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Bild: Jens Schulze

Buß- und Bettag

Tagesthema 18. November 2013

Der Buß- und Bettag - dieses Jahr am 20. November - hat eine wechselvolle Geschichte. Lange gab es mehrere davon pro Jahr, ein deutschlandweiter Feiertag war er nur für kurze Zeit. Früher flehten die Protestanten an diesem Tag um göttlichen Beistand in Kriegszeiten.

Gnade der Götter
Die Wurzeln des Buß- und Bettages reichen bis in die Antike

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Beten. Bild: Jens Schulze

Es geht um Besinnung, einen kritischen Rückblick und um Neuorientierung: Am Mittwoch vor dem Ewigkeitssonntag, begehen die Protestanten den Buß- und Bettag. Versäumnisse und Fehlentscheidungen werden vor Gott zur Sprache gebracht. Gefeiert wird er in den Kirchen nach wie vor - auch wenn er seit 1995 kein gesetzlicher Feiertag mehr ist.

Bußtage lassen sich historisch bis in die Antike zurückverfolgen. Schon die Römer versuchten in Krisenzeiten, durch innere Einkehr die Gnade ihrer Götter zu gewinnen. Für das Jahr 1532 ist der erste protestantische Bußtag bezeugt: In Straßburg beteten die Menschen um himmlischen Beistand im Kampf gegen die Türken. Drei Jahre zuvor hatten die Osmanen zum ersten Mal Wien belagert, seither verwüsteten immer wieder türkische Heere Österreich. Der katholische Kaiser Karl V. konnte jeden Beistand gebrauchen - und sei es von den Protestanten, mit denen er sonst oft über Kreuz lag.

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Bild: Jens Schulze

Noch war dieser erste protestantische Bußtag in Straßburg eine einmalige Sache. Im Laufe der Jahre aber führten viele deutsche Fürsten in ihren Sprengeln solche Tage ein und verankerten sie auch teilweise fest im Kalender. „Während des Dreißigjährigen Krieges wurden Buß- und Bettage wöchentlich, häufig sogar täglich gehalten“, sagt der Jenaer Theologe Michael Wermke. Im 19. Jahrhundert gab es in deutschen Landen knapp vier Dutzend dieser Tage. Die Eisenacher Konferenz evangelischer Kirchenregierungen legte 1852 den Festtag auf einen eigenen Termin: den Mittwoch vor dem Ewigkeitssonntag, der das Kirchenjahr abschließt. Erst am 12. März 1893 aber führte Preußen einen einheitlichen Feiertag ein. 

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Bild: Jens Schulze

Doch schon wenige Jahre später häuften sich wieder die Buß- und Bettage: Der Erste Weltkrieg führte dazu, dass die Menschen sich wieder auf Gott rückbesannen. Kaiser Wilhelm II. ordnete bereits zu Kriegsbeginn einen Buß- und Bettag am 5. August 1914 an. Ein Augenzeuge aus Schlesien schreibt über diesen Tag, die Gottesdienste seien „allerorten übervoll“ gewesen. Während des gesamten Krieges gab es immer wieder Bußgottesdienste. Nach der Andacht verkündeten die Pfarrer Neuigkeiten von der Front und überbrachten manchmal auch Todesnachrichten an die Angehörigen. Die Bußgottesdienste wurden so gleich zu Trauerfeiern.

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Im Gebet. Bild: Jens Schulze

Die Nazis machten den Tag 1934 zu einem einheitlichen Feiertag für ganz Deutschland. Nur kurze Zeit darauf allerdings - bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs - verschob ihn die NSDAP auf einen Sonntag, schaffte ihn also faktisch ab. Statt innere Einkehr zu halten, sollten die Arbeiter lieber in den Rüstungsfabriken schuften, fanden die Nazis.

Nach dem Krieg war der Buß- und Bettag wieder in ganz Deutschland Feiertag - oder in fast ganz Deutschland. Denn das mehrheitlich katholische Bayern führte ihn erst 1952 ein, und zwar nur in Gemeinden mit überwiegend evangelischer Bevölkerung. Erst 1981 wurde er für ganz Bayern Feiertag. Die DDR allerdings hatte ihn 1966 schon wieder gestrichen.

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Beten. Bild: Jens Schulze

Das Ende als gesetzlicher Feiertag im wiedervereinigten Deutschland kam 1995: Damals beschloss die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Helmut Kohl, zur Finanzierung der Pflegeversicherung einen Feiertag zu streichen. Die Wahl fiel auf den Buß- und Bettag. „Der zusätzliche Arbeitstag soll den Unternehmen als Ausgleich für ihren Beitragsanteil dienen“, erklärt Theologe Wermke.

Kirchen und Gewerkschaften wehrten sich, erfolglos. Der damalige Berliner Bischof Wolfgang Huber bezeichnete die Abschaffung als einen „schweren Fehler“ und nannte es „grotesk, dass genau 50 Jahre nach Kriegsende, dem „Jahr des Gedenkens an politische Schuld“ der Buß- und Bettag nicht mehr unter staatlichem Schutz stehe.

In Sachsen allerdings ist der Buß- und Bettag bis heute arbeitsfrei. Dafür müssen die Arbeitnehmer zwischen Vogtland und der Neiße als Ausgleich einen halben Prozentpunkt mehr in die Pflegeversicherung einzahlen.

Von Nils Sandrisser (epd)

Gedanken zum Buß- und Bettag

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Der breite und der schmale Weg nach Charlotte Reihlen. Bild: wiki-commons

Ein Bild mit zwei Wegen: Bei uns in Süddeutschland hing das in meiner Jugend in vielen Kirchen und Wohnungen. Die Diakonisse Charlotte Reihlen (1805-1868) soll es gemalt haben – Gründerin der Stuttgarter Diakonissenanstalt nach dem Vorbild der Kaiserswerther Schwestern. Zur Linken auf dem Bild eine breite Straße mit Wirtshäusern, einem Jahrmarkt, einem Theater und sicher auch einem Freudenhaus und am Ende das Höllenfeuer. Der Weg zur Rechten wirkt viel steiler. Treppen und eine schmale Holzbrücke weisen den Weg nach oben: eine gotische Kirche, die Sonntagsschule und das Zelt mit der Bundeslade säumen den Trampelpfad. Weit oben selbstverständlich auch das Diakonissenhaus und dem Gipfel nah führt der Weg ins himmlische Jerusalem: „Gehet hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind's die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind's die ihn finden!“

So klar und moralisch das Bild von Charlotte Reihlen im 19. Jahrhundert die Menschen in gut und böse einteilte, so eindeutig machte es dies auch in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Wer so ein Bild hatte, gehörte zum als engstirnig verschrieenen Pietismus, wer nicht und sich trotzdem Christ nannte, war weltoffen und engagierte sich für die Zukunft: gegen Pershing-II und SS 20, gegen Kernkraftwerke, aber immer für das Leben und die Liebe, die Liebe Gottes und die Liebe der Menschen untereinander. Wie einfach ist das Leben, wenn es in schwarz und weiß einzuteilen ist: Wer ins Theater geht, kommt nicht in den Himmel. Wer dieses Bild hängen hat, ist gegen das Leben und die Zukunft. Und beide Seiten wussten, dass sie recht haben, und deshalb denen, die zur anderen Seite gehörten, den Glauben absprechen dürfen.

Haben wir wirklich gelernt, dass nicht es so einfach ist? Dass auch der breite Weg steinig und felsig, der schmale bequem und kommod sein kann? Wahrscheinlich gibt es auch heutzutage die, die mit dem Finger auf andere zeigen, und wissen, dass sie selbst besser sind: „Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute ...“ Der Buß- und Bettag, auch wenn er kein arbeitsfreier Feiertag mehr ist, fordert uns auf, darüber nachzudenken, ob ich wirklich besser bin als andere – und wenn wir dann miteinander Abendmahl feiern, fällt der Schatten des Kreuzes auf den Kelch: Wir feiern für eine Gesellschaft, für unsere Gesellschaft, die immer noch leichtfertig und verantwortungslos mit den Urteilen über andere umgeht. Wir setzen eine Zeichen der Umkehr und der Buße. Stellvertretend für die anderen. Zukunftsweisend für unsere Gesellschaft. Das ist in aller Solidarität die enge Pforte, die den Weg ins Leben zeigt.

Pastor Christof Vetter

Gedanken zu den Sonn- und Feiertagen finden Sie auf dem täglichen Kalenderblatt

Landesbischof Ralf Meister zum Buß- und Bettag

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Jeder Fünfte will Buß- und Bettag als Feiertag zurück

Etwa jeder fünfte Deutsche wünscht sich, dass der Buß- und Bettag wieder bundesweiter Feiertag wird. In einer Emnid-Umfrage für das evangelische Monatsmagazin „chrismon“ (Oktober-Ausgabe) plädierten 21 Prozent dafür, dass der Mittwoch vor dem Ewigkeitssonntag im November arbeitsfrei sein soll. Der evangelische Buß- und Bettag wurde 1995 - außer in Sachsen - als staatlich geschützter Feiertag gestrichen, um die Pflegeversicherung zu finanzieren.

18 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, den internationalen Holocausttag am 27. Januar zum bundesweiten Feiertag zu erklären. Ebenso viele Bundesbürger wollen, dass der 17. Juni - der Tag des Volksaufstandes in der DDR 1953 - arbeitsfrei wird. Für einen bundesweiten Feiertag an Mariä Himmelfahrt stimmten 15 Prozent, für einen arbeitsfreien Reformationstag 11 Prozent. Befragt wurden 1.022 Menschen, die sich nur für eine Antwortmöglichkeit entscheiden durften.

Besonders geschichtsbewusst zeigten sich in der Umfrage die jungen Deutschen: 32 Prozent der 14- bis 29-jährigen wollen, dass der Holocausttag Feiertag wird. Für der Buß- und Bettag plädierten dagegen nur acht Prozent. Mehr Unterstützer fand unter den Jungen sogar ein bundesweiter Halloween-Feiertag: Dafür sprachen sich zehn Prozent aus, doppelt so viele wie im Bevölkerungsschnitt.

epd

Feiertage - wie viele?

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Landtagspräsident Bernd Busemann

Niedersachsens Landtagspräsident Bernd Busemann (CDU) wünscht sich mehr Feiertage für sein Bundesland. Unter anderem könne er sich vorstellen, den Reformationstag am 31. Oktober wieder regelmäßig zu einem gesetzlichen Feiertag zu machen, sagte Busemann der "Neuen Presse" in Hannover. Der Katholik warb in der Zeitung gemeinsam mit der evangelischen Regionalbischöfin Ingrid Spieckermann für mehr Feiertage. "Die Abschaffung dieser Feiertage aus wirtschaftlichen und letztlich kommerziellen Gründen war falsch. Wir brauchen diese Tage zum Innehalten", sagte die hannoversche Landessuperintendentin.

Mehr zur Debatte um die Feiertage in der Evangelischen Zeitung

Wir sind evangelisch