Assistenz ermöglicht selbstbestimmtes Leben

Tagesthema 25. Februar 2013

Kein Pflegeheim, den Eltern nicht zur Last fallen: Viele Behinderte wollen selbstbestimmt leben. Aber dazu brauchen sie Assistenten, die sie unterstützen, bis zu 24 Stunden am Tag. Um die Finanzierung müssen sie ringen - oft sogar vor Gericht.

Hand und Stimme für Merle

Merle vor dem Berge lächelt einladend. Das blonde Haar umspielt ihr Gesicht, die blauen Augen blicken wach. Erst auf den zweiten Blick fällt ein millimeterkleiner silberner Reflektor an ihrer Stirn auf. Mit ihm bedient die 25-Jährige per Infrarot-Licht einen Sprachcomputer, der an ihrem Elektro-Rollstuhl befestigt ist. Ihr Kopf geht rauf und runter, hin und her. Dann ertönt eine blecherne, monotone Stimme aus dem Gerät: „Guten Tag. Wie geht es Ihnen?“

Seit ihrem elften Lebensjahr ist die junge Frau nach einer Hirnentzündung vom Kopf bis zu den Füßen gelähmt. „Zuerst konnte sie nur die Augenlider bewegen“, erzählt ihre Mutter Beate. Der erste Satz, den sie mit Hilfe einer Buchstabentafel bildete, war: „Ein Haar kitzelt im Auge.“ Mit den Jahren hat sie wieder schlucken und kauen gelernt, kann heute den Kopf bewegen und mit einer Hand den Steuerknüppel ihres E-Rollis bedienen. Sie studiert an der Hochschule Osnabrück, lebt in einer eigenen Wohnung. Möglich ist ihr das durch ein besonderes Modell der Unterstützung, der persönlichen Assistenz.

Behinderte Menschen werden bei diesem Modell zu Arbeitgebern: Sie beschäftigen Assistenten, die sie nach ihren Bedürfnissen und Wünschen unterstützen. Sie suchen sie selbst aus, arbeiten sie ein. „Persönliche Assistenz garantiert uns behinderten Menschen die größtmögliche Selbstbestimmung“, sagt Gerhard Bartz, Vorsitzender des Bundesverbandes ForseA (Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen) mit Sitz in Berlin.

Merle vor dem Berge steuert ihren Rollstuhl ins Badezimmer. Sie will sich frisch machen. In der Hochschule steht eine Prüfung an, Fachbereich Öffentliche Verwaltung. Ines Krauskopf kämmt ihr die Haare. Die gelernte Erzieherin ist eine von sieben Assistentinnen, die Merle Tag und Nacht unterstützen. Sie holt ein Brötchen aus der Küche, steckt Merle vor dem Berge Stück für Stück in den Mund. Dann bereitet sie das Auto vor. Aufgeregt? Merle schüttelt den Kopf. „Diesmal wird es leicht“, ergänzt Ines. Sie ist Merles Hand und manchmal auch ihre Stimme. Die öffentliche Verwaltung jedoch ist allein Merle vor dem Berges Sache.

Für die junge Frau und etwa 2.000 weitere Behinderte in Deutschland ist Assistenz die Alternative zum Heim oder zum ambulanten Pflegedienst, wo der Tag nach Dienstplänen strukturiert ist. Sie ist eine Alternative auch zur Betreuung durch die Eltern: „Es ist gut, dass wir wissen, Merle kommt auch ohne uns zurecht“, sagt die Mutter. Für Gerhard Bartz ist klar: „Viel mehr Menschen als bisher würden mit Assistenz leben, wenn Behörden, Politiker und auch Sozialverbände den Antragstellern nicht immer wieder Steine in den Weg legen würden.“

Das Geld für die Assistenz wird in der Regel nach dem Sozialhilferecht gezahlt. Somit bestimmten die Sozialhilfeträger die Bedingungen. In den Verhandlungen ziehen die Behinderten oft den Kürzeren, sagt Bartz. Sie bekommen weniger Assistenzstunden als sie brauchen. Oder es werde ein zu geringer Assistenten-Stundenlohn angesetzt: „Versuchen Sie mal, jemanden zu finden, der für 4,50 Euro die Stunde arbeitet.“ Antragsteller bekämen oft sogar schriftlich mitgeteilt, dass ihre Wünsche der Gesellschaft nicht zuzumuten seien.

Bartz kennt Hunderte Fälle von jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen: „Danach sind die Leute fertig.“ Hinter vorgehaltener Hand räumten Verantwortliche sogar ein, dass ein daraus resultierender Abschreckungseffekt gewollt sei: „Die Heime und Sondereinrichtungen sind da und müssen ausgelastet werden. Die wollen gar nicht, dass Behinderte selbstbestimmt leben.“ ForseA fordert ein Gesetz, das Behinderten genau das zugesteht. „Wir brauchen keine Sozialhilfe, sondern einen Nachteilsausgleich für unsere lebenslange Behinderung.“

Auch der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung tritt für ein solches Leistungsgesetz ein. Hubert Hüppe (CDU) kritisiert zudem, dass jemand, der ganztägig eine Assistenz benötige und arbeite, von seinem Einkommen und Vermögen so gut wie nichts zurückbehalten dürfe: „Jeder behauptet, er sei für Inklusion, wenn man aber genau hinschaut, bleiben die alten Strukturen oft immer noch bestehen.“

Vertreter von Bund und Ländern haben sich zwar bereits öffentlich für ein Leistungsgesetz ausgesprochen, eine Entscheidung aber auf die kommende Legislaturperiode vertagt. Merle vor dem Berge will in anderthalb Jahren ihr Studium beenden. Sie hat schon Aussicht auf einen festen Arbeitsplatz in der Verwaltung der Stadt Melle - mit 24-Stunden-Assistenz. Sie hofft, dass ihr dann noch genügend Geld bleibt für ihr schönstes Hobby: „Merle liebt Reisen“, sagt ihre Mutter.

Von Martina Schwager (epd)

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