Ehrenamt

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9. Mai 2013

Tagesthema

Shopping - Soviel du brauchst

Pastor Matthias Viertel über die Philisophie des Kaufens

Matthias Viertel

Evangelische Zeitung: Herr Viertel, Ihr neues Buch beschäftigt sich mit dem Thema Shopping und hat den Untertitel „So viel du brauchst“. Jenes Bibelzitat ist auch die Losung für den Hamburger Kirchentag. Sind Fragen nach „richtigem“, verantwortungsvollem Wirtschaften derzeit besonders drängend?

Viertel: Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht darauf hingewiesen werden, dass die Konsumbereitschaft des Volkes Wirtschaftswachstum bedeutet. Mangelnde Kauffreude bedrohe demgegenüber Arbeitsplätze. Insofern könnte tatsächlich der Eindruck entstehen, ausgiebiges Shoppen sei geradezu eine Bürgerpflicht. Und wo die Bedürfnisse befriedigt sind, werden eben neue konstruiert. Im Unterschied zum biblischen Motto ist unser Problem also weniger der Mangel, als vielmehr der Überfluss. Im Grunde genommen müssten wir uns jeden Tag die Frage stellen, ob wir alles das, was in den Einkaufswagen wandert, wirklich brauchen.

- Sie erwähnen in Ihrem Buch eine Schrift des Reformators Martin Luther, in der er die persönliche Komponente bei einer Kaufentscheidung betonte. Seit Luthers Zeiten ist die Welt jedoch nicht übersichtlicher geworden, ganz im Gegenteil. Heutzutage erleben wir eine in immer stärkerem Maße verflochtene globale Wirtschaft. Als Konsument fühlt man sich nicht selten ohnmächtig gegenüber Handel und Werbeindustrie. Sie laden Ihre Leser jetzt dazu ein, sich Gedanken über die persönlichen Bedürfnisse zu machen. Wo soll ich da anfangen?

Es ist wohl ein Vorurteil, auf die „Unübersichtlichkeit“ der globalisierten Welt zu verweisen, um damit der Bredouille einer ethisch verantwortungsbewussten Handlungsweise zu entkommen. Die Welt ist nicht etwa komplexer geworden, sie war schon immer sehr komplex, nur ist heute die Verflechtung des Weltgeschehens offensichtlicher. Informationen sind überall und jederzeit verfügbar. Im Unterschied zur Gesellschaft der Zeit Martin Luthers kennen wir die Zusammenhänge besser und haben vielfältige Möglichkeiten, auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu reagieren. Gerade diese Macht des Konsumenten fordert uns allerdings auch heraus, diese Alternativen wahrzunehmen und zu nutzen.

Buchcover

Handel hat durchaus etwas mit sozialen Handeln zu tun, schreiben Sie. Konsumverweigerung gefährdet Arbeitsplätze. Eines ihrer Kapitel benennt sie gar als Sünde. Doch wie kauft man denn – auf eine ganz einfache Formel gebracht – „richtig“, auf dass mein Nächster auskömmlichen Verdienst bekommt?

Konsumverweigerung ist eine radikale Haltung, die nur die eigene Ohnmacht dokumentiert. Statt Verweigerung sollten wir die Lösung lieber in der Verantwortung suchen, denn jedem ist es heute möglich, durch das eigene Kaufverhalten moralisch verantwortbar zu handeln. Ein klares Signal gegen Massentierhaltung und Kinderarbeit kann ich ohne weiteres durch die kritische Wahl der Geschäfte und der Waren erwirken. Es gibt im Grunde genommen keine Ausrede, wir alle wissen nur zu gut, auf welche Kosten es geht, wenn wir Billigprodukte erstehen. Trotzdem wird viel zu häufig Masse durch mangelnde Qualität erwirkt. Wenn die Sachen billig zu haben sind, kaufe ich eben mehr, auch das, was ich nicht wirklich benötige.

Wenn jemand shoppen geht, so beschreiben Sie es in Ihrem Buch, folgt er einer bestimmten Geisteshaltung. Sie unterscheide sich bereits in der Grundannahme vom „Einkaufen“. Außerdem warnen Sie davor, dass Shopping schnell zur Sucht werden könne. Wodurch lässt sich ein „Kaufrausch“ vermeiden? Wie lässt sich die „Leere“, die manche durch Shopping schließen wollen, anderweitig füllen?

Einkaufen ist eher lästig, wer hat schon Lust, im Supermarkt noch schnell Brot für das Abendessen zu besorgen. Shoppen hat demgegenüber einen vergnüglichen Charakter, es wird als Freizeitbeschäftigung angeboten und gestaltet, gerade weil es dabei um das geht, was wir nicht unbedingt brauchen, womit wir uns aber belohnen wollen. Falsch ist dabei nicht etwa der Wunsch, sich selbst etwas zu gönnen, sondern allenfalls die Vorstellung, durch das zehnte Paar Schuhe so etwas wie Zufriedenheit zu erlangen. Die Alternative ist ein Einkaufsverhalten, dass nicht in Konkurrenz zu Freizeitbeschäftigungen tritt und dabei vor Augen hält, dass gekaufte Waren stets Hilfsmittel zur Befriedigung von Bedürfnissen sind, aber niemals Sehnsüchte erfüllen.

Thomas Paterjey
 

Shopping - Soviel du brauchst

Matthias Viertel, Pastor in der Heiligengeist Gemeinde in Kiel, ist Autor der Buchreihe „So viel du brauchst“, die zum 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg konzipiert ist. Der erste Band „Shopping“ ist jetzt im Lutherischen Verlagshaus Hannover erschienen. Gibt es ein richtiges und ein falsches Kaufen? Wie unterscheidet sich Shopping vom Einkaufen? Der Autor geht darüber hinaus den philosophisch-theologisch-historischen Hintergründen dieses Phänomens nach.

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Soviel du brauchst

"Soviel du brauchst". Bild: epd-Bild

„Soviel du brauchst“ hieß das Motto des Kirchentages 2013 in Hamburg. Und dieses Motto lässt auf unendlich viele Dinge im Alltag beziehen. Für die Kirchentagsbesucher hieß es in der letzten Woche häufig: „Soviel Gelassenheit brauchst du“. Der Ansturm auf einige Veranstaltungen sorgte für überfüllte Hallen und Kirchen.

Wie viel Rücksichtnahme brauchen wir alle? Lesen Sie den Bericht...

Buchpräsentation

Matthias Viertel liest aus „Shopping“

  • Hamburg: Mittwoch, den 15. Mai, um 20 Uhr in der Evangelischen Buchhandlung Holstenstraße 115/117
  • Kiel: Mittwoch, den 29. Mai, um 18 Uhr im KirchenKAI, Gemeindezentrum St. Nikolaus

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