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Bild: epd-Bild/Susanne Hübner

Vergessene Denkmäler der Moderne

Tagesthema 11. September 2012

Aalto-Kirchen in Wolfsburg zwischen internationaler Anerkennung und Schattendasein

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Die evangelische Heilig Geist Kirche in Wolfsburg des Architekten Alvar Aalto (1898-1976). Wie ein Eissplitter ragt der offene Kirchturm der Heilig-Geist-Kirche in den Himmel. Bild: epd-Bild/Susanne Hübner

Alvar Aalto gehörte zu den wichtigsten Architekten des vergangenen Jahrhunderts. Zwei Kirchen baute er in Wolfsburg. Heute gelten sie als Schätze aus Ziegelstein und Beton. Lange fristeten die Wolfsburger Aalto-Bauten aber eher ein Schattendasein.

Wie ein gigantischer weißer Eissplitter ragt der offene Kirchturm der Wolfsburger Heilig-Geist-Kirche in den Himmel. Der Altarraum mit seinem fächerförmigen Grundriss und der geschwungenen Deckenkonstruktion stehen dazu einerseits im Widerspruch - andererseits fügen sie das architektonische Bild fast magisch zusammen. Vor 50 Jahren wurde Heilig-Geist fertiggestellt. Heute gilt die Kirche unter Experten als gelungenster Bau des Finnen Alvar Aalto (1898-1976), einer der bedeutendsten Architekten der Moderne.

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Die evangelische Heilig Geist Kirche in Wolfsburg des Architekten Alvar Aalto (1898-1976). Wer sich der Kirche von Osten nähert, nimmt zunächst nur die dunkle Dachfläche aus Kupfer wahr, die sich sanft aus dem Boden schwingt. Bild: epd-Bild/Susanne Hübner

Der Name Aalto steht in einer Reihe mit Frank Lloyd Wright, Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe. Dennoch war er in Wolfsburg lange Zeit eher ein Unbekannter. Als sich der Geburtstag des Architekten im Jahr 1998 zum hundertsten Mal jährte, gab es kein Gedenkprogramm. „Die Verantwortlichen hatten das Datum schlicht vergessen“, sagt Reinhard Brandes-Wagner mit einem Schmunzeln. Er ist Mitglied im „Verein Alvar Aalto Zentrum Deutschland“, der sich 1998 gründete, um das Erbe des finnischen Baumeisters in Deutschland bekannter zu machen.

Rund 500 Entwürfe umfasst Aaltos Lebenswerk, etwa die Hälfte davon wurde rund um den Globus gebaut. Mit der Heilig-Geist-Kirche, der Stephanus-Kirche und dem Alvar-Aalto-Kulturhaus beherbergt Wolfsburg gleich drei der insgesamt sechs Gebäude Aaltos, die überhaupt in Deutschland gebaut wurden. Daneben entwarf er Wohnhäuser in Berlin und Bremen und das Essener Opernhaus: „Mit seinen Sakralbauten hat er sich aber ein ganz besonderes Denkmal geschaffen“, ist Brandes-Wagner sicher.

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Innenraum der evangelischen Heilig Geist Kirche in Wolfsburg des finnischen Architekten Alvar Aalto (1898-1976) Eine dunkle Oregon-Pine-Holzvertäfelung zeichnet sanft den Dachschwung der Kirche nach. Bild: epd-Bild/Susanne Hübner

Der Initiative des evangelischen Gemeindepastors Egon Meyer war es zu verdanken, dass Aalto neben dem Wolfsburger Kulturzentrum auch die Kirche für seine Gemeinde plante. Auf einer Serviette habe der Architekt dem Pastor damals die Dachkonstruktion skizziert: „Die hätte heute wahrscheinlich einen hübschen Wert, aber ich habe sie leider nicht aufgehoben“, sagt der pensionierte Geistliche.

Auch ohne Serviette waren die Planungen für die Kirche mit 300 Sitzplätzen und großer Chorempore bereits 1960 fertig, so dass der erste Spatenstich am 18. Juni 1961 folgen konnte. Beim Bau überholte die Kirche sogar das Kulturzentrum. Sie wurde am 6. Juni 1962 geweiht, während das Kulturzentrum erst am 31. August 1962 seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Der ebenfalls von Aalto entworfene Kindergarten neben der Kirche wurde am 19. Oktober 1964 eröffnet.

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Ein kunstvoll geschwungener Kerzenhalter auf der Altarempore der evangelischen Heilig Geist Kirche in Wolfsburg des Architekten Alvar Aalto (1898-1976). Bild: epd-Bild/Susanne Hübner

„Von der Form über die Kirchenbänke bis hin zu den Türgriffen hat Aalto alles entworfen“, sagt Reinhard Brandes-Wagner. „Statt eine Gemeinde in ein Gebäude zu zwängen ist es ihm gelungen, alle Gebäudeteile klar nach ihrer Funktion zu entwerfen.“ Blickfluchten bündeln sich dort, wo der Altar steht, über dem Taufbecken durchbricht ein Oberlicht die Decke: ¡Und große Fenster im Rücken der Gemeinde sorgen dafür, dass es in der Kirche nur den Unterschied gibt zwischen hell und extrem hell.“

Schon während der Planung war den Verantwortlichen der hannoverschen Landeskirche klar, dass ¡ein klassisches Bauwerk der modernen Architektur“ entstehen würde - mit diesen Worten wird Ernst Witt, der damalige Leiter des kirchlichen Bauamtes, in einer Gedenkschrift zitiert. Der heutige hannoversche Landesbischof Ralf Meister würdigt das Werk des finnischen Architekten an diesem Donnerstag mit einem Besuch im Kulturzentrum und in der Heilig-Geist-Kirche.

Inzwischen haben die Wolfsburger erkannt, mit was für einem architektonischen Pfund sie wuchern können. Ein umfassendes Festprogramm zu den Gebäude-Jubiläen zeugt davon. Seit dem 8. März gab es Veranstaltungen rund um Alvar Aalto an verschiedenen Standorten. Den Abschluss bildeten am Tag des offenen Denkmals (9. September) Führungen durch das Alvar Aalto Kulturhaus.

Von Björn Schlüter (epd)

Mehr über Alvar Aalto

Hugo Alvar Henrik Aalto wurde am 3. Februar 1898 in Kuortane, Finnland geboren. Er wirkte als finnischer Architekt und Designer. Alvar Aalto wurde bekannt für seine besonderen Konzeptionen im Bereich des organischen Bauens. Ein bekanntes Designerstück von Aalto ist die Aalto-Vase. Die Aalto-Universität in Helsinki trägt seit 2010 seinen Namen. Alvar Aalto starb am 11. Mai 1976 in Helsinki.

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