Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland strafbar.

Einer der wenigen Denker, die sich früh zum Anwalt der Frauen machten, war der britische Philosoph John Stuart Mill. In seinem 1869 erschienenen Buch über „Die Versklavung der Frau” schreibt er, dass die gesetzlich geregelte Unterordnung der Frau unter den Mann keinerlei natürliche Ursachen hat, sondern nur auf Gewalt von Seiten der Männer beruht. Und er lässt keinerlei Zweifel daran, dass es sich bei den so oft beschworenen Wesensmerkmalen der Frau nur um anerzogene Eigenschaften handelt, die nur einem Zweck dienen: der Herrschaft des Mannes: „Zu diesem Zwecke ist alles angewendet worden, um den weiblichen Geist niederzuhalten.“

Jochen Rudolphsen ist Redakteur der Evangelischen Zeitung in Hamburg.

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