2012_10_04

Bild: Revanche / photocase.com

Die Welt im Bodenrausch

Tagesthema 04. Oktober 2012

Die Welternährung verliert ihre Grundlage, den Boden

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Bild: Jens Schulze

Peak oil – die Tatsache, dass der Vorrat an Erdöl begrenzt ist, sorgt seit längerem für Erschrecken und lässt den Ruf nach Umdenken in Sachen Energieerzeugung laut werden. Zum „peak oil“ kommt jetzt der „peak soil“. So nennt der Agrarwissenschaftler Wilfried Bommert die Tatsache, dass es nur einen begrenzten Vorrat an Boden gibt, der zudem beständig kleiner wird. Große Flächen an Ackerland werden jedes Jahr durch Erosion, Monokultur, Verkarstung, Wassermangel und Überdüngung unfruchtbar. Hinzu kommt, dass der verbleibende Boden gerade in ungeahntem Ausmaß den Bauern entzogen wird.

„Die Welternährung verliert zusehends ihre Grundlage, den Boden“, so die These, die der auf einem Bauernhof aufgewachsene Wilfried Bommert in seinem Buch „Bodenrausch“ nur allzu gut belegen kann. „Mehr als 220 Millionen Hektar, eine Fläche von der Größe Westeuropas, etwa ein Viertel der fruchtbaren Böden der Welt, wurde nach Schätzungen der Entwicklungsorganisation OXFAM 2012 bereits ihren bäuerlichen Besitzern entzogen und an Großinvestoren verpachtet oder verkauft.

Ernten für fremde Länder vorbei an der eigenen Bevölkerung

Staaten wie Saudi Arabien, China, Indien, Südkorea und Japan pachten oder kaufen in großem Ausmaß in Afrika, Lateinamerika und Südostasien Land. Die Ernährung ihrer Bevölkerung durch eigenes Ackerland können sie angesichts ihrer wachsenden Bevölkerung und deren steigendem Appetit auf Fleisch nicht mehr sichern. Wegen explodierender Lebensmittelpreise, die nicht zuletzt in Spekulationen auf dem Weltmarkt für Getreide, Reis und Mais begründet sind, haben diese Landnahme -Staaten das Vertrauen in den Weltmarkt für Nahrungsmittel verloren.

Sie wollen die Ernährung der eigenen Bevölkerung sozusagen „offshore“ sichern. Die Ernten auf den Böden in fremden Ländern sollen an der dortigen hungernden Bevölkerung vorbei außer Landes gebracht werden. Notfalls sichern die zumeist korrupten Land-Anbieter-Staaten sogar Militärschutz für den Abtransport der Ernte zu. Auch die großräumige Vertreibung von Kleinbauern, Fischern und Hirten wird billigend in Kauf genommen. Denn die Menschen, die das Land seit Generationen bearbeiten, können im seltensten Fall nachweisen, dass sie Eigentümer des Landes sind.

Den Einstieg des internationalen Finanzkapitals in die Landwirtschaft hat Bommert, der für die Gründung des „Institutes für Welternährung“ gerade den Human Award der Uni Köln erhalten hat, als eine weitere maßgebliche Ursache für den „Bodenrausch“ ausgemacht. Konkrete Zahlen, wie viel Kapital der Bodenrausch seit 2007 mobilisiert hat, gibt es nicht. Fest steht allerdings:„Die Anleger finden seit 2008 in vielen der herkömmlichen Finanzprodukte keine Sicherheit mehr. Sie spekulieren nun auf steigende Boden- und Nahrungsmittelpreise. Und erhoffen sich sagenhafte Gewinne.“

Boden als Gemeineigentum, das von Gott kommt

Auch Energiekonzerne, die zunehmend auf Agrotreibstoffe setzen, um den steigenden Rohölpreisen zu entkommen, beteiligen sich nach Bommers Recherchen in großem Stil an der Landnahme. Das bekommen nicht nur Bauern in Brasilien, sondern auch die Landwirte in Deutschland zu spüren: Investoren oder Energiekonzerne kaufen oder pachten Land, um Mais für Biogasanlagen anzubauen. „Was das für die kleinen Landwirte bedeutet, ist etwa im Emsland zu sehen. Die Bauern können die Pacht für Weiden oder Ackerland, die sie für ihre Existenz brauchen, nicht mehr bezahlen. Denn die Preise werden von Großinvestoren in die Höhe getrieben“, hat Bommert im Gespräch mit Landwirten über das ansonsten gut gehütete Geheimnis der Pachtpreise erfahren.

Wilfried Bommert hat wenig Hoffnung, dass diese Entwicklung sich ohne einen flächendeckenden Paradigmenwechsel kurzfristig umkehren ließe. „Boden müsste ebenso wie Wasser und Luft zum Allgemein-Gut erklärt werden, das nur im Einvernehmen mit und zum Wohle der Gesellschaft genutzt werden darf“, so sein Vorschlag Er verweist dabei auf das Verhältnis der frühen Kirche zum Eigentum. „Land war grundsätzlich Gemeineigentum, das man von Gott bekommen hat“, sagt er mit Verweis auf Kirchenvater Johannes Chrysostomos. Aber auch die Denkschrift „Gemeinwohl und Eigennutz“ der evangelischen Kirche aus dem Jahr 1991 oder eine Erklärung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1990 in Korea kann Bommert für seine radikal klingende Forderung ins Feld führen.

„Wenn wir uns vor Augen halten, dass das Land auf der Erde nicht vermehrbar ist und dass wir es zwingend brauchen, um uns zu ernähren, dann ist zwingend notwendig, dass Land ein Gemeingut aller ist, das unter der Verwaltung aller steht.“

Karin Vorländer / Evangelische Zeitung

Das Buch: Bodenrausch

bodenrausch

Wilfried Bommert, „Bodenrausch – Die globale Jagd nach den Äckern der Welt“, Eichborn Verlag 2012, 19,99 Euro.

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Saat und Ernte in der Bibel

Hört zu! Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. Und es begab sich, indem er säte, dass einiges auf den Weg fiel; da kamen die Vögel und fraßen's auf. Einiges fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging alsbald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Als nun die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es.

Und einiges fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen empor und erstickten's, und es brachte keine Frucht. Und einiges fiel auf gutes Land, ging auf und wuchs und brachte Frucht, und einiges trug dreißigfach und einiges sechzigfach und einiges hundertfach.

Markus 4,3 - 8, Lutherbibel

Gott macht alle satt

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Erstarrter Lavasee am Kratergrund des Vulkans Kilauea Iki (Volcanoes National Park).  Bild: Rolf Schulten / epd  

Palästina gehört zu den Gegenden der Erde, wo sich durch geologische Entwicklung über Jahrmillionen verschiedenartigste Landschaftsstrukturen ausgebildet haben. Bekannt ist die Jordan­senke, die das Land von Norden nach Süden zweiteilt. Durch Verwitterung des Gesteins, aber auch durch Windtransport entstanden vielerlei Böden auf kürzesten Entfernungen: Sand- und Schwemm­landböden in den Ebenen, im Gebirge Kalkgestein- und graue Terra-rossa-Böden, im südlichen Negev Lößböden. Zusammen mit den Witterungsbedingungen, die vom feuchten Tropen- bis zu wüsten­artigem Trockenklima reichen, entstanden für den traditionellen Weizen- oder Gersteanbau (vgl. 5.Mose 8,8) regional die unterschiedlichsten Anforderungen.

Das lernte auch der in seiner Jugend im fruchtbaren Untergaliläa aufwachsende Jesus kennen. Gehörte er zwar einer Handwerkerfamilie an, so erlebte er doch täglich um Nazaret die bäuerliche Arbeit in den urbar gemachten Ebenen und auf den künstlich angelegten Terrassen. Ernährte sich doch über 90 Prozent der Einwohnerschaft von Viehzucht (Schafe und Ziegen), Frucht­baumkulturen (z.B. Olive, Wein und Feige) und Feldfruchtanbau. Mit den besonderen Standortbedingungen musste Jesus sich auch in der Gegend am Nordwestufer des Sees Genezaret auseinandersetzen. Dorthin hatte es ihn verschlagen, weil er Unterstützer und Sympathisanten für sein Anliegen fand, ganz Israel für die ankommende Gottesherrschaft zu werben. Täglich aber vernahm er die Klagen der Bauern. Um Kapernaum herum trieben sie Feld­fruchtanbau auf Basaltböden, die durch vulkanische Eruptionen vom nahen Golan entstanden waren. Der dunkle Erdboden nahm Sonnenenergie gut auf und konnte auch Regen­wasser speichern. Aber ein in die Fläche strebender Landbau war hier unmöglich. Jesus, der mit kleinen Erzählungen seine Zuhörer mit der Gottesherrschaft bekannt machte, geht – so ist dem Gleichnis Markusevangelium 4  zu entnehmen – auf die bäuerliche Erfahrungswelt ein.

Der Autor Dr. Ulrich Mell ist Professor für Evangelische Theologie und ihre Didaktik an der Universität Hohenheim.