Ehrenamt

Bild: Dethard Hilbig

15. Februar 2013

Tagesthema

Verspottung

Pilatus aber wollte dem Volk zu Willen sein und gab ihnen Barabbas los und ließ Jesus geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde. Die Soldaten aber führten ihn hinein in den Palast, das ist ins Prätorium, und riefen die ganze Abteilung zusammen und zogen ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm auf und fingen an, ihn zu grüßen: Gegrüßet seist du, der Juden König! Und sie schlugen ihn mit einem Rohr auf das Haupt und spien ihn an und fielen auf die Knie und huldigten ihm. Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Purpurmantel aus und zogen ihm seine Kleider an. (Markusevangelium 15,15-20)

Spott und Gott

Konfrontation. Bild: Dethard Hilbig

Gekrümmt sitzt ein Mann auf einem Hocker, über sein Gesicht ist eine Plastiktüte gezogen. Seine Hände sind gefesselt. Der Mann, der daneben steht, holt gerade zum Schlag aus. Im Hintergrund ist ein Altarkreuz zu sehen, Buntglasfenster ziehen sich bis zur Decke der Kirche. Etwas abseits steht ein Mädchen, verzückt lächelt es und filmt die Gewalttat mit einer Kamera. Die Quintessenz der gesamte Szenerie lässt sich mit einem Wort beschreiben: Verspottung.

Klaus Effern. Bild: Dethard Hilbig

Die Misshandlung ist eingefroren. Die Menschen sind aus Holz, lackiert und bemalt. Sieben lebensgroße Holzskulpturen stehen mitten im Kirchenschiff der Markuskirche. Der Künstler Klaus Effern präsentiert beim Aschermittwoch der Künste, einem Kunstempfang der Landeskirche und der Hanns-Lilje-Stiftung, eine Inszenierung, die sich mit Mobbing, Voyeurismus und Folter auseinandersetzt.

Im Bild festhalten. Bild: Dethard Hilbig

Besser hätte es gepasst, wenn sich die Gewaltszene auf einem beliebigen, verdreckten Hinterhof abgespielt hätte, auf einer düsteren Straße oder in einer abgeschiedenen Ecke. Doch die Randfiguren machen das Geschehen öffentlich. Ein kleines Kind mit langen Zöpfen, eine andere Skulptur, steht ganz in der Nähe und beobachtet die Misshandlung zugleich fasziniert und verstört. Der Bär auf ihrem Oberteil streckt dem Opfer sogar die Zunge heraus. Weder das Kind noch das Mädchen mit der Kamera greifen ein. Der zottige Hund, der neben der Gruppe steht, verleiht der Handlung etwas animalisches.

„Meine Vorbilder sind die alten Meister und die Natur“, sagt Klaus Effern. Seine Inszenierung ist ein Nachbau von Matthias Grünewalds Gemälde „Verspottung Christi“ aus dem frühen 16. Jahrhundert. Effern übernimmt Personen, Farben und Gesten aus dem Renaissancebild. „Eine aktuelle, zeitgenössische und dreidimensionale Version“, beschreibt der Künstler sein Werk.

„Verspottung“ in der Markuskirche Hannover. Bild: Dethard Hilbig

Das Holz ist an einigen Stellen glatt geschliffen, an anderen grob, mit erkennbaren Furchen einer Kettensäge. Weiß und grau sind die Figuren lackert, mit textmarkerfarbenen Klecksen akzentuiert. Die hellen Töne nehmen den Skulpturen etwas von der Schwere, die Grünewalds „Verspottung“ ausmacht.

Während bei Grünewald das Opfer der Gewalt Jesus ist, verzichtet Effern auf christliche Symbolik und weitet die Gewalt aus. Jeder könnte das Opfer sein, das den Schlägen ausgesetzt ist. Damit macht er es universeller, allgemeiner, enthebt es aus dem biblischen Kontext der Passionsgeschichte.

Drei Tubabläser - zwei aus dem Quartett und einer geschaffen von Klaus Effern. Bild: Dethard Hilbig

Ganz abseits der Personengruppe steht ein einzelner Musiker in Lederhosen. Die Rohre seiner riesigen Tuba sind verknotet und verschlungen. Hinter dem Instrument verschwindet das Gesicht völlig. Auch diese Figur ist angelehnt an Grünewald, doch verwandelt Effern Grünewalds Flötenspieler in einen grobschlächtigen Tubaspieler.

Als vier Studenten der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover beginnen, die Szenerie mit ihren Tuben zu untermalen ist es, als sei der hölzerne Musiker zum Leben erwacht. Vibrierende Töne durchdringen die Kirche, Pfeifen und Dissonanzen. Motiv- und melodielos, ist die von John Cage und Vaclav Nelhybel komponierte Musik doch eindringlich und betäubend. Intensive, an- und abschwellende Töne, dazwischen immer wieder ein durchdringender Signalton, umhüllen Skulpturen und Beobachter.

Ein Hund - ein Landesbischof - ein Bildhauer. Bild: Dethard Hilbig

„Spott trifft nicht Gott selbst, sondern den Glauben der Menschen“, erklärt Landesbischof Ralf Meister. „Dagegen helfen keine Gesetze, sondern nur eine souveräne, offene, überzeugte Glaubenshaltung“. Meister stellt fest, dass das Wort „Spott“ in der Alltagssprache weggefallen ist. Er erlebe Kirchenkritik nur noch in den seltensten Fällen als Hohn oder Spott, eher sieht er die Kirche mit Gleichgültigkeit und Ignoranz konfrontiert.

Der Sekretär der Hanns-Lilje-Stiftung Christoph Dahling-Sander sagt zum Aschermittwoch der Künste: „Zeitgenössische Kunst und Kirche zu verbinden ist ein Wagnis, genauso wie der Glauben“, sagt er. Es gelte aber auch aufzubrechen und sich auf eine neue Suche nach dem Sinn zu machen.

„Spott reimt sich auf Gott“ - die Aschermittwochs-Rede von Georg Klein. Bild: Dethard Hilbig

Der Schriftsteller Georg Klein skizziert in seiner Aschermittwochsrede die beiden Pole, die Spott ausmachen: den scherzhaften, spaßigen Pol nach dem Motto „Was sich liebt, das neckt sich“ und den verletzenden Pol. Zu Spott an Gott meint er: „Auf kollegialer Augenhöhe, Auge in Auge mit dem Weltschreiber Gott, ist Kritik nicht verboten“. Dann wird er literarisch. Der formvollendete Spott auf Gott sei die höchstmögliche, die steilste, schönste und zarteste Überhebung des schöpferischen Ichs. Klein ist momentan der Träger des niedersächsischen Staatspreises.

Aschermittwoch der Künste in der Markuskirche, Hannover. Bild: Dethard Hilbig

Die Skulpturen entstanden mit Unterstützung der bremischen Landeskirche. Mit einem Kunststipendium gefördert, arbeitete Effern ein Jahr lang an den Skulpturen. Erstmals wurde das Ensemble in der St.-Stephani-Kirche in Bremen gezeigt.

Mit dem Aschermittwoch der Künste knüpft die Landeskirche an die katholische Tradition des „Aschermittwochs der Künstler“ an. Ziel der Veranstaltung ist, einen Dialog von Kirche und Kunst und einen „Raum der Begegnung“ zu schaffen.

Von Luisa Meyer (Evangelische Zeitung)
 

Auf Augenhöhe
mit dem Folterknecht

Spektakuläre Figurengruppe unter dem Titel „Verspottung“

Gruselig ist es auch. Wer sich zwischen den hölzernen Figuren in der hannoverschen Markuskirche bewegt, dem schießen Gedanken an Qual und Folter durch den Kopf. Ein Bremer Künstler inszeniert in Hannover menschliche Abgründe.

Verspottung. Bild: Dethard Hilbig

Mit einer Plastiktüte über dem Kopf sitzt ein Mann auf einem Stuhl, die Hände hinterrücks gefesselt. Ein anderer traktiert ihn, von Ferne wird alles gefilmt und wahrscheinlich gleich ins Internet gestellt. Die Szene erinnert an die schockierenden Folterbilder aus dem US-Gefängnis Abu Ghraib in Bagdad. Die hölzerne Figurengruppe ist eine Arbeit des Bildhauers Klaus Effern, die im Verlauf eines Kunststipendiums der Bremischen Evangelischen Kirche entstanden ist. Nun ist sie in der hannoverschen Markuskirche zu sehen.

Vorbild war ein Klassiker, die „Verspottung Christi“, ein Ölbild des berühmten Renaissance-Malers Matthias Grünewald, das heute in der Alten Pinakothek München hängt: Im Vordergrund sitzt Jesus auf einer niedrigen Steinmauer, umgeben von Folterknechten, die Augen verbunden. „Das Bild zeigt einen, der schikaniert wird, so wie das auch heute noch passiert“, sagt Effern, der seine lebensgroßen Skulpturen aus Pappel, Linde, Eiche und Platane geschaffen hat.

Das Kind. Bild: Dethard Hilbig

Seine Arbeit ist kein Abbild, es ist die moderne Übersetzung eines zeitlosen Themas. Mit dem Entwurf hat er das erste Kunststipendium der bremischen Kirche gewonnen, das in Kooperation mit der Bremer Kulturkirche St. Stephani vergeben wird. Das Ergebnis ist eine siebenteilige Figurengruppe, die er unter dem Titel „Verspottung“ bis zum 3. März in der Markuskirche präsentiert - anlässlich des „Aschermittwochs der Künste“ der hannoverschen Landeskirche.

Sie ist so aufgestellt, dass sich die Ausstellungsgäste zwischen den Skulpturen bewegen können - auf Augenhöhe mit Spöttern, Folterern und Voyeuristen. Das mache Besucher zu symbolischen Augenzeugen der Verspottung, meint der hannoversche Landesbischof Ralf Meister und legt das Werk theologisch aus: „Auf diese Weise führt uns der Künstler die Passion Jesu vor Augen.“

Von Dieter Sell (epd)

Informationen zur Ausstellung

Die Ausstellung in der Markuskirche (Hannover-List, zwischen "An der Markuskirche" und "Oskar-Winter-Straße" - U-Bahn-Haltestelle "Lister Platz") ist

bis zum 3. März geöffnet 

  • montags bis sonnabends von 14 bis 18 Uhr
  • sonntags von 13 bis 17 Uhr.

Aschermittwoch der Künste

Pastorin Julia Helmke, Beauftragte für Kunst und Kirche im Haus kirchlicher Dienste, begrüßt. Bild: Dethard Hilbig

Seit 1998 gibt es in der Landeskirche Hannovers den „Aschermittwoch der Künste“. Die Bezeichnung will verdeutlichen, dass an die katholische Tradition des „Aschermittwochs der Künstler“ angeknüpft, jedoch zugleich Raum für die eigene protestantische Färbung gegeben wird. In der Landeskirche Hannovers „Aschermittwoch der Künste“ genannt, wird dieser nicht mit einer festen liturgischen Form begangen. Im Mittelpunkt steht hier der Dialog von Kirche und Kunst. Jeder „Aschermittwoch der Künste“ steht unter einem eigenen Thema, das durch Dialoge mit einem Künstler bzw. mit einer künstlerischen Sparte pointiert wird. So wird ein „Raum der Begegnung“ geschaffen werden, in dem die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede von Kirche und Künsten in Bezug auf Deutung und Darstellung der Wirklichkeit sichtbar werden.