Vier Gänge gemeinsam

Tagesthema 08. März 2013

200 Frauen nutzen das Frauenmahl in der Marktkirche zum Dialog

„Liebe Frauen“ eröffnet die Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann das Frauenmahl. „Das ist das erste Mal, dass hier in der Marktkirche ein gemeinsames Essen stattfindet“, sagt sie, „abgesehen von ein paar Nonnen im Mittelalter vielleicht“. Sie blickt auf drei lange Tafeln, die zwischen den Backsteinsäulen der Marktkirche stehen. 200 Frauen sitzen an den gedeckten Tischen. Bei der Veranstaltung am Vorabend des internationalen Frauentags dreht sich alles um das Thema Respekt.

Das Frauenmahl ist angelehnt an die Tischreden Luthers. „Die Gemeinschaft stiftenden Elemente von miteinander Essen, Trinken und Reden nehmen einen wichtigen Aspekt des reformatorischen Handelns Luthers auf“, beschreibt Kirchenrätin Heike Köhler den Zweck des Frauenmahls. Die Initiative Frauenmahl gründete sich 2011 in Marburg. 22 Frauenmahle haben bereits stattgefunden. „Die Initiative hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet“, sagt Köhler.

Die ehemalige niedersächsische Frauenministerin Heidi Merk kritisiert in der ersten Tischrede den fehlenden Respekt gegenüber Frauen in der Politik. Die SPD-Politikerin verlangt, Respekt immer wieder im politischen, gesellschaftlichen und sozialen Umgang einzufordern.In vielen Beispielen stellte sie dar, wie Frauen in der Politik diskriminiert werden.

Als Mitglied der liberalen jüdischen Gemeinde und Mitgründerin der dortigen Kindertagesstätte appelliert Rebecca Seidler in ihrer Tischrede, Kindern und Tieren mehr Wertschätzung und Respekt entgegenzubringen. Als fordere sie, für eine Verbesserung der Welt und des Miteinanders einzutreten. „Respekt - nach jüdischem Verständnis nicht nur eine Angelegenheit zwischen Erwachsenen, sondern vor allem auch eine innere Einstellung gegenüber Kindern und Tieren, sich diesen wertschätzend und achtsam zu widmen“, sagt sie.

Beate Hochhut, Mitarbeitervertreterin der Diakonischen Dienste Hannover, bemängelt die fehlende Wertschätzung für Pflegekräfte. Sie fordert eine gesellschaftliche Diskussion über gerechte Löhne für Pflegekräfte und mehr Einsatz der Diakonie für einen höheren Stellenwert von Sozialer Arbeit. Es könne nicht stimmen, dass die Arbeitsstunde in einer Autowerkstatt doppelt so teuer sei wie die Arbeitsstunde eines ambulanten Pflegedienstes. Die Diakonie müsse mit einem Tarifvertrag mit gutem Beispiel vorangehen, damit ihre Forderungen überzeugender sind.

Eine abnehmende Selbstachtung stellt die Sozialpsychologin Christine Morgenroth fest. Viele Frauen resignierten vor der „Macht des Faktischen“, statt selbst eine Veränderung zu bewirken. „Die geradezu zwanghafte Fixierung vieler Frauen auf das Leben für Andere führt leider viel zu häufig in eine allzu geringe Aufmerksamkeit sich selbst gegenüber“, sagt sie. „Die Verleugnung von Ungleichheit führt ins Schweigen. Und was nicht benannt wird, existiert nicht und kann nicht öffentlich werden.“ Daher fordert Morgenroth eine Politisierung des Privaten und mehr Selbstachtung.

Spritzig und zuweilen bissig geht die Kabarettistin Senay Duczu das Thema an. Die Deutschtürkin erzählt Anekdoten aus ihrer türkischen Familie und kritisiert die Ausländerfeindlichkeit, der sie in manchen Gegenden Deutschlands begegnet ist: „Manche glauben, wir sind die Osmanen, die noch vor Wien stehen. Dabei sind wir doch schon längst im Ruhrgebiet angekommen“, scherzt sie.

Zwischen den vier vegetarischen Gängen untermalen Charlotte Joerges und Cornelia Jiraček von Arnim das Frauenmahl mit Saxophon- und Klaviermusik.

Luisa Meyer (Evangelische Zeitung)

Erfolgsgeschichte Frauenmahl

Seit dem die Initiative Frauenmahl Tischreden zur Zukunft der Kirche und Religion im Oktober 2011 in Marburg startete, zieht sich eine Erfolgsgeschichte durch die Landeskirchen der EKD. 22 Frauenmahle haben bereits stattgefunden von Berlin bis Dortmund, von Kiel bis Tübingen, ca. 2500 Frauen waren Teilnehmende. Einen weiteren Höhepunkt wird das Format Frauenmahl in diesem Jahr sicherlich auf dem Kirchentag in Hamburg feiern.

Die Idee stammt vom Marburger Frauenmahl, das vom Fachbereich Evangelische Theologie der Uni Marburg, der Frauenarbeit der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und dem Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD (FSBZ) veranstaltet wurde.

Die Initiative Frauenmahl versteht sich als ein Beitrag zur Reformationsdekade der EKD. Die Tischreden lehnen sich an das Format aus dem Hause Martin und Käthe Luthers an, Menschen bei einem gutem Essen und Trinken miteinander ins Gespräch zu bringen. „Luther gelang es in seinen Tischreden, Theologie und Alltag überzeugend zusammen zu bringen“, so Ulrike Wagner-Rau, Professorin für Praktische Theologie und Mitorganisatorin des Marburger Frauenmahls, „dieses Redeformat möchten wir für heute neu entdecken.“

Die Gemeinschaft stiftenden Elemente von miteinander Essen, Trinken und Reden, nimmt einen wichtigen Aspekt des reformatorischen Handelns Luthers auf. Luthers Tischreden wurden von seinen Studenten mitgeschrieben und so einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Beim Frauenmahl stehen ganz bewusst nicht Luthers Tischreden im Vordergrund, sondern in diesem Format hören wir, was Käthe Luther zu sagen hat, denn dieses Mal kocht sie nicht und tischt auf, sondern ihre Reden bei Tisch finden Gehör.

Käthes Reden/ die Reden der prominenten Tischrednerinnen werden ebenfalls schriftlich festgehalten und sind unter der Plattform www.frauenmahl.de allen zugänglich, ebenso wie die Gedanken der anderen Gäste bei Tisch. Sie eröffnen so einen demokratischen Diskurs zwischen verschiedenen Religionen und Weltanschauungen, Berufs- und Altersgruppen und Frauen mit unterschiedlichem sozialem Hintergrund zu Wort. Das Frauenmahl ist Türöffner für Frauen, die Kirche eher vom Rand her wahrnehmen.

Das Format Frauenmahl braucht Wiederholung als Wiedererkennungswert und lebt von der individuellen Gestaltung vor Ort. Das FSBZ koordiniert die Veranstaltungen, die vor Ort von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen Frauen aus Kirche und Gesellschaft geplant und veranstaltet werden. Jedes Frauenmahl bekommt seine eigene Prägung und Färbung durch die Örtlichkeit, an dem es stattfindet, sei es in einer Kirche oder einem anderen historischen Ort; durch das Thema unter welchem sich die Rednerinnen und die Gäste einfinden; durch die Akzente, die die Tischrednerinnen setzen; durch die Rahmengestaltung und natürlich durch die Gäste, die die Gespräche beleben und den Gedanken des Frauenmahls weitertragen.

Immer mehr Frauen haben sich in den letzten Jahren zusammengetan, um ein eigenes Frauenmahl zu organisieren. Die Initiative hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Auch in der hannoverschen Landeskirche sind weitere Veranstaltungen in Planung.

Der Wunsch von Diana Dickel, Studienleiterin im FSBZ und PR-Verantwortliche für die Initiative Frauenmahl, „dass es viele Frauenmahle werden und dass aus der Initiative eine Bewegung wird“, scheint in Erfüllung zu gehen.
Mit dem Frauenmahl ist ein Veranstaltungsformat entstanden, das aus dem kirchlichen Leben nicht mehr wegzudenken ist!

Heike Köhler

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