Hausbesuch per Telefon

Tagesthema 26. Juni 2012

Ehrenamtliche wollen Menschen mit „Wohlfühlanrufen“ aus der Einsamkeit holen

Mal geht es um die neuesten Kochrezepte, mal werden Probleme gewälzt: Ein Bremer Verein engagiert sich mit einem „Wohlfühltelefon“ gegen Isolation im Alter. Ein heißer Draht, der nicht nur denen nutzt, die angerufen werden.

„Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich“ singt Max Raabe mit seinem Palast Orchester. Kein Schwein ruft mich an - dagegen stemmt sich eine Bremer Initiative. Ehrenamtliche des Vereins „Ambulante Versorgungslücke“ rufen auf Wunsch bei Menschen an, die oft einsam sind. „Wir hören zu, klönen, diskutieren, plaudern“, sagt Initiatorin Elsbeth Ruetten und ergänzt: „Das sind Hausbesuche per Telefon - Verbindungen nach außen, die im Alter wichtig sind.“

Zu den Anruferinnen gehört Doris Alberts, die eben den Hörer in der Geschäftsstelle des Vereins aufgelegt hat. „Das war ein Geburtstagsgruß für eine ältere Dame, die eine schwere Herz-Operation vor sich hat“, erzählt die 68-jährige ehemalige Krankengymnastin. „Ich habe ihr Mut zugesprochen und gesagt, nach dem Eingriff melde ich mich wieder bei Ihnen.“

„Wohlfühlanrufe“ können selbst gebucht oder von Angehörigen verschenkt werden. Wer in der Lage ist, zahlt eine Aufwandsentschädigung von monatlich knapp zehn Euro. „Die Gespräche unterliegen der Schweigepflicht, bauen Brücken der Begegnung“, ist die 64-jährige ehemalige Krankenschwester Ruetten überzeugt, die sich seit Jahren gesundheitspolitisch engagiert. Mit einer Bundestagspetition hat sie auf ungenügende Hilfen für Ältere nach einem Klinikaufenthalt aufmerksam gemacht und bereits erste gesetzliche Verbesserungen erreicht.

Die Bremer Gesundheitswissenschaftlerin und Soziologin Annelie Keil nennt das Telefon eine „Sturzprophylaxe für fehlende soziale Kontakte“. Sie ist Schirmherrin der Initiative und schult Ehrenamtliche, die sich wie sie gegen Einsamkeit im Alter engagieren. „Angesprochen werden, das gehört zum Existenzminimum und ist noch wichtiger als Hartz IV“, meint die emeritierte Professorin der Bremer Universität.

Bisher gibt es 30 Menschen auf der Anrufliste, unter ihnen ist auch Brunfriede Fischer von Mollard. „Bei mir waren die Anrufe zuerst gar keine Wohlfühlgespräche“, berichtet die 82-Jährige, die sich mitten in einem Umzug bei einem Sturz das linke Handgelenk angebrochen hat. „Von mir aus waren das Hilferufe.“ Über den Kontakt organisierte der Verein eine Haushaltshilfe. „Ein dicker Silberstreif am Horizont“, erinnert sich dankbar die frühere Lehrerin, die mittlerweile alles gut überstanden hat und in ihrer neuen Wohnung glücklich ist.

In der Regel ist der „elektronische Besuchsdienst“ aber gar kein Nottelefon, „auch wenn Einsamkeit eine Notlage ist“, räumt Annelie Keil ein. Mal erinnern die Ehrenamtlichen an Termine, mal geht es um Kinder oder Enkel, mal schlicht um Back- oder Kochrezepte, dann wieder um finanzielle Probleme. Kürzlich hat der Verein einen 19-jährigen ausländischen Studenten in der Klinik angerufen, der nach einem Eingriff einsam auf der Station lag. „Er hat sich riesig gefreut“, sagt Ruetten.

„Für mich ist jede Geschichte neu“, freut sich Doris Alberts über die Gespräche, bei denen sie sich mit ihrer Person nicht aufdrängt: „Ich bin die Hörende, die Fragende.“ Das war sie kürzlich auch bei einer Frau, die sich von ihrer Wohnung verabschiedet hat, um ins Altenheim zu ziehen. Die Diskussion darüber mit den Kindern war schwierig, der neutrale Kontakt zu Alberts ein Segen. „Das war ein Ablöseprozess, den ich am Telefon bis zum Umzug begleitet habe.“

„Es geht uns um gesellschaftliche Teilhabe, um die Frage, wie ich im Alter noch dabei sein kann“, unterstreicht Ruetten, die das Wohlfühltelefon gerade mit der Ausbildung neuer Ehrenamtlicher ausbaut. Eine Idee, die ganz offensichtlich keine Einbahnstraße ist. „Ich habe Zeit zu verschenken und kriege auch was wieder“, schwärmt Doris Alberts. „Mich auf fremde Menschen einzulassen, das bereichert mich.“

Von Dieter Sell (epd)

Besuchsdienst

Freundliche Begegnung zwischen einer jüngeren und einer älteren Dame an der Haustür.
Besuche bei den Menschen und Kontakte zu den Menschen gehören zum Wesen christlicher Lebensäußerung.

Besuche bei den Menschen und Kontakte zu den Menschen gehören zum Wesen christlicher Lebensäußerung einer jeden Kirchengemeinde. Weil Gott uns Menschen nahe kommt, indem er uns in Jesus Christus auf der Erde besucht (Lk 1,68), weil Jesus in unterschiedlichen Zusammenhängen Menschen besucht und auffordert (Lk 10), ebenfalls Menschen zu besuchen, machen sich heute freiwillig Engagierte auf den Weg zu den Menschen in ihren Kirchengemeinden. So ist Kirche...

  • eine besuchende Kirche.
    Kirche steht in der Nachfolge Jesu und ist damit ihrem Wesen nach eine zu den Menschen gehende, Menschen (auf)suchende, besuchende.
  • eine begrüßende Kirche.
    Als begrüßende Kirche besucht Kirche die Menschen in einer Haltung einer „Kultur der Bejahung“ (Jüngel), die ernst nimmt, dass in der Taufe jeder einzelne Mensch ein von Gott erwarteter und hier auf Erden begrüßter Mensch ist (Grözinger), dass Gottes „Ja“ der Begrüßung durch die Gemeinde immer schon vorausgeht. Auf diese Weise trägt sie dem Bedürfnis der Menschen nach Wahrnehmung, Wertschätzung und Beheimatung Rechnung.
  • eine Kirche nahe bei den Menschen
    Als besuchende und begrüßende Kirche ist Kirche den Menschen äußerlich und innerlich nahe. Menschen schätzen ihre Unabhängigkeit und so mchten sie nicht hohen Beteiligungswünschen begegnen. Gleichzeitig besteht in einer Welt der großen „Räume“ der Wunsch nach „Beheimatung“. Ein erster Kontakt durch einen Besuch öffnet den Blick zu einer „einladenden“ Kirche.
  • eine sich ständig verändernde Kirche
    Als besuchende Kirche lernt Kirche das Leben, die Themen, Werte, Bedürfnisse, Wünsche, Fragen der Menschen kennen. Die unterschiedliche und vielgestaltige Weise der Lebensentwürfe und Glaubensgestaltungen gilt es als Chance zu begreifen und als Kirche in die eigene Weiterentwicklung aufzunehmen.
  • eine Kirche der Vielen.
    Nur in der Verleiblichung des Bildes vom Leib Christi ist Kirche wirklich Kirche.

Besuchsdienst ist die Umsetzung des Gedankens des Priestertums aller Getauften. In der Weiterführung des Bildes vom vielgliedrigen Leib geht es „um Besuche der Verschiedenen, die sich gegenseitig ergänzen“. Die Entdeckung und die Förderung der Gnadengaben (1.Petr. 4, 12), die Menschen empfangen haben, gehört zu den Grundaufgaben einer Kirche, die Besuche macht.

Besuchsdienstarbeit im Haus kirchlicher Dienste

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