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Tagesthema
„Morgen, morgen, nur nicht heute!“
Wenn der gute Vorsatz nie zur Tat wird
Drei Fragen an den Psychologen Marcus Eckert, der ein Training gegen „Aufschieberitis“ anbietet
Der Psychologe und Pädagoge Marcus Eckert hat an der Leuphana-Universität Lüneburg ein Online-Training gegen „Aufschieberitis“ entwickelt. Prokrastination nennt es die Wissenschaft, wenn Menschen unangenehme Aufgaben immer wieder vertagen. Auch die guten Vorsätze zum neuen Jahr sind manchmal eine verkleidete „Aufschieberitis“, sagte Eckert am Donnerstag im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dadurch wachse aber oft der Druck noch.
epd: Sind gute Vorsätze ein Zeichen von „Aufschieberitis“ nach dem Motto: Das mache ich morgen, nächste Woche, nächstes Jahr?
Marcus Eckert: Das kann durchaus so sein. Wenn ich mir etwas vornehme, mache ich im Geiste schon mal einen Haken dahinter. Dann habe ich zumindest vorübergehend ein gutes Gefühl. Es gibt die drei süßen „M“ der Unverbindlichkeit: man müsste mal. Wenn ich mir auf diese Weise zum Beispiel vornehme, mehr Sport zu treiben, oder früher die Steuererklärung zu machen, bleibt das oft ein frommer Wunsch.
epd: Was sind Ursachen für solch ein Verhalten?
Marcus Eckert: Eine Ursache kann eine nicht ausreichende Planung sein. Manchmal sind aber auch Aufgaben mit Angst besetzt. Ich vermeide, was ich vielleicht nicht hinkriege. Wenn ich etwa einen unangenehmen Anruf verschiebe, schafft das kurzfristig Erleichterung. Langfristig wächst die Angst. Außerdem liegt manchmal die Belohnung in zu weiter Ferne. Wir nennen das Durststrecken-Aufgaben. Wenn ich nach der Arbeit noch Sport treibe, ist das erst mal eine Überwindung. Erst später spüre ich, wie gut das tut.
epd: Wie komme ich vom Vorsatz zur Tat?
Marcus Eckert: Wenn ich mir für die Steuererklärung einen konkreten Termin setze und dafür Zeit im Kalender freihalte, wird es wahrscheinlicher, dass ich sie auch mache. Sonst nehmen wir uns Dinge vor, die in unseren Gedanken und auf unseren Schreibtischen gar keinen Platz haben.
Wichtig ist, auch Zeit für angenehme Aktivitäten wie ein Treffen mit Freunden einzuplanen. Den Angst-Aufgaben begegne ich am besten, indem ich Dinge mit Abstand betrachte. Ich kann abwägen, was wäre denn das Schlimmste, was passieren kann? Das ist dann meistens gar nicht so problematisch. Um die Durststrecke zu überwinden, kann ich mir Aspekte suchen, die Spaß machen. Etwa die Vorstellung, dass sich bei jeder Rechnung, die ich für die Steuererklärung suche, vielleicht die Rückzahlung erhöht.
Redensart
„Morgen, morgen, nur nicht heute!
Sprechen immer träge Leute,"
Das Zitat ist der Anfang des Kinderlied „Der Aufschub“ von dem Schriftsteller Christian Felix Weiße (geboren am 28. Januar 1726 in Annaberg; gestorben am 16. Dezember 1804 in Stötteritz), der ein bedeutender Vertreter der Aufklärung ist und als begründer der deutschen Kinder- und Jugendliteratur gilt:
Morgen, morgen, nur nicht heute!
Sprechen immer träge Leute,
Morgen! Heute will ich ruhn,
morgen jene Lehre fassen,
morgen jenen Fehler lassen,
morgen dies und jenes tun!
Und warum nicht heute? Morgen
kannst du für was andres sorgen!
Jeder Tag hat seine Pflicht!
Was geschehn ist, ist geschehen,
dies nur kann ich übersehen;
was geschehn kann, weiß ich nicht.
Wer nicht vorgeht, geht zurücke,
unsre schnellen Augenblicke
gehn vor sich, nie hinter sich.
Das ist mein, was ich besitze,
diese Stunde, die ich nütze;
die ich hoff, ist die für mich?
Jeder Tag, ist er vergebens,
ist im Buche meines Lebens
Nichts, ein unbeschriebnes Blatt.
Wohl denn! Morgen so wie heute
steh’ darin auf jeder Seite
von mir eine gute Tat!
Sprichwörtlich zitiert werden meist nur die ersten beiden Zeilen und dabei heutzutage das Wort „träge“ durch das derbere Wort „faule“ ersetzt.
Gar nicht auf morgen verschieben
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