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Bild: Marcel Domeier

„Weihnachtsoratoriums-Oper“

Tagesthema Hannover, 06. Dezember 2012

Bachs Musikwerk wird in Szene gesetzt

„Eine größere Geschichte als die Weihnachtsgeschichte wurde nie geschrieben“, meinte einst Martin Walser. Und nur wenige Musikstücke genießen so große Beliebtheit wie Bachs Weihnachtsoratorium. Erstaunlich, dass bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, diese Musik in Szene zu setzen.

In der Herrenhäuser Kirche ist jetzt eine „Weihnachtsoratoriums-Oper“ zu sehen. „Das Weihnachtsoratorium war für mich der größte Berg, ein unbekannter Berg“, meint Christoph Amrhein, der es gewagt hat, die Kantaten und Arien zu einer Oper zusammenzufassen. Der Regisseur hat sich schon wiederholt an biblische Musikmotive gewagt. In Herrenhausen waren schon die Matthäus-Passion (2000), Händels Belsazar (2006) und Brahms’ Deutsches Requiem als biblische Oper (2009) zu erleben. Mit Kantor Martin Ehlbeck hat Amrhein offenbar einen kongenialen Partner für solche Projekte gefunden.

„Uns geht es um die Kongruenz von Inhalt und Form“, erklärten die beiden vor der Erstaufführung des Weihnachtsoratoriums als Oper. In der Tat ist ihnen das gelungen. Die Opulenz der Bach’schen Komposition spiegelt sich auch in der Inszenierung wider.

Wohl 150 Menschen hat Amrhein unter einen Hut gebracht, darunter die Jugendkantorei Letter und den Nachwuchschor des renommierten Mädchenchors Hannover. Die jungen Stimmen geben dem gewohnten Erwachsenen „jauchzet, frohlocket“ eine frische Note, lassen die Choräle noch strahlender erklingen. Die Chorstimmen werden in der Kirche auf einem stabilen Orchester-Teppich getragen.

Auch hier setzt Ehlbeck auf Opulenz: Fast drei Dutzend Streicher und Bläser, unterstützt von Orgel und Pauke, sind für ein Barock-Orchester ungewöhnlich. Doch weniger wäre in der schwierigen Akustik der Kirche sicher zu wenig gewesen. Eine anfängliche Unsicherheit der Choristen, die mit wenigen Metern Abstand ihren Zuhörern gegenüberstanden, wich rasch. Verdienten Beifall ernteten auch die vier jungen Solisten. Friederike Weritz gab mit einem silberstrahlenden Sopran überzeugend den Engel, der aber auch kraftvoll mit dem Flammenschwert zuschlagen konnte. Mit warmem Timbre sang sich Altistin Juliane Harberg in die Herzen der Zuhörer. Ungewöhnlich klar artikulierend und niemals schrill verschafte sich Markus Gruber (Tenor) als Evangelist Gehör.

Trotz einer Erkältung gelang es Dietmar Sander (Bariton), in seiner Doppelrolle als Joseph und später als König Herodes zu überzeugen, nicht zuletzt auch wegen seiner schauspielerischen Präsenz. Seine geheuchelte Anbetung „Mein Jesus, mein Leben“ war ein Höhepunkt des Abends. Bei Bach mag Herodes noch ein Zweifler sein, etwa in der Arie „Erleucht’ auch meine finstren Sinne“, in der Amrhein-Inszenierung werden die Doppelzüngigkeit und Hinterhältigkeit des Kindesmörders sehr deutlich.

Irritierend ist zu Beginn das häufige Auf und Ab der Sänger. Doch mit der Zeit wird das Trappeln der Kinderfüße zum Begleitklang des Oratoriums und nimmt ihm ein wenig von der sonst geradezu „heiligen“ Schwere. Auch Kinder und Jugendliche können sich dafür begeistern, wie der großzügige Applaus am Ende beweist. Ihnen und auch erfahrenen Zuhörern kommt sicher zugute, dass Amrhein und Ehlbeck das Oratorium leicht gekürzt haben, nur an dramaturgisch unergiebigen Stellen. So wird der 105-minütige Abend ein rundum gelungenes Erlebnis, das dem dreistündigen Original nicht die Schau stiehlt, aber eine würdige Alternative zur Seite stellt.

Michael Eberstein

Eine mitreißende Atmosphäre

Die Herrenhäuser Kirche ist ein optimaler Raum für das szenische Oratorium. Das himmlische Jerusalem auf dem Radleuchter in der Mitte wird hier zum Weihnachtsstern und spielte eine nicht unwichtige Nebenrolle. Darunter steht eine quadratische mehrstufige Bühne in der Mitte der Kirche, die Bänke sind im Karree rundherum aufgestellt. Die Akteure, Solisten wie Choristen wissen, dass sie zu allen Seiten agieren müssen. Für die Zuschauer ergibt sich dadurch und durch den engen Kontakt zu den Sängern das Gefühl, mittendrin zu stehen, geradezu Teil des Chores zu werden. Das verstärkt bei vielen den Wunsch mitzusingen.

Live dabei sein

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Bild: Marcel Domeier

Weitere Aufführungen in der Herrenhäuser Kirche in Hannover

  • am 8. Dezember, um 19 Uhr
  • am 9. Dezember, um 18 Uhr
  • am 15. Dezember, um 18 Uhr
  • am 16. Dezember, um 18 Uhr

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Bild: Jens Schulze

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