2012_10_11

Bild: markusspiske / photocase.com

Beten

Tagesthema 10. Oktober 2012

Reden des Herzens mit Gott

Not lehrt beten, sagt man.
Aber was hilft das, wenn man nicht glaubt?

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Gemeinsames Beten in der Familie. Bild: epd-Bild

Wir sind bei Freunden zu Grünkohl und Pinkel eingeladen, das Essen steht dampfend auf dem Tisch. Der Jüngste, der fünfjährige Thomas, soll beten und das tut er auch: „Lieber Gott, segne flott, lasse Deinen Segen über unsre Speisen fegen!“ Statt dann sofort beherzt zuzugreifen, müssen wir erst einmal herzhaft lachen. Wenn der Hunger groß ist, darf es auch beim Beten schnell gehen.

Ein Tischgebet mit Humor. Das entkrampft. Weit weg scheinen Zeiten, in denen das Tischgebet eine lästige Pflicht und eine strenge Sitte war, gesprochen vom Vater, dem sogenannten Familienoberhaupt. Ließe man den Humor in diesem Gebet außen vor, dann wäre es ein eher Ausdruck unserer Zeit, in der für Religion und Gebet kaum Zeit und Raum ist. Andere Dinge sind vordringlicher. Wo wird, außer in den Kirchen, überhaupt noch gebetet? Im stillen Kämmerlein vielleicht, bei Tisch eher selten, und im öffentlichen Raum? Dort eigentlich nur und zunehmend im Sport vor dem Start auf der Tartanbahn oder auf dem Fußballfeld. Und nach Katastrophen. Also doch: Not lehrt Beten. Mindestens für die Medien stimmt der Satz. Wo reales Grauen unseren gesellschaftlichen Alltag unterbricht und die Medien es thematisieren, da ist dann auch in ihnen Platz für Trauer, Rituale und Gebete.

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Morgendandacht zum Beginn der Woche in der Evangelischen Waldschule Eichelkamp in Wolfsburg. Bild: epd-Bild

Und im persönlichen Leben? Mit Mitte 20 verlor ich bei einem Sportunfall meinen Ringfinger. Mein erster Gedanke im Schock nach dem Erblicken des Stumpfes war ein Stoßgebet: „Gott im Himmel, lass das nicht wahr sein! Mach es ungeschehen!“ Doch ein Gebet dreht die Zeit nicht zurück. Das Beten hat mir „nur“ geholfen, den Verlust zu verarbeiten. Dass man in auswegloser Situation eine Instanz herbeisehnt, auf die man sonst weniger angewiesen scheint, liegt auf der Hand. Aber Zweifel sind angebracht, ob Not richtig beten lehrt und das Stoßgebet das Leben auch nach überstandener Notsituation religiöser macht. Not lehrt vielleicht beten, aber die wenigsten machen dann aus der Not bzw. aus dem Gebet eine Tugend.

Hängt das damit zusammen, dass anscheinend so wenige Gebete in Erfüllung gehen? Jesus hat doch gesagt: „Bittet, so wird Euch gegeben! Klopft an, so wird euch aufgetan!“ Doch so einfach ist das nicht. Zunächst einmal muss man sich von der Vorstellung verabschieden, dass Gebetserfüllung so funktioniert wie Aladins Wunderlampe. Gott ist kein Dschinn, so ein dienstbares Fabelwesen, das augenblicklich Wünsche Realität werden lässt, sondern Gott. Wir verfügen nicht über ihn, sonst wäre er ja nicht Gott.

Verschiedene US-Studien haben in den vergangenen Jahren versucht, wissenschaftlich herauszufinden, ob Fürbitten etwas nützen. Dazu haben sie für kranke Menschen beten lassen, für andere nicht. Manche dieser Studien sagen, beten hilft, andere scheinen das zu widerlegen. In meinen Augen ist das kein Weg, um herauszufinden, ob Fürbitten helfen oder nicht. Denn wenn es wirklich einen Gott gibt, der immerhin der Adressat all dieser Gebet für die Kranken war und ist, wird er sich von den Wissenschaftlern nicht so vorführen lassen. Weil diese Studien, wenn sie etwas beweisen könnten, Gott seiner Göttlichkeit entkleiden würden, taugen sie nicht. Ob und wem beten nützt, kann ich nur durch das Beten selbst herausfinden. Und wenn ich es tue, nützt es - schon allein deshalb, weil ich dadurch die Menschen und mich selbst mit anderen Augen sehe.

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Beten bei der Morgendandacht zum Beginn der Woche in der Evangelischen Waldschule Eichelkamp in Wolfsburg. Bild: epd-Bild

Beten tut gut, aber Gott ist nicht der Erfüllungsgehilfe meiner Phantasien. Neben jenes Jesuszitat „Bittet, so wird Euch gegeben!“ muss man deshalb ein anderes stellen: Als Jesus verhaftet wird im Garten Gethsemane, greift einer seiner Anhänger zum Schwert, um Jesus zu verteidigen. Jesus heißt ihn, das Schwert einzustecken, und fügt hinzu: „Oder meinst Du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte?“ Genau darum aber bat er nicht, sondern in seiner Not nur darum, dass – wenn es möglich ist – dieser Kelch an ihm vorübergehe. Und nicht sein, sondern Gottes Wille möge geschehen.

Sich darauf zu verlassen, dass die Not einen beten lehrt, greift zu kurz. Besser ist es schon, in der Kindheit beten zu lernen. Mit solch schönen Tischgebeten, wie dem von Thomas, geht das ganz leicht.

Pfarrer Thomas Dörken-Kucharz, Chef vom Dienst der Rundfunkarbeit im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (aus: Evangelische Zeitung)

Mehr über das Beten

Ein Gottesdienstbesucher betet mit gefalteten Händen.
Ein Gottesdienstbesucher betet mit gefalteten Händen. Bild: Jens Schulze

In der Evangelischen Zeitung findet sich jede Woche auf der letzten Seite der Printausgabe eine Andacht, der Serie und dem Gebet der Woche. Sein Inhalt korrespondiert mit einem Foto. Auch im Internet wird kann Andacht, Gebet und Foto meditierend betrachtet werden.
 
„Gott, manchmal ist das, was ich tun muss, zu groß für mich.“ So beginnt ein Gebet und der Beter spricht weiter: „Ich traue es mir nicht zu. Ich finde nicht die richtigen Worte." Und ganz zum Schluss hört er Gottes Stimme, die ihm zuflüstert: 'Du kannst das. Lauf nicht weg.' „Gott, ich bitte dich, flüster mir zu. Amen.“

Das ist so wichtig am Gebet: Ich rufe Gott an - ich werde still, um zu hören - ich weiß mich von Gott getragen - ich sage 'Amen' dazu. 'Amen' meint: So soll es sein!

So wie das gemeinsame Bekennen des Glaubens ist auch das Beten eine Glaubenspraxis, die Christen weltweit miteinander verbindet. Das wird nirgendwo so deutlich wie in dem Gebet, das auf Jesus selbst zurückgeht: dem Vaterunser.

Zu den Andachten der Woche in der Evangelischen Zeitung

Wenn Kinder beten

Ein Kind betet
Die alten Lieder und Gebete der Psalmen können Kindern helfen, wo eigene Klagen und eigenes Staunen und Loben keine eigenen Worte finden. Bild: Jens Schulze

Welchen Platz das Beten im Leben eines Menschen einnimmt, entscheidet sich in der Kindheit. Allerdings sind die Anlässe und Augenblicke selten geworden, in denen Kinder beten oder mit Kindern gebetet wird. Vielleicht, weil auch bei Erwachsenen oft eine Unsicherheit im Umgang mit dem Beten herrscht.

Eine Schwierigkeit mag sein, dass ich mich im Gebet an Gott wende, der nicht sichtbar und nicht fassbar ist. Doch darin liegt auch die Chance: Ich vertraue darauf, dass er zuhört. Mit Kindern beten bedeutet also, Vertrauen zu wecken, dass sie sich Gott anvertrauen können. Dabei öffnet das Beten für sie die Zuversicht: Ich bin nicht allein auf mich selbst gestellt.

Diese Erfahrung beginnt bereits damit, dass Eltern, Großeltern, Erzieherinnen oder Mitarbeitende in der Gemeinde mit den Kindern beten.

Mehr über das Beten mit Kindern

Das Gebet des Herrn:
Das Vater Unser

DIE ANREDE
Vater unser im Himmel.
Was ist das?

Gott will uns damit locken, daß wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.

DIE ERSTE BITTE
Geheiligt werde dein Name.
Was ist das?

Gottes Name ist zwar an sich selbst heilig; aber wir bitten in diesem Gebet, daß er auch bei uns heilig werde.

Wie geschieht das?

Wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird und wir auch heilig, als die Kinder Gottes, danach leben. Dazu hilf uns, lieber Vater im Himmel! Wer aber anders lehrt und lebt, als das Wort Gottes lehrt, der entheiligt unter uns den Namen Gottes. Davor behüte uns, himmlischer Vater!

DIE ZWEITE BITTE
Dein Reich komme.
Was ist das?

Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet von selbst, aber wir bitten in diesem Gebet, daß es auch zu uns komme.

Wie geschieht das?

Wenn der himmlische Vater uns seinen Heiligen Geist gibt, daß wir seinem heiligen Wort durch seine Gnade glauben und danach leben, hier zeitlich und dort ewiglich.

DIE DRITTE BITTE
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Was ist das?

Gottes guter, gnädiger Wille geschieht auch ohne unser Gebet; aber wir bitten in diesem Gebet, daß er auch bei uns geschehe.

Wie geschieht das?

Wenn Gott allen bösen Rat und Willen bricht und hindert, die uns den Namen Gottes nicht heiligen und sein Reich nicht kommen lassen wollen, wie der Teufel, die Welt und unsres Fleisches Wille; sondern stärkt und behält uns fest in seinem Wort und Glauben bis an unser Ende. Das ist sein gnädiger, guter Wille.

DIE VIERTE BITTE
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Was ist das?

Gott gibt das tägliche Brot auch ohne unsere Bitte allen bösen Menschen; aber wir bitten in diesem Gebet, daß er's uns erkennen lasse und wir mit Danksagung empfangen unser tägliches Brot.

Was heißt denn tägliches Brot?

Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.

DIE FÜNFTE BITTE
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Was ist das?

Wir bitten in diesem Gebet, daß der Vater im Himmel nicht ansehen wolle unsere Sünden und um ihretwillen solche Bitten nicht versagen, denn wir sind dessen nicht wert, was wir bitten, haben's auch nicht verdient; sondern er wolle es uns alles aus Gnaden geben, obwohl wir täglich viel sündigen und nichts als Strafe verdienen. So wollen wir wiederum auch herzlich vergeben und gerne wohltun denen, die sich an uns versündigen.

DIE SECHSTE BITTE
Und führe uns nicht in Versuchung.
Was ist das?

Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, daß uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Mißglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster; und wenn wir damit angefochten würden, daß wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.

DIE SIEBENTE BITTE
Sondern erlöse uns von dem Bösen.
Was ist das?

Wir bitten in diesem Gebet, daß uns der Vater im Himmel vom Bösen und allem Übel an Leib und Seele, Gut und Ehre erlöse und zuletzt, wenn unser Stündlein kommt, ein seliges Ende beschere und mit Gnaden von diesem Jammertal zu sich nehme in den Himmel.

DER BESCHLUSS
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Was heißt Amen?

Daß ich soll gewiß sein, solche Bitten sind dem Vater im Himmel angenehm und werden erhört. Denn er selbst hat uns geboten, so zu beten, und verheißen, daß er uns erhören will. Amen, Amen, das heißt: Ja, ja, so soll es geschehen.

Martin Luther, Der Kleine Katechismus

Martin Luther, Kleiner Katechismus - in vier verschiedenen Ausgaben