Erinnerung an eine Mystikerin

Tagesthema 09. April 2013

Sie verknüpfte Spiritualität mit politischem Engagement: Die evangelische Theologin Dorothee Sölle warb für einen „sichtbaren Glauben“, der mit allen Sinnen erfahren werden kann. Doch ihrer Kirche war sie zeitlebens ein Dorn im Auge. Im April vor zehn Jahren ist sie überraschend in Göppingen gestorben.

Vor zehn Jahren verstarb die Theologin Dorothee Sölle

„Sie hat den Glauben in eine Sprache übersetzt, aus der das tötende Dogma verbannt ist“

Dorothee Sölle (1929-2003) war eine zierliche, aber energiegeladene Frau. Und eine streitbare Theologin. „Sie hat den Glauben in eine Sprache übersetzt, aus der das tötende Dogma verbannt ist“ - so rühmte der Wittenberger Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer sie. Ein weiteres Lebensthema Sölles war „Gottes Vorliebe für die Armen“, sie galt als eine der führenden europäischen Befreiungstheologinnen. Vor zehn Jahren, am 27. April 2003, starb die „moderne Mystikerin“.

Zeitlebens hatte sie auch eine Abneigung gegen die - vor allem von Männern geprägte - Kreuzestheologie. Sölle und andere feministische Theologinnen sehen im Kruzifix ein Symbol für männliche Brutalität und Todesverherrlichung. „Gott wird in die Schuhe geschoben, auf Blut zu stehen“, schrieb Sölle. Es ist aber nicht Gott, der dafür sorgt, dass gefoltert wird, wie Sölle betont. Gott habe vielmehr eine besondere Vorliebe für die Benachteiligten. Das Kreuz symbolisiere zweierlei: das Leiden der Schwachen und die Option Gottes für die Ärmsten.

Bei einem heftig umstrittenen ökumenischen Abendmahl am Rande des 94. Deutschen Katholikentags im Jahr 2000 in Hamburg erklärte sie in ihrer Predigt, die Kirchentrennungen des 16. Jahrhunderts dürften heute nicht mehr gelten. Die Christen sehnten sich zunehmend nach sinnlich wahrnehmbaren Zeichen ihres Glaubens. Die konfessionellen Unterschiede interessierten nur noch wenige Gläubige.

Dorothee Sölle wird am 30. September 1929 in Köln als das vierte von fünf Kindern des Ehepaares Hildegard und Hans Carl Nipperdey geboren. Das akademisch-großbürgerliche Elternhaus, ihr Vater ist Juraprofessor und erster Präsident des Bundesarbeitsgerichts, fördert die geistigen Begabungen der jungen Dorothee. Ab 1949 studiert sie Philosophie und klassische Philologie, 1951 wechselt sie zur Theologie und belegt auch das Fach Germanistik. 1954 promoviert sie im Fach Literaturwissenschaften und macht ihr Staatsexamen in Theologie.

Ihre erste Ehe mit dem Maler Dietrich Sölle, in der drei Kinder geboren werden, dauert nur zehn Jahre. Bis Ende der 60er Jahre arbeitet sie als Gymnasiallehrerin, freie Journalistin, Universitätsassistentin, Studienrätin. 1965 erscheint ihr Buch „Stellvertretung“. Besonders ihr Nachdenken über eine „Theologie nach dem Tode Gottes“ darin ist heftig umstritten. Seit den 60er Jahren engagiert sie sich vor allem auf evangelischen Kirchentagen für die Politischen Nachtgebete rund um die Themen Frieden, Frauen, Ökologie sowie die Kluft zwischen Reich und Arm.

Sie entwickelt eine Theologie, in der sie für eine schöpferische Zusammenarbeit von Gott und Mensch wirbt. 1969 heiratet sie Fulbert Steffensky, aus dieser Beziehung geht Tochter Mirjam hervor. Steffensky lebte 13 Jahre als Benediktinermönch im Kloster Maria Laach, bevor er zum Protestantismus konvertierte. Er gehört heute zu den profiliertesten religiösen Autoren im deutschsprachigen Raum.

Dorothee Sölle war ihrer eigenen Kirche gegenüber stets überaus kritisch, lebte aber - so berichten Zeitzeugen - eine sehr innerliche protestantische Frömmigkeit. So weiß man von ihrer Liebe zum evangelischen Gesangbuch. Dennoch wurde der weltbekannten, hochbegabten und habilitierten Frau ein ordentlicher Lehrstuhl zeitlebens verweigert. Sie erhielt lediglich einen Lehrauftrag in Mainz und eine Gastprofessur in Kassel, 1994 dann eine Ehrenprofessur an der Universität Hamburg. Ansonsten lehrte sie Systematische Theologie in den USA in New York.

 „Mit ihren radikalen Theologien - der Theologie nach Auschwitz, der Gott-ist-tot-Theologie, der Politischen, der Befreiungs-, der Feministischen Theologie, mit ihrer Dekonstruktion eines männlichen Herrschergottes, 'der alles so herrlich regieret' - war sie ihrer Kirche ein Dorn im Auge“, bilanziert die Theologin Johanna Jäger-Sommer. In ihren letzten Lebensjahren widmet sich Sölle verstärkt dem Thema Mystik: „Die Religion des dritten Jahrtausends wird mystisch sein oder absterben“, heißt es in einem ihrer Bücher. Am 27. April 2003 erliegt Dorothee Sölle in Göppingen völlig unerwartet den Folgen eines Herzanfalls. Am Vortag hatte sie noch einen Vortrag gehalten.

Von Stephan Cezanne (epd)

Glaubensbekenntnis

Ich glaube an Gott,
der die Welt nicht fertig geschaffen hat
wie ein Ding, das immer so bleiben muss;
der nicht nach ewigen Gesetzen regiert,
die unabänderlich gelten;
nicht nach natürlichen Ordnungen
von Armen und Reichen,
Sachverständigen und Uninformierten,
Herrschenden und Ausgelieferten.
Ich glaube an Gott,
der den Widerspruch des Lebendigen will
und die Veränderung aller Zustände
durch unsere Arbeit,
durch unsere Politik.
Ich glaube an Jesus Christus,
der Recht hatte, als er,
"ein Einzelner, der nichts machen kann",
genau wie wir
an der Veränderung aller zustände arbeitete
und darüber zugrunde ging.
An ihm messend erkenne ich,
wie unsere Intelligenz verkrüppelt,
unsere Fantasie erstickt,
unsere Anstrengung vertan ist,
weil wir nicht leben, wie er lebte.
Jeden Tag habe ich Angst,
dass er umsonst gestorben ist,
weil er in unsern Kirchen verscharrt ist,
weil wir seine Revolution verraten haben
in Gehorsam und Angst
vor den Behörden.
Ich glaube an Jesus Christus,
der aufersteht in unser Leben,
dass wir frei werden
von Vorurteilen und Anmaßung,
von Angst und Hass
und seine Revolution weitertreiben
auf sein Reich hin.
Ich glaube an den Geist,
der mit Jesus in die Welt gekommen ist,
an die Gemeinschaft aller Völker
und unsere Verantwortung für das,
was aus unserer Erde wird,
ein Tal voll Jammer, Hunger und Gewalt
oder die Stadt Gottes.
Ich glaube an den gerechten Frieden,
der herstellbar ist,
an die Möglichkeit eines sinnvollen Lebens
für alle Menschen,
an die Zukunft dieser Welt Gottes.
Amen.

Dorothee Sölle