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Bild: Das Fahrgastfernsehen. Florian Arp/Martin Bargiel 

Niedersächsisches Unternehmen stellt Prothesen und Rollstühle für Paralympics-Athleten her

Mit einem Bein aus Carbon und Metall auf der Jagd nach Gold

Die 57-jährige Bärbel Rittmeier arbeitet am 17.8.2012 in der Fußfertigung des weltmarktführenden Orthopädieunternehmens Ottobock in Duderstadt. Rund 1.500 von weltweit 5.000 Beschäftigten arbeiten in dem südniedersächsischen Hauptsitz des Unternehmens. Bild: epd-bild / Charlotte Morgenthal
 

Sprintweltmeister Heinrich Popow ist nah dran am paralympischen Gold. Bis kurz vor dem Start hat er mit Technikern des Orthopädieunternehmens Ottobock an seiner Sprintprothese gefeilt. Weltmarktführer Ottobock ist Partner der Paralympics.

Mit einem gesunden Bein und einer Prothese aus Carbon und Metall wird Sprintweltmeister Heinrich Popow (29) bei den Paralympics in London um Gold laufen. Popows spezielle Sprintprothese stammt vom weltmarktführenden Orthopädieunternehmen Ottobock im südniedersächsischen Duderstadt. „Für mich ist die Prothese keine Technologie, sondern ein Teil von mir“, sagt der Athlet, der auch Botschafter des Unternehmens ist.

Seit 24 Jahren ist Ottobock Partner der Paralympischen Spiele, die vom 29. August bis 9. September ausgetragen werden. Techniker der Firma reparieren in einer etwa 1.000 Quadratmeter großen Werkstatt vor Ort Rollstühle und Prothesen der Sportler. Rund 14 Tonnen Ersatzteile sind bereits in London, erläutert Karsten Ley von der Unternehmenskommunikation. «Die Teile sind so schwer, wie die Glocke von Big Ben.»

Ursprünglich wurde das Unternehmen 1919 vom Orthopädiemechaniker Otto Bock in Berlin gegründet, um möglichst vielen Kriegsversehrten aus dem Ersten Weltkrieg Prothesen zu liefern, erzählt Ley. Bock entwickelte erstmals eine Art Baukastensystem, bei dem die vorgefertigten Prothesenteile aus Holz, nur noch angepasst werden mussten. Nach dem zweiten Weltkrieg zog der Unternehmenssitz unter der Leitung von Bocks Schwiegersohn Max Näder in das heute rund 20.000 Einwohner zählende Duderstadt.

Dort feilen die Orthopädietechniker kontinuierlich an einer technischen Verbesserung der Prothesen oder Rollstühle, berichtet Ley. Popows Sportprothese wiegt etwa fünf Kilogramm. „Den Schaft, der den Stumpf mit der Prothese verbindet, konnten wir um ein halbes Kilo leichter machen“, sagt Ley.

Popow, der bei den letzten beiden paralympischen Spielen im Sprint jeweils Bronze und Silber holte, will mit der optimierten Technik nun mehr erreichen. „Ich fahre nicht nach London, um Zweiter zu werden“, sagt er selbstbewusst. Mittlerweile ist der Weltmeister von 2011 nur zehntel Sekunden vom bisherigen Weltrekord entfernt.

Das Unternehmen Ottobock ist seit 1988 offizieller Partner der Paralympics, in diesem Jahr vom 29. August bis zum 16. September in London. 78 Techniker werden in einer Werkstatt vor Ort die Prothesen, Rollstühle und Handbikes der Sportler in einer Werkstatt reparieren. Bild: epd-bild / Charlotte Morgenthal
 

Wie bei olympischen Sportlern auch, hänge die Leistung der Behindertensportler auch von einer guten Förderung ab, sagt Pressesprecher Ley. Bis zu 10.000 Euro kann eine Sportprothese kosten. In der Werkstatt zeige sich, dass Sportler aus Europa oder den USA oft besser ausgerüstet seien als die Athleten aus Entwicklungsländern. Aber auch die Motivation der Menschen spiele eine Rolle, sagt Ley. „Sonst ist die beste Prothese nichts wert.“

Auch Profisportler Popow entwickelte diese besondere Motivation, als er mit neun Jahren durch Knochenkrebs ein Bein verlor. „Du musst nur ein wenig härter arbeiten, als die anderen“, sagte damals ein paralympischer Radfahrer zu dem Jungen im Krankenhaus. Daraus entwickelte sich sein Lebensmotto: Gehe immer einen Schritt weiter als andere Menschen.

Dank des Sports fühle er sich auch im Alltag nicht mehr eingeschränkt, sagt Popow. Dort nutzt der Sportler eine Prothese, die schwerer und mit einem Mikroprozessor ausgestattet ist. „Ich muss endlich nicht mehr beim Gehen auf den Boden schauen und kann den Menschen ins Gesicht sehen“, freut sich Popow.

Das 5.000 Mitarbeiter zählende Orthopädieunternehmen Ottobock hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen im Alltag, in der Freizeit und im Sport zu verbessern. „Quality for life“ (Lebensqualität) lautet das Motto, das weltweit neben jedem Firmenlogo steht. Inzwischen produziert die Firma auch hochtechnologisierte Neuroimplantate oder Armprothesen, die anhand von Sensoren über die Nervenbahnen gesteuert werden können.

Trotz aller Optimierungen wird eine Prothese nie so gut sein wie ein gesundes Bein, betont Ley. „Eine Prothese ist im weitesten Sinne eine Maschine, die erzeugt aus sich heraus keine Energie.“ Für Sportler Popow könnte sie bei den Paralympics entscheidend für eine Medaille sein. „Auf der Prothese habe ich gewusst, das ist mein Körperteil, mit der kann ich schnell laufen, und das war ein tolles Gefühl.“

Von Charlotte Morgenthal (epd)

Ottobock auf den Paralympics