Bild: Barbara von Woellwarth

Wir sind Familie

Tagesthema 08. August 2013

Ist die klassische Familie noch Leitbild? Die evangelische Kirche geht neue Wege: „We are family“

Kindererziehung, Alten- und Krankenpflege, seelische Unterstützung, Gastfreundschaft, Wertevermittlung, Liebe und Fürsorge – das alles erbringen Familien. Höchste Zeit, all den Menschen, die so leben, mehr Aufmerksamkeit zu schenken: Wer gehört alles zur Familie?

Vater, Mutter und Kind – das war einmal. Auch gleichgeschlechtliche Paare wünschen sich Kinder. Die Formen des Zusammenlebens sind vielfältiger geworden. Mittlerweile ergänzen Patchwork-, Mehrgenerationen- und Regenbogenfamilien die klassische Familie. Gemeinsam ist ihnen jedoch allen, dass die Familienmitglieder nach Verlässlichkeit suchen und füreinander Sorge tragen wollen. Grafik: Nordbild  

Empörung hat ein Wort der Evangelischen Kirche zur Familie ausgelöst. Gerechtigkeit wird darin angemahnt im Blick auf unterschiedliche Lebensformen. Prinzip für die Einschätzung von Beziehung ist nicht allein das formale Institut der Ehe: Jede Form des Zusammenlebens ist kostbar, wenn sie getragen ist von Liebe und Verantwortung, von Fürsorge füreinander, von Treue und Verlässlichkeit. Das Leitbild der Ehe wird auf eine andere Gestaltung von menschlichem Zusammenleben übertragen.

Familien und Partnerschaften sind soziale Gemeinschaften, die in der Gemeinschaft der Gläubigen aufgehen und von ihr getragen werden. Die Reformatoren betonten, dass vor allem die Liebe Gottes in Ehe und Familie eingehen und als Vorbild gelten solle. Frauen und Kinder brauchen Recht und Gerechtigkeit wie Männer, ihnen stehen Chancengleichheit und Fairness innerhalb der Beziehungen zu. Liebe und Gerechtigkeit machen Beziehungen so stabil, dass sie das Auf und Ab der Zuneigung aushalten können.

„We are family“ heißt es in einem Song von Sister Sledge. Wir sind Familie über Generationen und Interessen hinweg, Familie Gottes, wie es Jesus meint, der diese Familie über verwandtschaftliche Beziehungen stellt. In Liebe zu anderen lernt man sie und sich selbst besser kennen und verstehen, erlebt wachsende Verbundenheit, die Glückserfahrungen ermöglicht und in schwierigen Lebensphasen Gelassenheit gibt. Was für ein Trost und Segen für Menschen, die von ihrer Ursprungsfamilie verlassen, misshandelt wurden oder einfach allein sind. 

Susanne Breit-Keßler

Es gibt Familie über alle Grenzen hinweg. In Vielfalt und Wandlungsfähigkeit zeigt sich ihre Stärke. Ältere Menschen können neue Freiheiten entdecken, neue Verantwortung übernehmen. Andere sind plötzlich auf Hilfe angewiesen. Das Erleben von starken und schwachen Zeiten führt zu intensiver Gemeinsamkeit. Damit Familie als Gemeinschaft existieren kann, braucht es gute Familienpolitik. Und jede Menge Ermutigung, damit Menschen sich gerne für Kinder entscheiden, damit sie in der Pflege ihrer Angehörigen bestärkt werden.

Familie ist dort, wo Menschen das Kriterium der Liebe und Treue an ihre Beziehung anlegen, wo Eltern Verantwortung für sich, füreinander, für Kinder übernehmen und diese in Liebe und Verlässlichkeit aufwachsen können. Familie ist der Ort, an dem Kinder Verantwortung lernen und sie für Eltern zu übernehmen bereit sind. In der Familie sollen sich Menschen entwickeln dürfen, ihre Grenzen überwinden oder annehmen lernen. Die Evangelische Kirche in Deutschland hält die bewährten Formen von Ehe und Familie hoch.

Aber sie weiß Form wesentlich an den Inhalt, an die Werte des Zusammenlebens gebunden. Die gibt es in der klassischen Ehe – hoffentlich! –, aber auch in anderen Formen liebe- und verantwortungsvollen Zusammenlebens. Segen liegt darauf, lehrt die Bibel, wenn Menschen so miteinander leben – von Liebe bestimmt, beseelt von dem Willen, unsere Welt menschenfreundlich und gerecht zu gestalten. We are family – in der Familie und weit darüber hinaus. 

Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern für München und Oberbayern.

Die evangelische Kirche weitet den Familienbegriff

Stefanie Schardien

Viele Kirchengemeinden haben heutzutage eines, Unternehmen ohnehin, Kitas und Schulen oft auch: ein Leitbild. Darin werden die für sinnvoll, hilfreich und gut befundenen Zielperspektiven skizziert, an denen sich das Leben oder Arbeiten orientieren sollen. „Ehe und Familie“ waren seit langem das evangelisch propagierte „Leitbild“ für das Zusammenleben der Menschen.

Aus guten Gründen: Es verträgt sich nicht mit der evangelischen Anthropologie, dass der Mensch sich als Einzelkämpfer versteht. Menschsein, das heißt aus evangelischer Sicht: in Beziehung zu sein, sich umeinander zu sorgen, füreinander da zu sein, das Leben miteinander zu durchwandern und zu feiern. Ob biologisch oder sozial begründet: Das partnerschaftliche und familiäre Zusammenleben sind das Umfeld und Erprobungsfeld für dieses Sein in Beziehung, wie es im Alten und Neuen Testament immer wieder beschrieben wird.

Mit der neuen Orientierungshilfe wählt die Evangelische Kirche in Deutschland eine neue Perspektive auf das partnerschaftliche und familiale Leben: Sie erklärt nicht mehr nur ganz bestimmte Formen dieses Zusammenlebens zum evangelischen Leitbild. „Leitend“ für dieses Zusammenleben sollen vielmehr Kriterien wie Verlässlichkeit, Verantwortlichkeit und Fürsorge sein. Diese Kriterien lassen sich nicht nur in der Ehe und der Vater-Mutter-Kind-Familie finden, sondern auch bei Alleinerziehenden mit ihren Kindern, in Regenbogen- und Patchwork-Familien oder bei Menschen ohne Kinder, die Verantwortung für Verwandte übernehmen. Dieses gelingende Gestalten von Familie will die evangelische Kirche unterstützen. Darum sollten sozialpolitische und gemeindepraktische Überlegungen einen Schwerpunkt in der Orientierungshilfe bilden.

Mit dieser Weitung der Perspektive auf gelingendes Familienleben in unterschiedlichen Formen erfolgt nicht, wie viele Kritiker missdeuten, automatisch eine Abwertung der vermeintlich klassischen Ehe und bürgerlichen Familie. Denn von den genannten Kriterien ausgehend lässt sich sehr wohl begründen, warum manche Formen aus evangelischer Sicht mehr oder weniger favorisiert werden können: Die Ehe oder die eingetragene Partnerschaft eröffnen besonders gute Rahmenbedingungen für die genannte Gestaltung des Zusammenlebens, im Besonderen auch für das familiale Leben. Dies gilt z.B. in rechtlicher Hinsicht, insofern die Verantwortung öffentlich und langfristig übernommen wird. Dies gilt aber aus theologischer und kirchlicher Perspektive: Das Familienleben bei der Taufe oder die Partnerschaft unter den Segen Gottes zu stellen, gibt den Beziehungen einen neuen stärkenden, in der Verbindung verbindlichen Rahmen. Es gibt Treue und Vertrauen, Sorge und Verlässlichkeit mit Gott einen tragenden Grund.

Umgekehrt kann der Ansatz bei den genannten Kriterien auch aufzeigen, wo bestimmte Formen des partnerschaftlichen und familiären Zusammenlebens eben nicht mehr tragfähig sind und wo sie sich vom Leitbild entfernen: Eine Familie, die von außen betrachtet mit „Vater-Mutter, Kind“ der bürgerlichen Idealform entspricht, aber etwa von Gewalt geprägt ist, kann und darf kaum ein evangelisches „Leitbild“ sein.

Stand also in der früheren Unterstützung von Ehe und Familie deren spezifische Gestalt im Vordergrund, von der man auf bestimmte Gestaltung schloss, so hat sich die Perspektive nun gedreht: Der Blick richtet sich zunächst auf die Gestaltung, von der aus bestimmte Gestalten begründet und besonders gewürdigt werden können. Was die aktuelle Kritik spiegelt: Ein Leitbild, das eine feste, eindeutige Gestalt, wie die bürgerliche Familie aus Vater, Mutter und Kind, beschrieben hat, ließ sich offensichtlich leichter vermitteln, als die Orientierung an Kriterien, die nicht so leicht bildlich nachzuvollziehen sind. Die Orientierung an Kriterien wie Verlässlichkeit, Fürsorge und Verantwortung, die auch biblisch als Elemente des familiären und partnerschaftlichen Lebens begründet sind, fordert ein Mehr an Überlegung. Sie bleibt tatsächlich im ersten Schritt vager, aber damit sensibler und unvoreingenommener den Menschen in ihren familiären Lebenssituationen gegenüber. Sie urteilt nicht anhand der von außen schnell beschreibbaren Gestalt, sondern schaut näher hin, wie die Gestaltung dieser Beziehungen gelingt. Zahlreiche positive, oft weniger laute Rückmeldungen von Menschen, die in der Diakonie, in Familienberatungen oder Gemeinden arbeiten, zeigen, dass dieser Ansatz dort für sehr hilfreich erachtet wird.

Bequemer macht es sich die evangelische Kirche damit sicher nicht, was als Subbotschaft im Vorwurf der Anpassung an den Zeitgeist so oft mitschwingt. Bequemer wäre die Beibehaltung der „guten alten“ bürgerlichen Bilder von Ehe und Familie als einzige Ideale gewesen, auch wenn sich dies theologisch nur schwer hätte halten lassen. Es fordert nun mehr Kreativität und Überlegungen, das kirchliche Leben so zu gestalten, dass Familien in ihrer Vielfalt in den Blick kommen und als verlässliche Gemeinschaft unterstützt werden.

Dr. Stefanie Schardien, Professorin für Systematische Theologie und Ökumene an der Universität Hildesheim.

Familien praktisch

Familienfoto. Bild: Barbara von Woellwarth  

Eine Familie mit acht Kindern oder auch die Frage, wie zwei erwachsene Geschwister sich um ihre Mutter kümmern - Beispiele vom Familienleben. Das Schwerpunktthema der Evangelischen Zeitung lässt viele Facetten aufscheinen: online und gedruckt in der Nummer 32 der "Evangelischen Zetung": Vor hundert Jahren war die Welt noch übersichtlich – zumindest was die Geschlechterrolle betrifft. Der Mann hatte das Sagen und für die materielle Sicherheit zu sorgen, die Frau hatte die Kinder zu gebären. Jetzt, in Zeiten der Gleichberechtigung, weitgehend gleicher Bildung und Berufschancen hat die gesetzliche Ehe als Versorgungsinstitution ihre Basis verloren. Frauen und Männer leben neue Familienmodelle, sie erproben, was ihnen am meisten entspricht. Die Welt ist unübersichtlicher geworden – geblieben ist, was sich alle Menschen in Partnerschaft und Familie erhoffen: Fürsorge und Verantwortung, Verlässlichkeit und Liebe. Dazu will die umstrittene Orientierungshilfe der evangelischen Kirche einen Beitrag leisten.

Zum Schwerpunktthema online...

Kirchenpräsident Jung verteidigt die EKD-Orientierungshilfe zu Ehe und Familie

Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung hat das umstrittene Papier der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu Ehe und Familie verteidigt. Es gebe weder das Leitbild Ehe auf, noch schade es der Ökumene, sagte der Mitautor der Orientierungshilfe im Interview mit Dieter Schneeberger vom epd. Die Kritik habe sich vor allem an der Neubewertung homosexueller Lebenspartnerschaften entzündet. Für ihn sei Homosexualität weder Krankheit noch Sünde, sondern Teil der Schöpfung, sagte Jung.

Hätten Sie gedacht, dass das EKD-Familienpapier so ausführlich und so leidenschaftlich diskutiert wird?
Jung: Mir war bewusst, dass das ein Thema ist, über das gesprochen werden wird. Ich habe aber nicht damit gerechnet, dass die Diskussion diese Dimension und auch diese Härte und Schärfe annimmt.

Die Kritik an der Orientierungshilfe macht sich vor allem an drei Punkten fest: Die theologische Grundlegung sei zu dürftig, das Papier gebe ohne Not das Leitbild Ehe auf, und es schade der Ökumene. Was halten Sie dem entgegen?
Jung: Das EKD-Papier gibt Ehe und Familie nicht als Leitbild auf. Es hat vielmehr die Absicht, Familien zu stärken. Wenn sich eine Perspektive geändert hat, dann die, dass das klassische Verständnis von Ehe in einen weiteren Horizont des Familienbegriffs hineingestellt wird. Ich glaube auch nicht, dass mit dieser Perspektive, die Wert darauf legt, Ehe und Familie von den Inhalten her neu zu verstehen, ökumenisches Porzellan zerschlagen worden ist. Die größte Differenz besteht eher bei der Frage, wie gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu beurteilen sind. Wir waren uns in der Kommission schnell einig, dass wir die Neubewertung dieser Partnerschaften nicht ausklammern können. 

Zu welchem Ergebnis ist der Theologe Jung gekommen?
Jung: Es gibt Bibelstellen, die Homosexualität verurteilen. Wir haben aber gelernt, dass im Jahr 2013 Homosexualität anders zu sehen ist. Für uns heute ist Homosexualität weder Krankheit noch Sünde, sondern eine unveränderbare Veranlagung. Mit diesem Wissen müssen wir entsprechende Bibelstellen kritisch unter die Lupe nehmen und neu bewerten. Man muss etwa fragen, ob Homosexualität in den Zusammenhang der Schöpfung gehört. Ich sehe das zum Beispiel so. Solche Fragen sind die eigentliche theologische Herausforderung. Sie müssen im intensiven Gespräch geklärt werden. 

Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung ist Mitautor der EKD-Orientierungshilfe zu Ehe und Familie. Bild: epd-Bild

Wäre das kein Auftrag an die EKD-Kammer für Theologie?
Jung: Ja, das wäre eine Möglichkeit. Die neue Lebensordnung der hessen-nassauischen Kirche hat den Fragen der biblisch-theologischen Grundlegung auch mehr Raum gegeben.

Die Ordnung für die Gemeindepraxis wurde Mitte Juni bei nur drei Gegenstimmen und zwei Enthaltungen von der Synode Ihrer Landeskirche verabschiedet. Darin enthalten ist auch die weitgehende Gleichstellung von Trauung und Segnung homosexueller Partnerschaften. Aus Verärgerung darüber legte der Darmstädter Synodale Jürgen Heitmann sein Mandat nieder. Wissen Sie, ob weitere Synodale seinem Schritt gefolgt sind? Wie viele negative Reaktionen haben Sie seitdem erhalten?
Jung: Viele haben die offene und faire Debatte in der Synode gelobt, bei der auch kritische Stimmen zu Wort kamen. Weitere Mandatsniederlegungen sind mir nicht bekannt. Nach dem Synodenbeschluss habe ich etwa 20 E-Mails mit überwiegend ablehnenden Voten erhalten, nach der Veröffentlichung des EKD-Papieres sind noch einige Briefe hinzugekommen. Dabei hat mich irritiert, mit welcher Aggressivität die Kritik vortragen wurde. Es gab allerdings auch etliche zustimmende Rückmeldungen.

Was antworten Sie den Kritikern, die in der Orientierungshilfe die theologische Dichte und Klarheit vermissen?
Jung: Hier ist die Entstehungsgeschichte des Papiers nicht ganz unwesentlich. Die Ende 2008 eingesetzte Kommission hatte nicht die Aufgabe, eine ethische Grundlegung für das Verständnis von Ehe und Familie zu formulieren. Der Auftrag lautete vielmehr, angesichts des erkennbaren gesellschaftlichen Wandels zu beschreiben, welche praktischen Herausforderungen für die Familienpolitik und für Kirche und Diakonie bestehen.

Der EKD-Ratsvorsitzende hat angekündigt, künftig bei der Einsetzung von Ad-hoc-Kommissionen zusätzlich „akademische Exegeten“ hinzuziehen zu wollen. Warum hat der Rat dies nicht schon 2008 bei der Berufung der Kommission getan?
Jung: Vermutlich weil der Auftrag anders erteilt war. Es ging ja nicht um eine katechismusartige Neuorientierung von Ehe und Familie, sondern um eine familienpolitische Akzentsetzung. Das Familienpapier enthält einen theologischen Teil, der dem vergleichbarer EKD-Schriften in punkto Ausführlichkeit sehr ähnlich ist. Offenbar besteht beim Thema Ehe und Familie aber ein größerer Bedarf nach Orientierung.

Wenn man sich die lange Liste der Negativkritiker anschaut, stehen darauf fast ausschließlich Männer. Dagegen bewerten Frauen die Arbeit der Kommission in der Regel sehr wohlwollend. Das hat die Mitautorin des Papiers, Insa Schöningh, zu der These vom Geschlechterkampf angeregt. Was halten Sie davon?
Jung: Ich beobachte auch, dass sich insbesondere Männer mit der Neubewertung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften schwertun. Aber einen Geschlechterkampf kann ich beileibe nicht ausmachen. Die eigentliche Stoßrichtung des Papiers ist eine andere. Es thematisiert etwa die Spannung zwischen dem Wunsch nach stabilen, verlässlichen, partnerschaftlichen und gerechten Ehen und Familien und der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Und es stellt die politische Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Botschaft des Papiers ist klar: Familienpolitik darf nicht als Anhängsel der Sozialpolitik betrachtet werden.

Einige Kritiker fordern Retuschen an der Orientierungshilfe. Was meinen Sie, wird es Änderungen geben?
Jung: Ich glaube nicht. Die Papiere der EKD eröffnen immer eine Diskussion und sind aus gutem Grund keine lehramtlichen Verlautbarungen. Wir kennen keine Dekrete, wir wollen die Debatte.

epd-Gespräch