Bild: Barbara von Woellwarth

Alle sind Schwestern und Brüder

Tagesthema 08. August 2013
Jürgen Ebach. Bild: UK

Ich denke, sie hat es doch. Denn ganz anders kommen biblische Zeugnisse in den Blick, wenn wir sie nicht auf das Ideal der bürgerlichen Ehe und Familie beziehen, sondern auf einen erweiterten und offenen Familienbegriff, wie ihn jetzt die Orientierungshilfe der EKD („Zwischen Autonomie und Angewiesenheit, Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“) auf Seite 13 formuliert: „Protestantische Theologie unterstützt das Leitbild der an Gerechtigkeit orientierten Familie, die in verlässlicher und verbindlicher Partnerschaft verantwortlich gelebt wird.“ In dieser weiten Perspektive möchte ich biblische Erzählungen und gegenwärtige Familienformen ins Gespräch bringen.

In 1. Mose 2,24 heißt es: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen und sie werden zu einem Fleisch werden.“ Von Ehe ist hier nicht die Rede. Nun kann man in diesem „anhangen“ (hebräisch „dabak“) eine solche Verbindung sehen, die an die Stelle der Bindung an die Eltern tritt. Aber sollte man dann nicht auch wahrnehmen, dass dieses „dabak“ („anhängen“, „kleben an“) in der Bibel auch die enge Bindung eines ganz anderen Paares bezeichnet? Die sich an ihre Schwiegermutter hängt („dabak“) und sie nicht verlässt, ist Rut. Ihr berühmter Satz: „Wo du hin gehst, da will ich auch hingehen...“ aus Rut 1,16 bekräftigt die verlässliche Partnerschaft zwischen der älteren und der jüngeren Frau.

Noch eine grundsätzliche Bemerkung zur Ehe in der Lebenswelt der Bibel: Sie basiert auf einem privatrechtlichen Vertrag zweier Familien, sie ist weder staatlich sanktioniert noch kultisch eingesetzt noch gar ein Sakrament. Ehen können geschlossen werden, ohne dass die zu Verheiratenden einander auch nur gesehen haben.

„Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“, sagt Jesus nach Markus 10, 9. Sein Urteil, die Mosetora erlaube die Ehescheidung wegen der Herzenshärtigkeit des Menschen, und seine Option gegen jenen „Scheidebrief“ zielt nicht so sehr auf die Erhaltung der Ehe um ihrer selbst willen, sie hat vor allem das soziale Elend der entlassenen Frauen im Blick.

Zum Leitbild der Ehe und deren Vorrang vor anderen Familienformen taugt die Bibel nicht.

Vater, Mutter und Kind – das war einmal. Auch gleichgeschlechtliche Paare wünschen sich Kinder. Die Formen des Zusammenlebens sind vielfältiger geworden. Mittlerweile ergänzen Patchwork-, Mehrgenerationen- und Regenbogenfamilien die klassische Familie. Gemeinsam ist ihnen jedoch allen, dass die Familienmitglieder nach Verlässlichkeit suchen und füreinander Sorge tragen wollen. Grafik: Nordbild  

Und wie steht es mit der Ehe bei Paulus? Es sei besser nicht zu heiraten, sagt er, ja radikaler noch: „Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren“ (1. Korinther 7, 1). Aber er räumt die Ehe dann als Möglichkeit der Kanalisierung sexueller Bedürfnisse ein: „Aber um Unzucht zu vermeiden, soll jeder seine eigene Frau haben und jede Frau ihren eigenen Mann“ (1. Korinther 7,2).

Eine positive Grundlegung der Ehe ist das nicht gerade. Ist es nicht seltsam, dass Theologie und Kirche so oft Paulus für die Begründung der Ehe heranziehen? Zum Leitbild der Ehe und deren Vorrang vor anderen Familienformen taugt die Bibel hier nicht.

Und wie erscheinen weitere gegenwärtige Familienrealitäten im Spiegel biblischer Zeugnisse? Da sind die sogenannten Patchwork-Familien. Menschen können mehr als eine Mutter und mehr als einen Vater haben – heute und in der Lebenswelt der Bibel. Da fungieren in Abrahams und Jakobs Familien Frauen als Leihmütter. Nach quälend langer Kinderlosigkeit fordert Sara ihren Mann Abraham auf, mit ihrer Sklavin Hagar zu schlafen. „Vielleicht“, sagt sie, „werde ich aus ihr erbaut“ oder mit einer anderen möglichen Verdeutschung des hebräischen „ibbane“: „Vielleicht komme ich durch sie zu einem Sohn.“ Hagars künftiger Sohn soll mithin als Saras Sohn gelten. Die Geschichte nimmt einen dramatischen Verlauf.

Aber nicht nur Leihmütter gibt es in der Bibel, sondern auch Leihväter bzw. Samenspender. Dazu gibt es eine bestimmte Rechtsinstitution, die Schwagerpflicht oder (nach dem lateinischen Wort „levir“ – Schwager) das Levirat. Wenn ein verheirateter Mann kinderlos stirbt, soll sein Bruder mit der Witwe ein Kind zeugen, welches dann als Kind des Verstorbenen gilt, sodass dessen Name nicht ausgelöscht wird.

Übrigens gibt es noch einen Mann, der sowohl der Großvater wie der Vater derselben Kinder ist, nämlich Lot. Auch die betreffende Inzestgeschichte von Lot und seinen Töchtern wird in 1. Mose 19 ohne ein moralisierendes Urteil erzählt, obwohl es in 3. Mose 18 und 20 zahlreiche Bestimmungen gibt, die den Sexualverkehr zwischen bestimmten nahen Verwandten strikt ausschließen. Aber ginge es allein nach diesen Rechtsnormen, so war die Verbindung von Abraham und seiner Halbschwester Sara ebenso illegitim wie die Jakobs mit den Schwestern Lea und Rahel, und auch Mose war ein illegitimes Kind seiner eng miteinander verwandten Eltern.

Man sieht auch hier: Jeder Versuch, aus diesen seltsamen bis verstörenden biblischen Familiengeschichten etwas für die Gegenwart Normatives zu ziehen, ist ein Gehen auf sehr dünnem Eis. Selbstredend können biblische Inzestgeschichten nicht dazu herhalten, den Missbrauch von Töchtern durch ihre Väter zu rechtfertigen oder auch nur zu verharmlosen. Aber heißt das dann auch, jene prekären Verbindungen hätte es besser nicht gegeben?

Und die Familiengeschichte Jesu? Sein Stammbaum in Matthäus 1 hat wie die meisten biblischen Genealogien eine rein männliche Grundstruktur. An vier Stellen ist jene maskuline Linie jedoch durchbrochen, indem dort auch die Mütter genannt sind. Das Neue Testament schreibt gleich zu Beginn den Lesenden ins Stammbuch, sich diese alttestamentlichen Geschichten zu vergegenwärtigen. Sie werden nicht verschwiegen, sie werden betont und sie zielen auf die eigentümliche und durchaus prekäre Geschichte der Zeugung und Geburt Jesu.

Die Familiengeschichte Jesu setzt die „chronique scandaleuse“ der Erzählungen der „Schrift“ fort. Abermals bin ich sehr vorsichtig, daraus etwas für heutige Familien Normatives zu ziehen. Aber diese Vorsicht ist ja selbst schon etwas Normatives – geboten ist ein kritischer Blick auf jeden Versuch, eine bestimmte Familienstruktur oder auch nur so etwas wie Normalität in Familienstrukturen biblisch zu begründen. Eine bleibende Lehre wäre gleichwohl, dass das Eintreten füreinander, dass Solidarität und Treue diese biblischen Familienerzählungen grundieren – in ihrem Gelingen und auch in ihrem Scheitern.

Solidarität und Treue grundieren die biblischen Familienerzählungen.

Familienfoto. Bild: Barbara von Woellwarth  

Jesus selbst zeigt sich auf den ersten Blick geradezu familienfeindlich, mit schroffen Worten gegenüber Eltern und Geschwistern (Markus 3,31-35). Seine wahre Familie sind die Frauen und Männer, die ihm nachfolgen. In einem so erweiterten Familienbegriff ist Jesu Haltung gerade nicht familienfeindlich. Die sozialen Strukturen der Jesusbewegung öffnen den Blick für ungewöhnliche, aber nicht „unnatürliche“ familiale Strukturen, nicht nur für klösterliche Gemeinschaften, sondern auch für Großfamilien, Kommunen und Gemeinschaftsformen, in denen sich Menschen zusammenfinden, die durch einen Lebensstil und ein Lebensziel verbunden sind. Auch hier kann biblische Erinnerung zur Ermutigung für zunächst ungewohnte Lebensformen werden, die Verlässlichkeit und Beheimatung bieten. Der Solidarität bedürfen vor allem die Menschen, die nicht im Netz der Kernfamilien geschützt und versorgt sind, die „personae miserae“, in der Lebenswelt der Bibel die Witwen und Waisen, die Fremden und auch die Alten. Des Schutzes bedürfen aber auch die Fremden in Israels Gesellschaft. 

Viele Rechtstexte und Erzählungen setzen eine patrilokale (am Ort des Vaters angesiedelte) und patrilineare (mit männlicher Erbfolge versehene) Familie voraus. Die biblische Familie umfasst als „bet av“ („Vaterhaus“) entsprechend griechischem „oikos“ oder lateinischem „familia“ mehrere Generationen sowie Sklavinnen und Sklaven. Das Wort „familia“, „Familie“ bezeichnet diese weite Lebensgemeinschaft. Familie war keineswegs immer das, was sie im Bürgertum des 19. und 20. Jahrhundert war.

In gleichberechtigter, wechselseitiger und herrschaftsfreier Liebe steht das „Paradies“ wieder offen. Das Festgezurrte und scheinbar Gegebene muss nicht bleiben, wie es ist – auch in den Familien und ihren vielen Formen. Familien in all ihren alten und neuen Formen kennen die Erfahrung vom Gelingen der Beziehungen und vom Scheitern. Und wie meist im Leben gibt es vieles dazwischen – in unserem Leben und in der Bibel. 

Dr. Jürgen Ebach war Professor für Exegese und Theologie des Alten Testaments an der Ruhr-Universität Bochum; Auszug aus dem Vortrag „Familie und Familien aus biblischer Sicht“, Beobachtungen und Überlegungen im Zusammenhang der Hauptvorlage„Familien heute“ (2012/13) der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Lippischen Kirche.

Von Kindersegen, Nebenfrauen und Scheidung
Was die Bibel über die Ehe sagt

Bild: Evangelische Zeitung

Im Streit um das Orientierungspapier der Evangelischen Kirche in Deutschland heißt es immer wieder, das heute so verbreitete bürgerliche Idealbild von Ehe gebe es in der Bibel nicht. Wie aber stellte man sich das Zusammenleben von Mann und Frau zu biblischer Zeit dann vor? Ein Blick in die Bibel lässt ganz unterschiedliche Antworten finden.

  • Füreinander geschaffen (1. Mose 2,18ff.): Dass das Verhältnis zwischen Mann und Frau auch zu biblischer Zeit als etwas Besonderes wahrgenommen wurde, wird in der Schöpfungsgeschichte deutlich. Nachdem Gott Adam erschaffen hatte, stellte er fest. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ Gott versetzt Adam in „einen tiefen Schlaf“, entnimmt ihm eine Rippe, baut daraus eine Frau und bringt sie zu Adam. Und Adam ist begeistert: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch!“ Das Fazit, das der Schöpfungsbericht daraus zieht, zielt zwar nicht auf den formalen Rahmen einer Ehe ab, hebt aber die Besonderheit der Verbindung zwischen Mann und Frau hervor: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen“, heißt es da, „und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.“
  • Ehe und Liebe (1. Mose 24,3f;67; 29,20ff.): Die Ehe war nach biblischer Vorstellung eine reine Familienangelegenheit. Dabei ging es in erster Line um den Erhalt des Erbes. Meist suchten ein junger Mann oder seine Eltern daher eine passende Frau aus der eigenen Sippe aus. Und wo blieb die Liebe dabei? Manchmal stellte sie sich nach der Eheschließung noch ein, wie bei Isaak. Der nämlich zog mit der Frau, die ihm der Knecht seines Vaters ausgesucht hatte, zusammen ohne sie zu kennen. „Und sie wurde seine Frau und er gewann sie lieb.“ Manchmal wurden Ehen aber auch aus Liebe geschlossen. Jakob zum Beispiel diente zweimal sieben Jahre bei ihrem Vater um Rahel, um sie endlich heiraten zu dürfen. „Und es kam ihm vor, als wären’s einzelne Tage, so lieb hatte er sie.“
  • Kindersegen (1. Mose 1,28; 12,2; 5. Mose 25,5f.): „Seid fruchtbar und mehret euch“, lautete Gottes erster Auftrag an Mann und Frau gleich nach ihrer Erschaffung. Die Ehe diente der damaligen Vorstellung nach vor allem dazu, diesem Auftrag zu entsprechen. Nachkommen galten als Segen und großes Glück. So verspricht Gott Abraham zum Beispiel mehrfach reiche Nachkommenschaft: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen.“
  • Ein Mann viele Frauen (1. Mose 30,1; 1. Könige 11,3): Die Bibel ruft an keiner Stelle ausdrücklich zu Monogamie auf. Ganz im Gegenteil – in alttestamentlicher Zeit scheint es sogar üblich gewesen zu sein, dass ein Mann mehrere Frauen hatte. Das führte nicht selten zu Eifersüchteleien zwischen den Frauen und zu Loyalitätskonflikten beim Mann. Jakob, der die beiden Schwestern Leah und Rahel geheiratet hatte, bekam das immer wieder zu spüren. Denn als Leah die ersten Kinder von Jakob bekommen hatte und „Rahel sah, dass sie Jakob kein Kind gebar, beneidete sie ihre Schwester.“ Und auch bei Leah kam Neid auf, denn Jakob liebte Rahel mehr als sie. Trotz dieser Schwierigkeiten scheint es vor allem unter reichen Männern üblich gewesen zu sein, neben einigen Hauptfrauen auch noch unzählige Nebenfrauen zu haben.
  • Ehelosigkeit (1. Korinther 7,1ff.): Nach alttestamentlicher Vorstellung war das eheliche Zusammenleben von Mann und Frau im Grunde die einzig vorstellbare Lebensform, der man sich nicht grundlos verweigerte. Das nämlich hätte bedeutet, man setze die Möglichkeit, sich in seinen Nachkommen zu verewigen aufs Spiel. Erst später verstand man Ehelosigkeit auch als eine Art Ideal. Angesichts des schon anbrechenden Gottesreiches war das Fortleben in den Nachkommen nicht mehr so wichtig. Jesus selbst lebte als Single. Und auch Paulus war nicht verheiratet und überzeugt: „Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren. Aber um Unzucht zu vermeiden, soll jeder seine eigene Frau haben und jede Frau ihren eigenen Mann.“
  • Ehebruch (2. Mose 20,14; Matthäus 5,28; Johannes 8,7): „Du sollst nicht ehebrechen.“ Schon die Zehn Gebote machen klar, Ehebruch wurde nicht geduldet. Zwar war die Ehe auf der einen Seite eine rein familiäre Sache. Dennoch wurde Ehebruch mit dem Tod bestraft. Denn wer eine Ehe einging schloss auch einen Bund mit dem Partner, den es zu halten galt, wollte man die Regeln der Gemeinschaft nicht infrage stellen. Ein Mann brach die Ehe jedoch nur dann, wenn er mit einer bereits verheirateten oder verlobten Frau schlief. Frauen dagegen begingen grundsätzlich Ehebruch, wenn sie sich mit einem anderen als dem eigenen Mann einließen.
  • Scheidung (5. Mose 24,1; Maleachi 2,15; Markus 10,9; Matthäus 5,31): Nach alttestamentlicher Vorstellung war Ehescheidung für Männer ziemlich leicht möglich. Wenn jemand eine Ehefrau habe, die „nicht Gnade findet vor seinen Augen, weil er etwas Schändliches an ihr gefunden hat“, könne er ihr einen „Scheidebrief“ aushändigen und sie fortschicken, heißt es im fünften Buch Mose. Frauen allerdings hatten nicht das Recht, sich von ihren Männern zu trennen.

Zusammenstellung Sonja Poppe (Evangelische Zeitung)