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Mit Bibel und Bollerwagen

Tagesthema 02. November 2012

Unter Fremden - Millionen Flüchtlinge wurden von der Landeskirche aufgenommen

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Hans-Joachim Rauer. Bild: Sandra Schramm / LVH

„Man taucht in die Vergangenheit ein, auch in die eigene. Das ist nicht immer leicht“, sagt Hans-Joachim Rauer. Der ehemalige hannoversche Oberlandeskirchenrat ist Mitherausgeber und -autor des Buchs „Unter Fremden“, das von der Integration der Flüchtlinge aus dem deutschen Osten, vornehmlich der Pastoren, in der hannoverschen Landeskirche berichtet.

Rauer, Jahrgang 1932, sieht sich als Vertreter der „zweiten Generation“ der vertriebenen Theologen, derjenigen also, die ihre Ausbildung schon im Westen gemacht haben. Zur selben Generation gehört auch Arnulf Baumann, der vor fünf Jahren den Anstoß zu dem Buch gab. „Wir sind die Letzten, die sich noch erinnern können“, habe ihn Baumann seinerzeit von dem Vorhaben überzeugt, die Integrationsleistung darzustellen, sagte Rauer bei der Buchvorstellung im Diakonischen Werk.

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Ernst Kampermann. Bild: Sandra Schramm / LVH

Zahlen machen die Leistung deutlich: Bis 1950 mussten in Niedersachsen 2,2 Millionen Menschen aufgenommen werden, die ihre Heimat in Ostpreußen, Pommern, im Baltikum und anderen deutschen Ostgebieten verloren hatten – ein Drittel der damaligen Bevölkerung. „Es gab Dörfer mit mehr Flüchtlingen als Einheimischen“, rief Ernst Kampermann in Erinnerung, „es waren wohl alle überfordert.“ Auch der ehemalige Geistliche Vizepräsident, kein Vertriebener, gehört zu den Herausgebern und Autoren.

Dem damaligen Oberlandeskirchenrat Friedrich Bartels sei es zu verdanken gewesen, dass das Jesus-Wort „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ (Matth. 25)  umgesetzt wurde. Am 25. Oktober 1945 habe Bartels geschrieben: „Wenn nicht alles für sie (die Flüchtlinge) getan wird, droht eine Katastrophe für das ganze Volk.“ Kampermann meint, „ohne Bartels wäre die Landeskirche nicht in die Puschen gekommen.“ Mit Fleiß, Feingefühl und seelsorgerlichem Engagement habe er sich als Flüchtlingsbeauftragter für die „Ostpfarrer“ und ihre Gemeindeglieder eingesetzt. Vorsichtigt deutete Kampermann an, Bischof Marahrens habe „wohl die Problematik in der Fülle nicht erkannt.“

Von 860 Ostpfarrern konnten 336 übernommen werden

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Im Diakonischen Werk wird das neue Buch vorgestellt: „Unter Fremden? Flüchtlinge und Vertriebene in der hannoverschen Landeskirche nach dem Zweiten Weltkrieg“. Bild: Sandra Schramm / LVH

Kampermann rief in Erinnerung, dass die hannoversche Landeskirche seinerzeit 1100 Pfarrstellen auswies. Nach Kriegsende meldeten sich aber 860 Ostpfarrer. Für immerhin 647 konnten Beschäftigungsaufträge vergeben werden, 336 wurden schließlich sogar übernommen. Anstellungsträger waren die Gemeinden; und dort wurde oft die Gegenfrage gestellt: „Und was ist mit unseren Pfarrern, wenn die aus dem Feld zurückkommen?“

Rauer betonte, insgesamt sei die Eingliederung ostdeutscher Christen „von großer christlicher Vernunft geleitet“ gewesen. Er rief in Erinnerung, dass die meisten Vertriebenen aus Kirchen der altpreußischen Union kamen. Die Liturgie in der streng lutherischen Landeskirche sei ihnen sehr fremd, geradezu katholisch vorgekommen. Da sei es sicher hilfreich gewesen, dass zum Beispiel den Schlesiern wie ihm nicht nur nachgesagt wurde, dass sie gerne sängen und muntere Menschen seien. Für sie habe auch das Sprichwort gegolten: „Man muss zufrieden sein.“

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Hans Otte. Bild: Sandra Schramm / LVH

Die Integration sei noch einmal heftig erschüttert worden, als die EKD 1965 ihre Ost-Denkschrift veröffentlichte, rief der landeskirchliche Archivdirektor Hans Otte mit Hinweis auf die Dokumente in Erinnerung, die zum Teil auch in dem Buch „Unter Fremden“ abgedruckt sind. Für das Papier habe es zwar eine große Zustimmung gegeben. Doch für eine kleinere Gruppe habe es wie ein zweiter Verlust der Heimat  gewirkt, meinte Otte, der auch zu den Herausgebern gehört. 

Revanchismus aber könne man den Vertriebenen nicht generell unterstellen, sagten auch Rauer und Kampermann. „Sie waren ja oft schon in den hiesigen Gemeinden integriert, da wusste man, wer zusammengehört“, sagte Kampermann. Und Rauer stellte heraus, dass die Versöhnungsarbeit nicht zuletzt „ganz stark aus den Kreisen der Vertriebenen“ gestützt wurde.

Von Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Schicksale vertriebener Pastoren nach dem Zweiten Weltkrieg

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Mit Bibel und Bollerwagen kamen nach dem Ende des Nationalsozialismus viele Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Niedersachsen. Mit ihnen sei auch die Kirche gekommen, schreibt der hannoversche Landesbischof Ralf Meister im Vorwort des neu erschienen Buches „Unter Fremden? Flüchtlinge und Vertriebene in der hannoverschen Landeskirche nach dem Zweiten Weltkrieg“. Das Buch nimmt nun erstmalig das Schicksal der Pastoren, Diakone und Gemeindemitarbeiter in den Blick.

Ihre unterschiedlichen Frömmigkeitsformen hätten bei den schwierigen Lebensumständen in den Jahren nach 1945 häufig „Befremden, Reibungen, Konflikte und Enttäuschungen“ in den örtlichen Kirchengemeinden ausgelöst, schreibt Meister. Zwar hätten sich die westlichen Kirchen bemüht, ihre Mitchristen - darunter auch Tausende Pastoren - aus dem Osten aufzunehmen und ihnen eine neue Heimat zu bieten. Doch dieses Vorhaben sei nicht überall gelungen: „Das lag an den anfangs chaotischen Zuständen und an menschlichen Unzulänglichkeiten und an einer durch die bedrückende Gesamtlage bedingten Überforderung aller Beteiligten.“

Die Autoren und Herausgeber des 316 Seiten starkes Buches, der ehemalige Geistliche Vizepräsident des Landeskirchenamtes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Ernst Kampermann (geb. 1938), der ehemalige Oberlandeskirchenrat Hans-Joachim Rauer (geb. 1932) und der landeskirchliche Archivdirektor Hans Otte (geb. 1950) seien bei Kriegsende noch Kinder und Jugendliche gewesen.

Als Angehörige der zweiten Generation von Flüchtlingen beschrieben sie, „was sie seinerzeit miterlebt, beobachtet oder nachträglich erkundet und reflektiert haben“, schreibt der Landesbischof, dessen aus Pommern stammende Mutter in Nordfriesland eine neue Heimat fand. Als Material dienten ihnen Personalakten, Korrespondenzen und Dokumente.