2012_09_13

Bild: kallejipp / photocase.com

Ehre - zwei Seiten einer Medaille

Tagesthema 13. September 2012

Wirklich religiöse Verblendung? - Ehrenmorde haben in erster Linie soziale und kulturelle Ursachen

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Prof. Dr. Wolfgang Reinbold ist Pastor für die Arbeitsfelder Islam und Migration im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Bild: Jens Schulze

Am 7. Februar 2005, gegen 21 Uhr, wurde die 23-jährige Hatun Sürücü, Mutter eines fünfjährigen Sohnes, in Berlin-Tempelhof an der Bushaltestelle Oberlandgarten der BVG-Linie 246 erschossen. Verhaftet wurden die drei Brüder der Frau, 18 bis 25 Jahre alt. Einer der Brüder soll die Waffe besorgt haben, der zweite geschossen und der dritte den Schützen zum Tatort begleitet haben. Ihr Mörder schoss ihr dreimal ins Gesicht, aus nächster Nähe, wie bei einer Hinrichtung.

So oder ähnlich stand es vor sieben Jahren in allen deutschen Zeitungen. Seither liegt das Thema auf dem Tisch: Ehrenmord. Hatun musste sterben, weil sie die Ehre der Familie verletzt hat. Weil sie sich der Ehe widersetzte, die ihre Eltern für sie in der Türkei arrangiert hatten. Weil sie ihren Ehemann verließ und nach Berlin zurückkehrte, schwanger. Weil sie sich von ihrer Familie löste und ein eigenständiges Leben führte, sich anzog, wie sie wollte, ausging, rauchte – dunkelblaue Gauloises, mit der Aufschrift „Liberté toujours“, Freiheit, allezeit.

Hatun Sürücüs Tod hat die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass auch in Deutschland Jahr für Jahr Frauen und Männer ermordet werden, weil ihre Angehörigen zu der Auffassung gekommen sind, dass sie die „Ehre“ der Familie durch unziemliches sexuelles Verhalten verletzt haben. Meist sind die Täter überzeugt, dass sie gar nicht anders konnten. „Ehre“ ist für sie das wichtigste im Leben. Ohne Ehre ist eine Familie nichts wert, sie hat ihr „symbolisches Kapital“ verloren, wie die Soziologen sagen. Niemand will mit einer solchen Familie mehr etwas zu tun haben, niemand mit ihr Handel betreiben oder seine Tochter mit einem ihrer Söhne verheiraten. Eine Familie ohne Ehre verliert ihr Ansehen und ihre Position in der Gesellschaft. Sie steht vor dem sozialen und wirtschaftlichen Ruin. Daher muss der Ehrverlust unter allen Umständen verhindert werden.
Sind Ehrenmorde typisch für Muslime? Wie sehr haben sie mit Religion, wie sehr mit Kultur, wie sehr mit Bildung und sozialen Ursachen zu tun? Wie verbreitet sind Ehrenmorde in Deutschland? Über diese Fragen gibt es seit Hatun Sürücüs Tod erbitterten Streit.

Zur Versachlichung der Debatte beitragen kann eine Veröffentlichung des Freiburger Max-Planck-Institutes für ausländisches und internationales Strafrecht aus dem Jahr 2011, in der die Fakten erstmals umfassend erhoben werden.

Die Studie kommt unter anderem zu folgenden Ergebnissen: Ein Ehrenmord ist ein sehr seltenes Ereignis, pro Jahr werden etwa zwölf Fälle von der deutschen Justiz erfasst, darunter drei Ehrenmorde im engeren Sinn (d.h. Morde, die nicht zugleich Merkmale der „normalen Partnertötung“ oder der „Blutrache“ aufweisen). Hauptmotive sind Trennung und (vermeintliche) Untreue. 43 Prozent der Opfer sind Männer (entgegen allen Erwartungen). Zwei Drittel der Fälle ereignen sich in Familien türkischer, insbesondere osttürkischer bzw. kurdischer Herkunft, 15 Prozent in Familien arabischer Herkunft. Die meisten Täter sind Muslime, einige wenige Eziden oder (syrische) Christen. 90 Prozent der Täter sind Migranten der ersten Generation. Die Täter sind fast ausnahmslos arm, unqualifiziert und schlecht gebildet.

Die Studie belegt, was andere Untersuchungen bereits vermuten ließen: Voraussetzung eines in Deutschland begangenen Ehrenmordes ist danach eine Kombination aus eigener Migration, geringer Bildung, prekären Lebensverhältnissen und einer von Männlichkeitsidealen bestimmten, in der Kindheit erlernten Kultur der Ehre, wie sie für viele vorindustrielle, von Großfamilien geprägten Gesellschaften typisch ist. Die Religion, sei sie islamisch, ezidisch oder christlich, gehört nicht zu diesen Voraussetzungen. Sie ist im Gegenteil eher hinderlich, denn sie verbietet den Mord mit klaren Worten.

Allerdings kann die Religion die Hemmschwelle zum Ehrenmord senken helfen, nämlich dann, wenn die religiöse Elite die überkommene Kultur der Ehre zu einer göttlichen Ordnung erklärt. Wenn die Kinder, wie es im türkischen Volksislam bis heute nicht selten der Fall ist, in der Familie oder in der Koranschule lernen, dass Ehre (Namus) eine unverzichtbare Eigenschaft ist, auf der auch die religiöse Gesetzgebung (Scharia) beruht, dann ist es nur ein kleiner Schritt hin zu einer vermeintlich islamischen Begründung des Ehrenmords, wie ihn die Täter oftmals für sich beanspruchen.

Die Gelehrten in den deutschen Moscheen sollten diese unselige Kombination nicht bestreiten, sondern entschlossen bearbeiten – und die deutsche Mehrheitsgesellschaft sollte zur Kenntnis nehmen, dass Ehrenmorde zwar ganz überwiegend von Muslimen begangen werden, dass sie aber ein sehr seltenes Phänomen sind und in erster Linie soziale und kulturelle Ursachen haben.

Von Prof. Dr. Wolfgang Reinbold (aus: Evangelische Zeitung)

Kirche im Dialog: Islam

Wer unbescholten lebt, kann trotzdem seine Ehre verlieren – der feine Unterschied zwischen „innerer“ und „äußerer“ Ehre

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Der Begriff „Ehre“ als ein verhaltssteuernder Kanon ist der europäischen Zivilisation nicht unbekannt. Der große Brockhaus definiert „Ehre“ als „auf der Selbstachtung beruhende, daher unverzichtbar erlebte Achtung, die der Mensch von seinen Mitmenschen beansprucht. Als innere, auf dem Bewusstsein der eigenen Unbescholtenheit begründete Haltung, die sich auch durch äußere Missachtung und Verunglimpfung nicht angefochten fühlt, kann „Ehre“ zu einem rein sittlichen Begriff werden.

Meist überwiegt jedoch die äußerliche Seite; die Ehre haftet nicht so sehr am persönlichen Wert des Menschen als an seiner Stellung in der Gesellschaft. Die durch den Ehrenkodex erzwungenen Verhaltensstan­dards sind viel weniger verinnerlicht, und weniger zum Bestandteil eines automatisch wirkenden Gewissens geworden, als an Schamgefühle gebunden, wenn die Ehrverletzung öffentlich be­kannt geworden ist. Ehre wird in einem viel stärkeren Maße vom Fremdzwang der öffentlichen Meinung determiniert...

Von Elcin Kürsat (aus: Evangelische Zeitung)

Mehr lesen: Von Elcin Kürsat in der Printausgabe und darüber, was auf der Straße über Ehre gedacht wird: online bei www.evangelische-zeitung.de

Medaillenspiegel ist komplett

Begeisterte Zuschauer auf ausverkauften Rängen und eine nie dagewesene Aufmerksamkeit überrollte die rund 4200 Athleten bei den 14. Paralympics in London. Besonders das deutsche paralympische Team übertraf mit einem 8. Weltranglistenplatz alle Erwartungen. 66 Medaillen gewannen die 150 Behindertensportler in den vergangenen Wochen. Zum Vergleich: die deutschen Olympioniken reisten mit 44 Medaillen nach Hause.

Für den Bischof der hannoverschen Landeskirche Ralf Meister gehört der Medaillenspiegel von den vorangegangenen Olympischen Spielen und den Paralympics unbedingt zusammen. „Erst dann ist der Medaillenspiegel komplett.“„Die Athleten der Paralympics haben eindrucksvoll gezeigt, wie Grenzen zwischen Behinderten und Nichtbehinderten überwunden werden können“, sagte der Theologe. Mit seiner Einschätzung ist er nicht allein. Auch der EKD-Seelsorger, Pastor Christian Bode aus Holzminden sagt, „die Spiele werden nachhaltig Wirkung zeigen.“ Die bisher größten Paralympischen Spiele hätten Menschen mit Behinderungen mehr als je zuvor in das öffentliche Bewusstsein gebracht. Bode hat das deutsche paralympische Team in London betreut.

Die Statistik müsse jedoch ein wenig relativiert werden, sagte der Theologe, der selbst als Tischtennis-Trainer bereits bei den Paralympics 2008 in Peking dabei war. Bei den Olympischen Spielen gebe es nur  302 Wettkämpfe in 26 Sportarten. Die Paralympics warteten immerhin mit  503 Wettbewerben auf.

„Ein wahrer Held“

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Der 34-jährige Theologe Christian Bode ist als einziger Seelsorger der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 29. August bis zum 9. September 2012 zu den Paralympics gereist. Bode war 2008 selbst Tischtennis-Trainer bei den paralympischen Spielen in Peking 2008. Bild: epd-bild/Torsten Wegener

Immer deutlicher werde jedoch, dass die Paralympics den Olympischen Spielen in nichts nachstünden, sagte Bode. „Es gibt nur einen Sport, egal ob mit oder ohne Behinderung.“ Durch die zunehmende Professionalität erhöhe sich gleichzeitig jedoch der Druck auf die Sportler.  Für einen Medaillenerfolg wachsen die Athleten über ihre körperlichen Grenzen hinaus, sagt Bode. Der Gemeindepastor aus dem niedersächsischen Holzminden war live dabei, als Radfahrer Hans-Peter Durst die Silbermedaille holte. Wenige Wochen vor seinem Start wurden Dursts Hände bei einem Trainingsunfall schwer verletzt. Bis kurz vor der Abreise nach London war nicht klar, ob er starten konnte. „Er ist für mich ein wahrer Held“, sagt der Pastor.

In den vergangenen Tagen sei in London eine paralympische Familie zusammengewachsen, berichtet Bode. In den Gesprächen mit den Sportlern sei es auch darum gegangen, wie der Alltag nach den Spielen in ihrem Leben weitergeht. Viele haben oft nebenberuflich jahrelang auf die Paralympics hin trainiert und auf vieles für den Sport verzichtet. „Vor den meisten liegt erst mal eine große Leere.“

Von Charlotte Morgenthal (aus: Evangelische Zeitung)