Meilenstein der Frauenordination

Tagesthema 11. Januar 2013

An ihrem 31. Geburtstag, am 12. Januar 1943, hatte Ilse Härter erreicht, worum sie lang gekämpft hat: Sie wurde ordiniert. Nun ist die Theologin, die als eine der ersten Frauen ordiniert wurde und die in der Bekennenden Kirche aktiv war, wenige Tage vor ihrem 70. Ordinationsjubiläum gestorben - 100 Jahre alt.

Vorkämpferin und Wegweiserin

Als „Vorkämpferin und Wegweiserin für spätere Generationen“ würdigte der bisherige Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, die am 28. Dezember im Alter von 100 Jahren verstorbene evangelische Theologin Ilse Härter (1912-2012). Die ihrer Evangelischen Kirche im Rheinland stets kritisch verbundene Pfarrerin hatte in der Nazi-Zeit den Eid auf den „Führer“ verweigert, ebenso einen „Ariernachweis“. Zu den Verdiensten der Verstorbenen gehören ihr Einsatz für die Frauenordination und ihre bis zuletzt „unermüdliche Mitwirkung an der Aufarbeitung der dunklen Zeiten“ auch in der Geschichte der rheinischen Kirche, so Präses Schneider.

Am 12. Januar 1912 in Asperden am Niederrhein geboren, studierte Ilse Härter Theologie in Göttingen, Tübingen, Königsberg und Bonn. Die beiden theologischen Examina legte sie vor dem Prüfungsausschuss der Bekennenden Kirche ab, 1936 das erste, 1939 das zweite. Allerdings: Nach dem Himmler-Erlass 1937 war der Bekennenden Kirche jegliche Prüfungstätigkeit verboten. Dass die Bekennende Kirche dennoch aktiv war, kam heraus – und die junge Theologin Ilse Härter wurde in die Gestapo-Zentrale zum Verhör vorgeladen und mit einem Prozess bedroht.

Auf vollgültiger Ordination bestanden

Auf den Tag an ihrem 31. Geburtstag, am 12. Januar 1943, hatte Ilse Härter erreicht, dass ihr die volle pfarramtliche Tätigkeit erlaubt wurde. Mit anderen Worten: In wenigen Tagen, am 12. Januar 2013, hätte die Theologin ihr 70. Ordinationsjubiläum feiern können. Die Bekennende Kirche der altpreußischen Union hatte für Frauen eine eingeschränkte Ordination zu einem „besonderen Frauenamt“ beschlossen. Aus Protest gegen diese Beschlüsse ordinierte Kurt Scharf die Vikarinnen Ilse Härter und Hannelotte Reiffen am 12. Januar 1943 in Sachsenhausen ohne Einschränkungen.

Die Ordination zur Verkündigung in Wort und Sakrament für die damalige Evangelische (Bekennende) Kirche der altpreußischen Union galt für die heutige Evangelische Kirche im Rheinland. Ilse Härter hatte sich mit einer Einsegnung zufrieden geben sollen, bestand aber auf der vollberechtigten Ordination.

Schul- und Berufsschulpfarrerin in Leverkusen und Elberfeld

Härters berufliche Stationen führten sie nach Berlin-Wannsee und Fehrbellin, Württemberg und in die Mark Brandenburg. Nach Ende von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg arbeitete die Theologin als Schul- und Berufsschulpfarrerin in Leverkusen und Elberfeld. Sie war Gründungsmitglied einer „Übersynodalen Arbeitsgemeinschaft“ (ÜSAG), die von 1954 bis 1969 den Aufbau des Evangelischen Religionsunterrichts insbesondere an berufsbildenden Schulen begleitete, die Unterrichtsinhalte fortentwickelte und sich für die fachgerechte Fortbildung von Religionslehrkräften einsetzte.

Schon im Jugendalter wurde ihr ökumenisches Interesse geweckt, das ab 1945 zu eigenem ökumenischen Engagement führte. Ilse Härter organisierte Jugendbegegnungen mit Großbritannien, sie ließ ihre Schülerinnen und die Mitglieder des von ihr gegründeten ökumenischen Jugendkreises u.a. an ihren Kontakten in die Niederlande, die Schweiz und die USA teilhaben.

„Kämpfe und Krämpfe“

2006 erhielt Ilse Härter die Ehrendoktorwürde der heutigen Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel für ihr Engagement im Kirchenkampf und um den gleichberechtigten Zugang der Frauen ins Pfarramt sowie ihre wissenschaftliche Arbeit zu diesen beiden Themen seit ihrer Pensionierung. Damals sagte die Theologin, sie werte die Ehrendoktorverleihung als „positives Zeichen für uns Frauen“. Nach vielen „Kämpfen und Krämpfen“ habe sich doch einiges bewegen lassen. In ihrer eigenen Kirche habe die Gleichberechtigung der Frauen im Blick aufs Pfarramt allerdings „etwas reichlich lange gedauert“.

Ilse Härter war seit 1972 pensioniert und lebte wieder am Niederrhein. Dort ist sie auch gestorben. Beerdigt wird sie am Tag ihres Geburtstags und ihrer Ordination.

Von: ekir.de / neu, he

von Dr. Heike Köhler

Der 12. Januar 2013 ist für alle ordinierten Theologinnen in den Gliedkirchen der EKD ein Tag von besonderer Bedeutung. Vor genau 70 Jahren wurden die ersten beiden Theologinnen in Deutschland ordiniert: Hannelotte Reiffen (1906-1985) und Ilse Härter (1912-2012). Beide Frauen gehörten der Bekennenden Kirche der altpreußischen Union an.
Die aus der Kriegsnot heraus aufgenommenen Verhandlungen um die Ordination von Frauen im sog. „Vikarinnenausschuss“ der BK scheiterten 1942. Das Vikarinnenamt sollte ein Amt mit einer eingeschränkten Ordination bleiben.

Im Vorgespräch zu ihrer Einsegnungshandlung widersetzte sich Ilse Härter einer eingeschränkten Ordination mit den mutigen Worten „bei meiner Einsegnung werde ich nicht anwesend sein“. Aus Protest gegen die gescheiterten Verhandlungen ordinierte Kurt Scharf Präses der BK Berlin-Brandenburg beide Frauen ohne Einschränkungen am 12. Januar 1943 in Sachsenhausen.  

Diese Ordinationen waren wegbereitend für alle darauf folgenden Ordinationen, die in der Regel erst zwei Jahrzehnte später in den Landeskirchen der EKD folgten.

Die Synode der hannoverschen Landeskirche befasste sich als eine der ersten bereits 1925 mit der Frage wie Vorbildung und Anstellung von Pfarramtshelferinnen, die immer häufiger in den Gemeinden mitarbeiteten, zu regeln seien. Das entsprechende Kirchengesetz trat am 1. Juli 1931 in Kraft. Die mit der Dienstbezeichnung „Vikarin“ versehene, ausgebildete Theologin sollte zur Hilfeleistung des Pfarramtes in Wortverkündigung und Seelsorge an Frauen, Mädchen und Kindern unterstützend tätig werden.
Drei Jahrzehnte später wurde die Rechtsstellung der Vikarinnen durch das „Pastorinnengesetz“ am 13. Dezember 1963 neu geregelt. Ab sofort galt die Berufsbezeichnung „Pastorin“ und auch die vollgültige Ordination wurde den Frauen zugestanden. Die Zölibatsklausel hingegen wurde erst 1969 aufgehoben. Den Endpunkt dieser Entwicklung bildete das am 1.1.1978 in Kraft tretende „Kirchengesetz zur Änderung des Pfarrgesetzes“ der VELKD, welches das „Pastorinnengesetz“ endgültig aufhob.

Die ehemalige hannoversche Bischöfin Margot Käßmann schrieb im Grußwort zu Ilse Härters 60. Ordinationsjubiläum am 12. Januar 2003: „Und im Übrigen: ‚Gibt es Pastorinnen so gibt es auch Bischöfinnen’, sagte mein Vorgänger, Bischof D. Horst Hirschler. Aus diesem Grund bin ich einer Frau wie Ilse Härter persönlich dankbar, dass sie auch mir den Weg in meinen Beruf und mein Amt geebnet hat.“

Dr. Heike Köhler, Kirchenrätin im Landeskirchenamt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

„Sie waren immer die Ersten“ - Landesbischof Ralf Meister traf 2012 die ersten Generationen der Pastorinnen der hannoverschen Landeskirche