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Tagesthema
Ein Besuch am Ort der Kindheit
Die achte Stufe knarrte immer
„Wer Kompott aus seinem Geburtsjahr bekommt, wird Glück haben“, hatte Oma damals gesagt. Dana Fritz besuchte im Urlaub mit einer Freundin das Dorf ihrer Kindheit und erinnert sich.
Komm, ich zeig dir, wo ich vor 25 Jahren lebte. – Jetzt wird aus dieser vagen Idee ernst. Nur noch 16 Kilometer trennen uns von dem Ort, an dem ich einen Teil meiner Kindheit verbrachte. Von der großen Straße, die in die vorpommersche Kleinstadt Demmin führt, biegen wir ab: Bäume säumen die Straßenränder. Manche sind mit Kreuzen geschmückt. Ansonsten nichts, rechts nichts, links auch nichts; zwischendrin die Straße. So ist das hier in März 2012.
Die Namen der Dörfer, die wir passieren, weiß ich, bevor die Ortsschilder sie preisgeben: Buschmühl, Beggerow, da geht’s zum Badesee, dann Gehmkow. Zwischendrin auf einem Hügel ein Reh. Schüchternes Grün auf den Feldern. Oben der blaue Himmel. Wie oft ich diesen Weg gefahren bin, weiß ich nicht.
Dann: Törpin. Das Dorf mit der einen großen und der kopfsteingepflasterten kleineren Straße. Das Dorf mit dem See, in dem wir nicht baden sollten und es trotzdem taten, die Bushaltestelle neben dem Feuerwehrhaus, die zwei Friedhöfe, die Windmühle, die vielen Kurven, das krumme Haus, der Konsum-Laden – und obendrüber Omas Wohnung. Hier verbrachte ich meine ersten vier Lebensjahre. Danach kam ich an den Wochenenden. Später in den Ferien. Noch später gar nicht mehr.
Die Straße durch das Dorf ist kurvig, daran hat sich nichts geändert. Rechts das Haus des ersten Freundes. Daneben der Weg zum Friedhof. Wie überall in Ostdeutschland gibt es renovierte Häuser – nur sind es hier weniger als woanders. Schicke Bürgersteige und Fahrradwege, die besser sind als andernorts die Schnellstraßen, gibt es nicht. Wir fahren langsam. Sehr langsam. Wären Menschen unterwegs, würden sie vermutlich stehen bleiben. Stehen bleiben und gucken. Früher, als der Osten gerade Westen wurde, fuhren viele Autos langsam. Die drinnen und draußen bestaunten sich gleichermaßen.
Heute staunt niemand. Zum Staunen zog es auch mich weg. Wo ich in der Zwischenzeit war? In der großen Stadt, in kleinen Städten, in anderen Dörfern, in Gegenden, die östlicher sind, und auch im Norden war ich. Und einmal am richtig großen Meer im Süden. In Törpin war ich seit sieben Jahren nicht. Der Grund für den letzten Besuch war eine Beerdigung. Wir fahren den Berg hinab. Ich erinnere mich an jedes Haus. Die, die nicht renoviert sind, verfallen langsam. Ob über Verfall oder Erhalt nach einem Abzählreim entschieden wird? Dann der Blick nach links. Da sollte... da ist nicht... aber da war doch. Gedanken im Bruchteil von Sekunden.
„Halt an“ – mehr Befehl als Bitte. Der Wagen hält. Wir steigen aus. Ich zeige auf – auf was eigentlich? Auf: nichts. Auf: da-war-mal-was. Auf: da-war-mal-ein-Haus. Auf: da-war-der-Dachvorsprung-unter-dem-die-Schwalben-ihre-Nester-hatten. Ich zeige auf ein Rechteckt: Nichts. Wirklich Nichts. Verschwunden. Aber: nicht weg – eher: nicht gut ausradiert. Die Ränder sind da noch. Das, was ich sehen wollte, ist nicht da.
Gegen die Leere stelle ich mir Fragen, auf die es keine Antworten gibt: Ob ich mich getraut hätte, die Tür zu öffnen? Die Treppen hinauf zu steigen in die Etage, wo die Zimmer von Oma und Opa lagen, gleich neben denen von der alten Frau Signetzki und Herrn Onkel Ücker und seinen Eltern? Die Fragen helfen nicht. Ich hätte gern eines der alten Weckgläser aus dem Vorratskeller. Birnen oder Pflaumen, das wäre egal. Wer Kompott aus seinem Geburtsjahr bekommt, wird viel Glück haben, sagte Oma. Den Keller gibt es nicht mehr. Es hilft nicht, auf einen Grasfleck zu starren. Ich steige zurück in das Auto und nehme mir vor, den Ort zu vergessen.
Doch ich vergesse nicht: das Dachzimmer, die kalte Küche, dass es die achte Stufe ist, die knarrt, die Kälte des Kellers, und den Wasserhahn, mit Lumpen umhüllt, damit er nicht einfriert, das Knistern des Feuers, den Geruch von Opas Nachttopf, das Knistern der am Ofen gewärmten Bettdecke, den Duft der frischen Brote aus dem Konsum, die Eisblumen und die Alpenveilchen, den Luftzug der Schwingtür, den Blick auf den Hof, über dem die Schwalben Kreise zogen. Bei schlechtem Wetter nah am Boden.
„Das Mädchen aus Templin“
Bei Politikern spielen Orte der Kindheit eine besondere Rolle. Zwar sind sie eingespannt in eine tägliche Hetze, haben also wenig Zeit, über sich, Gott und die Welt nachzudenken. Aber sie werden durch die Medien immer wieder an ihre eigene Kindheit erinnert.
Ein Beispiel ist Angela Merkel: Als „Pfarrerstochter aus der Uckermark“ wird sie porträtiert, als „das Mädchen aus Templin“.
So wird ihre Jugend thematisiert, vieles bezieht sich auf eine angeblich karge Familienatmosphäre in einem protestantischen Pfarrhaus.
Wie wichtig sind Ihnen Kindheitserinnerungen?
Diskutieren Sie mit auf www.wir-sind-evangelisch.de. Das Forum der Tagesthemen der hannoverschen Landeskirche.
Orte der Kindheit
Warum diese Orte so wichtig sind
Wiese, Baustelle oder Keller – so verschieden „Orte der Kindheit“ sind, so wichtig sind sie für die Entwicklung, meint der Pädagoge Egbert Daum im Gespräch mit der Evangelischen Zeitung.
Was erleben Kinder (im guten Fall) an einem „Ort der Kindheit“?
Orte der Kindheit sind nicht einfach von sich aus da, sie werden von Kindern gelebt und imaginiert, gemacht und kommuniziert und auf diese Weise individuell angeeignet. Entscheidend ist nicht die physische Materialität dieser Orte, sondern eine möglichst ungestörte, konstruktiv-handelnde Auseinandersetzung mit ihnen. Orte der Kindheit zeichnen sich aus durch eine Vielfalt an intensiv wahrnehmbaren Elementen und Strukturen; durch Aufforderungscharakter, Unfertigkeit bzw. Veränderbarkeit der einzelnen Elemente; durch Möglichkeiten zu freiem, unbeobachtetem Spiel und wenigstens teilweise Suspendierung von Normen, Zwängen und Kontrollen.
Welche Bedeutung haben diese Erfahrungen für die weitere Entwicklung eines Menschen?
Orte der Kindheit haben enorme Auswirkungen auf die gesamte Sozialisation. Die kindliche Auseinandersetzung mit dem Raum fördert sinnliche Wahrnehmungen, subjektive Erfahrungen, phantastische Vorstellungen und kreative Bewertungen, die allesamt den geistigen Horizont erweitern und das Subjekt seinen eigenen Standort in der Welt finden lassen.
Wie gehen Menschen im Rückblick mit diesen Orten um?
Nicht wenige Menschen neigen dazu, ihre Kindheit rückblickend nostalgisch zu verklären. Kein Wunder, dass erinnerte Orte der Kindheit voll sind von glückseligen Phantasmagorien – am schönsten barfuß in einem ewigen Sommer, auf jeden Fall völlig frei von Medien und Elektronik. Diese tröstliche, keineswegs gering zu schätzende Wirkung sollte nicht davon abhalten, sich für eine den Kindern angemessene, spielbare Umwelt einzusetzen, zumal kindliche Erfahrungsbereiche heutzutage schrumpfen und unwirtlicher denn je erscheinen.