2012_06_20

Bild: LMDB / photocase.com

Betrieb und Familie mitgeheiratet

Tagesthema 20. Juni 2012

Plötzlich Bäuerin – Landwirtsfrauen heiraten oft den Beruf und Familienanschluss mit

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Nanna Harms steht am 28.07.2011 im Hühnergehege ihres Hofes im niedersächsischen Uelzen-Riestedt. Sie hält ihren Sohn Julius auf dem Arm, der ein Huhn streichelt. Ein Leben auf dem Land mit Tieren war immer der Traum 37-Jährigen. Bild: Karen Miether / epd-Bild

Nanna Harms zieht das Hühnergehege auf ihrem Hof in Uelzen-Riestedt hinter sich zu. Jagdhund Antonia hat die Schnauze schon im Tor und wird schnell noch ausgesperrt. Die Hennen picken unter Apfelbäumen im Gras. Ihren dreijährigen Sohn Julius hat die junge Frau auf den Arm genommen. Er ist barfuß und auf dem Boden machen sich die Wespen über das Fallobst her.

Ein Leben auf dem Land mit Tieren war immer der Traum der 37-Jährigen. Trotzdem musste sie sich in manchem umstellen, als sie einen Landwirten heiratete und plötzlich Bäuerin wurde. Seit zehn Jahren lebt sie mit ihrem Mann Morten und mittlerweile drei Kindern auf dem Hof, den die Harms seit Generationen bewirtschaften. In kaum einem anderen Bereich hängen Beruf und Familienleben heute noch so eng zusammen wie in der Landwirtschaft. Und das hat Vor- und Nachteile.

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Ein Leben auf dem Land mit Tieren war immer der Traum von Nanna Harms. Trotzdem musste sie sich in manchem umstellen, als sie einen Landwirten heiratete. Bild: Karen Miether / epd-Bild

„Der Hof ist eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft und oft einzige Geldquelle für mehrere Generationen“, sagt die Vorsitzende des evangelischen Bauerwerkes in Württemberg, Ulrike Siegel. Sie lässt in ihrem Buch „Und plötzlich war ich Bäuerin“ Frauen wie Nanna Harms von ihren Erfahrungen erzählen - den schönen und den schwierigen Seiten.

Ein großes gemeinsames Thema ihrer Autorinnen ist der Generationenkonflikt, unterstreicht Siegel. „Die Hoferben leben oft bis zur Hochzeit im Haus der Eltern, da kommen dann die Frauen dazu.“ In dem Buch schildert eine von ihnen, wie sie um die eigene Wohnung im Bauernhaus kämpfte: „Im Streit warf ich meinen Verlobungsring auf den Boden und forderte das Recht auf Eigenständigkeit ein.“ Ihr Mann habe lange zwischen den Stühlen gesessen, erinnert sie sich.

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In kaum einem anderen Bereich hängen Beruf und Familienleben heute noch so eng zusammen wie in der Landwirtschaft. "Der Hof ist eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft und oft einzige Geldquelle für mehrere Generationen", sagt die Vorsitzende des evangelischen Bauerwerkes in Württemberg, Ulrike Siegel. Bild: Fotograf: Karen Miether  / epd-Bild

Hennig Hölscher vom Landwirtschaftlichen Sorgentelefon Rastede bei Oldenburg rät den Hoferben dazu, Position zu beziehen: „Sie müssen sich zu ihrer Frau bekennen, sonst wird es schwierig.“ Auf manchen Höfen herrsche ein unausgesprochener Kodex, sagt der Sprecher der Beratungsstelle im traditionsgebundenen Ammerland. Dann gebe es viele Streitpunkte, die auch eskalieren könnten: „Zum Beispiel, ob zu festgelegten Zeiten gegessen werden muss.“ Oft sind die Erwartungen nicht mehr zeitgemäß, weil sich die Rollenbilder gewandelt haben, wissen die Experten.

Nach einer Studie des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums war 2008 bereits jede dritte Landwirtsfrau in dem Agrarland außerhalb des Betriebes berufstätig. Doppelt so viele wie noch 2001. Zumeist haben die Frauen heute höhere Schul- und Berufsabschlüsse. Und die Studie „Frauen sind ein Gewinn“ stellt fest: Mit rund einem Drittel leisten die Bäuerinnen einen nicht unerheblichen Beitrag zum Einkommen, das die Betriebe erwirtschaften.

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Johann auf den Rücken von Pony Lissy gesetzt. Die Stute lässt sich nicht stören und frisst weiter ihr Heu aus dem Trog. Bild: Karen Miether  / epd-Bild

Während früher Frauen oft schon aus finanziellen Gründen keine Wahl gehabt hätten, könnten sie heute meist den Betrieb auch wieder verlassen, sagt Siegel. Von den Autorinnen ihres Bäuerinnen-Buches hat jedoch keine diesen Schritt vollzogen. Für sie überwiegen die Vorteile. Pure Idylle, die Zeitschriften wie „Landlust“ zeichnen, finde sich auf den Höfen genauso selten wie die hinterwäldlerische Atmosphäre des Fernseh-Formates „Bauer sucht Frau“, sagt Siegel: „Die Realität liegt dazwischen.“

Nanna Harms hat sich mit voller Überzeugung für das Landleben entschieden. Die Tochter aus einem Musikerhaus bei Hamburg hatte eher aus Verlegenheit eine landwirtschaftliche Lehre begonnen, der Abi-Schnitt reichte nicht für Tiermedizin. „Nach zwei Wochen Lehrzeit war klar, ich wollte Landwirtin werden und nichts anderes“, sagt sie. Eher Zufall war es, dass sich die tierbegeisterte junge Frau dann in einen Ackerbauern ohne Vieh verliebte.

In Riestedt hielten erst mit ihr Hündin, Kühe, Ponys und die Hühner Einzug. „Für Kinder hat das Hofleben nur Vorteile“ unterstreicht die Bäuerin. Sie profitierten vom Miteinander der Generationen. Zwar bestimme die Arbeit den Tagesablauf, dennoch sei auch ihr Mann für die Kleinen und sie selbst immer greifbar. Eine Woche findet die Familie auch im Sommer Zeit für eine gemeinsame Ferien. Und Nanna Harms verrät, was wahre Leidenschaft heißt: „Wir machen meistens Urlaub auf dem Bauernhof.“

Von Karen Miether (epd)

Eben nicht die Idylle von
„Bauer sucht Frau“

„Und plötzlich war ich Bäuerin“: Genau das hieß es für die Frauen, die in diesem Buch von ihren Erfahrungen durch die Einheirat in einen ländlichen Betrieb erzählen. Welche Momente machten es für sie leicht, welche eher schwer? Haben sie Erfüllung gefunden oder überwiegt gar das Gefühl der Reue? Tauchen Sie beim Lesen dieses Buches zusammen mit den Protagonistinnen ein in eine unbekannte Welt.  So beschreibt der Landwirtschafts Verlag das Buch der Vorsitzenden des Evangelischen Bauernwerkes Württemberg, Ulrike Siegel. Die Autorin wuchs selbst auf einem Bauernhof im Zabergäu (Baden-Württemberg) auf. Als Inhaberin zweier Meistertitel in Landwirtschaft und ländlicher Hauswirtschaft arbeitete sie mehr als ein Jahrzehnt auf dem elterlichen Hof bevor sie an der Fachhochschule Nürtingen das Studium der Agrarwissenschaften abschloss. Es folgten mehrere Auslandsaufenthalte in Lateinamerika, Afrika und Indien. Doch sie kehrte immer wieder in ihre württembergische Heimat zurück: „Meine langjährige Arbeit in der praktischen Landwirtschaft haben mir durch eigenes Erleben einen tiefen Blick in die Lebensrealität auf den Höfen ermöglicht. Die zahlreichen Auslandsaufenthalte, bei denen ich mich vorwiegend mit den Arbeits- und Lebensbedingungen von Landfrauen in den jeweiligen Ländern beschäftigte, gaben mir dazu ergänzend einem weiten Blick von außen.“

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